Sparte: Belletristik

Annette Pehnt
Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen das muss gar nicht lange dauern

Buchbesprechung

Es sind keine Wohlfühlwelten, in denen die 1967 geborene Schriftstellerin Annette Pehnt ihre Stoffe findet: Alten- oder Behindertenheime, vom Mobbing vergiftete Arbeitszusammenhänge, von Tristesse angekränkelte Ehen. Familien, in denen man nicht Kind sein möchte, Orte, die Beklemmung einflößen, wie das Sterbezimmer eines Krankenhauses oder eine Klinik-Abstellkammer, die als behelfsmäßige Geburtsstation dient, weil niemand außer der Putzfrau sich um eine Hochschwangere kümmert.

Da bildet die erste Geschichte in Pehnts neuem Erzählungsband eine fast kuriose Ausnahme: Eine ICE-Zugbegleiterin berichtet aus ihrem Berufs- und Seelenleben. Freilich erweist sich die Dame sogleich als gefährdet, frustriert, krisengeschüttelt hinter der Fassade ihres antrainierten Lächelns und ihrer adretten Uniform. Schon dass sie sich unter drei verschiedenen Namen vorstellt, kann als Symptom dafür gedeutet werden, dass Annette Pehnt keinen Milieu-Realismus anstrebt, sondern den Leser auf subtile Weise in die mehr oder weniger verzerrte Welt- und Selbstwahrnehmung ihrer Figuren hineinziehen will. Ihre Sprache, nüchtern, lakonisch und nur auf den ersten Blick kunstlos, hält die Erzählungen in sorgsam austarierter Balance auf der schmalen Grenze, die das Gewöhnliche vom Beunruhigenden trennt.

Die ICE-Schaffnerin hat zu den Fahrgästen, die sie betreuen muss, eine Beziehung, die den Rahmen ihrer Dienstfunktion sprengt: Sie genießt die physische Nähe, registriert Nuancen der Kommunikation, projiziert ihre unerfüllte Sehnsucht nach menschlichem Kontakt in die flüchtigen Begegnungen mit den Reisenden, überlässt sich liebevollen oder hasserfüllten Phantasein über deren Woher und Wohin.

Man kann sich auch wortlos aneinander gewöhnen, das muss gar nicht lange dauern – so lautet der zentrale Satz aus dem inneren Monolog der Zugbegleiterin, und so heißt auch der ganze Erzählungsband. Ein Titel von sperriger Länge, der wie eine verzweifelte Beschwörungsformel anmutet: Tatsächlich sind bei genauem Hinsehen alle Figuren in diesen Erzählungen auf ähnliche Art bedürftig, sie bräuchten Berührung, Tröstung, Beistand in einer Umgebung, von der sie sich entfremdet haben oder in der sie nie Fuß fassen konnten.

Wünschen darf man sich alles ist ein Stück überschrieben, das Hierarchie und Hackordnung, Ausgrenzung und Absonderung in einem Heim für behinderte Kinder schildert – vielleicht ein wenig zu nahe an einer Sozialstudie, um das Irritationsniveau der gelungensten Geschichten zu erreichen. Etwa jener von Georg, dem schwächlichen, autistisch verschlossenen Jungen, der eine unnatürliche Neigungzu Vögeln entwickelt und einem Vogel immer ähnlicher wird: Leicht schief ist seine Gestalt, wie in Schräglage zur trostlosen Durchschnittlichkeit seiner Sechziger-Jahre-Eltern gezeichnet.

Damit verwandt ist die unmerkliche Schiefe, die im Gesicht einer Frau zurückbleibt, nachdem sie eine Hirnblutung erlitten hat und ihre Familie deshalb auf die geplante Schwedenreise verzichten musste. In dieser Formulierung, so scheint es, charakterisiert die Autorin ihre eigene Technik, durch minimale Verschiebungen und Abweichungen das Alltägliche auf die Kippe zu stellen und die Fragilität aller Normen, Pläne und Lebensentwürfe spürbar werden zu lassen.

Ist es die Sehnsucht nach Zuwendung, die eine junge Frau in den Schönheitssalon einer alten Chinesin treibt? Deren Botschaft lautet: Die Schönheit schlummert in Ihrem Gesicht. Sie haben nur vergessen, wo sie ist. Etwas ist verlorengegangen im menschlichen Mit- und Nebeneinander, so wie derschwarze Stein von einer griechischen Insel, den die Mutter zweier Geschwister ein halbes Jahrhundert lang als Talisman bei sich trug und der auf der Intensivstation des Krankenhauses plötzlich von ihrem Nachttisch verschwindet und nach ihrem Tod unauffindbar bleibt.

Die Zugbegleiterin erleidet einen Hörsturz und sucht Halt bei einer fremden Reisenden, von der sie sich wünscht, dass sie mich noch fester umarmt, dass sie micht hält und meine Haare streicht und mir über das Gesicht streichelt. Der Zug fährt nach Nirgendwo. Annette Pehnt aber bleibt mit ihrer ebenso diskreten wie eigensinnigen Beobachtungskunst in der Spur, die zu einem tieferen Verständnis des Abseitigen und Wunderlichen führen kann. Die Außenseiter sind mitten unter uns – es wäre ein Zeichen von Humanität, sich wortlos und umstandslos an sie zu gewöhnen.
Kristina Maidt-Zinke

Von Kristina Maidt-Zinke, 01.01.2011

​Kristina Maidt-Zinke ist Literatur- und Musikkritikerin der Süddeutschen Zeitung und rezensiert für Die Zeit.