Sparte: Sachbuch

Michael Hagner
Der Hauslehrer - Die Geschichte eines Kriminalfalls

Buchbesprechung

Als einer der ersten beschrieb der Wiener Arzt Richard von Krafft-Ebbing das Phänomen des „Knabengeisslers“ in seiner Psychopathia sexualis von 1886: Wenn dem sadistisch veranlagten Mann das eigentliche Objekt seiner Begierde, die Frau, nicht zur Verfügung stehe, versuche er seinen Trieb durch das Prügeln von „beliebigen, lebenden und empfindenden Objekten, Kindern und Thieren“ zu befriedigen. Sonderlich treffend scheint der Begriff des „Knabengeisslers“ hier also nicht. Auch dann, wenn es um Pädagogen ging, die ihre Position gegenüber männlichen Jugendlichen und Kindern ausnutzen, blieben die Kommentare unpräzise. In den Ausführungen etwa, mit denen der berühmte Gerichtsmediziner Albert Moll einen solchen Fall begutachtete, spielt die womöglich libidinös motivierte Gewalttätigkeit des Lehrers eine Nebenrolle, im Zentrum der Expertise stand der vermeintliche Masochismus der leidtragenden Schüler.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Zusammenhang von Sadismus und Erziehung immer wieder gestreift, aber nie eindeutig benannt. Den Pionieren der Sexualwissenschaft fehlte eine verbindliche Terminologie ebenso wie ein kanonischer Fall. Kurz nach der Jahrhundertwende lieferte ihnen ein Jura-Student namens Andreas Dippold beides: Im Oktober 1903 wurde dem damals Vierundzwanzigjährigen in Bayreuth der Prozess gemacht. Dippold war angeklagt, den seiner pädagogischen Obhut anvertrauten Bankierssohn Heinz Koch zu Tode geprügelt zu haben. Acht Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrberaubung wurden als Strafmaß verhängt. Die Bevölkerung zeigte sich entrüstet, dass die „Bestie“ so milde davon gekommen war, die Zeitungen kannten über Monate hinweg kein anderes Thema, und schon bald fand sich in wissenschaftlichen Lehrbüchern der Begriff „Dippoldismus“ als Synonym für Erziehersadismus.

Der Frage, weshalb ausgerechnet die Causa Dippold solch hohe Wellen in sämtlichen Kreisen der wilhelminischen Gesellschaft schlug, widmet sich Michael Hagner in seiner diskursgeschichtlichen StudieDer Hauslehrer. In einer gelungenen Mischung aus dokumentarischer Akribie und erzählerischer Dramaturgie zeichnet der Zürcher Wissenschaftshistoriker die Entstehungsgeschichte eines Skandals nach und analysiert, wie die unterschiedlichen akademischen Disziplinen an die öffentlich-mediale Erregung anschlossen, um Dippold schließlich als Musterexemplar einer bis dato unbekannten Spezies ins Kabinett der sexuellen Perversionen einzuführen.

Anders als all die Journalisten, Mediziner, Rechtswissenschaftler, Psychologen und Pädagogen, die damals versuchten, den Tod Heinz Kochs für ihre jeweilige Position zu instrumentalisieren, hält sich Hagner bei der Rekonstruktion des Geschehens an die überlieferten Fakten: Der Vater des Opfers, Rudolf Koch, war vielbeschäftigter Vorstandssprecher der Deutschen Bank, sämtliche Erziehungsfragen delegierte er an seine Frau Rosalie. Standesüblich hoch waren die Erwartungen der Eltern an ihre acht Kinder. Vor allem die beiden Nesthäkchen, der 13-jährige Heinz und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Joachim, enttäuschten durch Lernschwäche und Disziplinlosigkeit. Als selbst prestigeträchtige Internate versagten, beauftragte die Bankiersgattin im Jahr 1902 Dippold mit der Persönlichkeitsbildung ihrer Sorgenkinder. Fernab der Berliner Heimat, auf dem Familiengut im Harz, sollte der Hauslehrer „anständige Menschen“ aus ihren Söhnen machen. Auf dem Postweg unterrichtete Dippold sie über seine Erziehungsmethoden – fettarme Kost, rigorose Leibesertüchtigung im Freien, unvermeidlich sei auch körperliche Züchtigung, um das Hauptlaster der Jungen, die Masturbation, zu unterbinden. Die Mutter hatte keine Einwände.

Wenn im Kaiserreich vor dem Dippold-Prozess über irgendetwas pädagogischer Konsens herrschte, dann über die Verwerflichkeit der kindlichen Onanie. Auch als die Eltern von Dritten erfuhren, dass die Jungen mit Striemen und Prellungen übersät waren, griffen sie nicht ein. Mit den absurdesten Mitteln versuchte Dippold seinen Zöglingen die unterstellte Selbstbefriedigung auszutreiben. Er nötigte ihnen schriftliche Schuldbekenntnisse ab, fesselte sie nachts an Armen und Beinen, des Öfteren schlief er sogar zwischen ihnen. Und natürlich drosch er weiter auf sie ein. Die Situation eskalierte, als Dippold die Erlaubnis erhielt, mit den Jungen in sein fränkisches Heimatdorf umzuziehen, wo er sein Erziehungsregime völlig unbehelligt durch die Kochschen Hausangestellten fortführen konnte. Am Morgen des 8. März 1903 bat Heinz, im Bett bleiben zu dürfen. Als nachmittags ein Arzt gerufen werden musste, konnte dieser nur noch den Tod des Jungen feststellen.

Neben den von Dippold stammenden Verletzungen wurde bei der Obduktion diagnostiziert, dass Heinz seit seiner Geburt an einer Schädelfehlbildung und einer Nierenschwäche litt. Inwiefern diese organischen Defekte eine Rolle für den tödlichen Ausgang der Misshandlung gespielt haben könnten, bleibt ungeklärt. Dennoch trägt das Buch den UntertitelGeschichte eines Kriminalfalls zu Recht. Auf rückblickende Spekulationen über die genauen Todesursachen verzichtet Hagner, sein detektivisches Gespür konzentriert er darauf, die inneren Widersprüche und die Willkür der zahlreichen Debatten freizulegen, die damals um die Deutungshoheit des Vorfalls konkurrierten: Während der Gerichtsverhandlung machte Dippold keinen Hehl aus seiner Gewaltanwendung, glaubte er sein Handeln doch im Einklang mit dem pädagogischen Zeitgeist. Zum sexuellen Monstrum für die Öffentlichkeit wurde er erst, als das Onanie-Problem der Koch-Kinder plötzlich keine Rolle mehr spielte. Unmöglich, so wurde argumentiert, dass solch rosige, runde Jungen jemals diesem auszehrenden Laster gefrönt haben sollen. Während einige Journalisten dem einflussreichen Vater folgten, der die sexuelle Unbescholtenheit seiner Familie gegen den Angeklagten in Stellung brachte, sahen andere in den Eltern typische Repräsentanten der dekadenten, verantwortungslosen Oberschicht und stilisierten das Verbrechen zum Symptom des allgemeinen gesellschaftlichen Niedergangs. Der Prozess wurde zum Aufhänger für die unterschiedlichsten Polemiken, an die wiederum Rechts- und Humanwissenschaften anknüpften. Den Juristen kam der Fall in Zusammenhang mit der damals heftig diskutierten Reform des Strafrechts gelegen. Pädagogen, Psychiater und Mediziner hatten die Psychopathologie des Sadismus gerade erst entdeckt und kanonisierten den Hauslehrer der Kochs nicht zuletzt so begierig, weil er sich als empirische Alternative zu den wenig wissenschaftlichen Beispielen aus den Schriften des Marquis de Sade gewissermaßen aufdrängte.

Die eigentliche Person Dippolds, die bei diesem Sturm der Entrüstung und Debatten völlig aus dem Blick geriet, wird von Hagner keineswegs exkulpiert. Allerdings geht es dem Autor nicht um moralische Fragen, ebenso wenig erliegt er der Gefahr, das von ihm verhandelte Geschehen mit der aktuellen Missbrauchsdiskussion anlässlich der Vorfälle in der Odenwaldschule und verschiedenen katholischen Bildungsstätten zu verzahnen. Die kühle, vielschichtige Analyse Hagners beschränkt sich auf eine diskursgeschichtliche Zäsur zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts; die gesellschaftlich-kulturelle Dynamik, durch die sich das Verbrechen des Hauslehrers vom spezifischen Ereignis zum paradigmatischen Fall wandelte, wird in ihrer zeitgeschichtlichen Bedingtheit beschrieben. Wer heute „Dippoldismus“ in medizinischen Lexika nachschlägt, erfährt, dass es sich um eine historische Bezeichnung handelt. Aus der gegenwärtigen psychopathologischen Diagnostik ist der Begriff verschwunden. Dippold selbst hat sich nach Ende seiner Haftstrafe in Lateinamerika als Anwalt versucht, hier verliert sich auch seine Spur.
Marianna Lieder

Von Marianna Lieder, 01.03.2011

​Marianna Lieder ist seit 2011 Redakteurin beim „Philosophie Magazin“. Als freie Journalistin und Literaturkritikerin arbeitet sie u. a. für den Tagesspiegel, die Stuttgarter Zeitung und Literaturen.