Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Jutta Richter
Jörg Mühle (Illustrator)

Hexenwald und Zaubersocken

Buchbesprechung

Karla Ingwer Loretta, kurz Karla genannt, hat eigentlich alles, was eine moderne Hexe sich so wünscht; sie ist jung, hübsch und klug, wohnt in ihrem eigenen Häuschen im Wald, strickt magische rote Socken und wenn es Abend wird, dann singt sie den Friedenszauber. Allerdings gibt es eine Sache, die ihr zu ihrem Glück noch fehlt; da draußen im Wald kommt selten jemand vorbei, mit dem man sich Geschichten erzählen könnte, und so fühlt sich Karla oft ein wenig einsam.

Einsam fühlt sich auch Robert, der Kohlenträger. Er lebt in der großen Stadt und schuftet für den Kohlenhändler Klawuttke. Für seine schwarzen Hände schämt sich Robert so sehr, dass er es noch nie gewagt hat, eine Frau anzusprechen. Dabei hat er eigentlich vieles, was sich eine Frau so wünschen kann; er ist jung, hat semmelblonde Haare über einem freundlichen Gesicht, ist zuverlässig und hört für sein Leben gern Geschichten – genau der Richtige also, für Karla.

Nur, wie sollen die beiden jemals zusammen kommen – liegt doch das windschiefe Hexen-Häuschen tief im Wald verborgen, weit weg von den Kohlekellern der großen Stadt? Diese Frage löst die bekannte und mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnete Kinderbuchautorin Jutta Richter in ihrem Buch Hexenwald und Zaubersocken, auf ebenso warmherzige wie amüsante Art und Weise und erzählt dabei eine hintersinnige Geschichte von der Liebe und vom Glück.

Denn zum Glück für Karla und Robert gibt es auch noch die alte Hermine Schlott. Sie ist die eigentliche Hexe in dieser Erzählung, was dem Leser aber erst nach und nach aufgeht. Ihr altes, verwinkeltes Haus ist vom Keller bis zum Dachboden vollgestopft mit den merkwürdigsten Dingen. Darunter befindet sie auch ein Paar jener warmen roten Socken, die Karla an langen Winterabenden zu stricken pflegt. Als Robert der alten Hermine Schlott wieder einmal die Kohlen liefert, erzählt diese ihm die Geschichte von der jungen, hübschen und klugen Hexe, die weit weg im Wald allein in einem windschiefen Häusschen lebt. Wirklich sei, „was man weiß und was man glauben will“, beschließt Hermine Schlott vielsagend ihre Erzählung und schenkt Robert die roten Socken.

Damit ist ein Anfang gemacht und gleich am nächsten Morgen macht sich Robert auf die Suche nach Karla und findet schließlich den Weg zu ihrem Häuschen im Wald – oder waren es die roten Socken, die ihm den Weg gewiesen haben? So ganz genau weiß das keiner und auch nicht, ob der Zauberspruch, den die alte Hermine Schlott noch aus der Ferne schickt, um den beiden die Zunge zu lösen, überhaupt notwendig gewesen wäre. Denn bei Brombeerwein, Butterbrot und Geschichtenerzählen sind sich Karla und Robert schon so nahe gekommen, dass ein ganz anderer Zauber zu wirken beginnt; einer, der Karla schließlich von ihrem Einsiedlerdasein erlösen wird und Robert den Mut aufbringen lässt, seine Arbeit beim Kohlenhändler zu kündigen und zu ihr in den Wald zu ziehen.

Diese Geschichte über das glückliche Finden der Liebe wird von Jutta Richter in zumeist kurzen knappen Sätzen und einfacher Sprache erzählt. Die Handlung ist damit schon für jüngere Kinder verständlich und Leseanfängern bietet sich die Möglichkeit, sich das Büchlein auch selbst zu erlesen. Die Autorin benötigt nicht viele Worte, aber diese sind umso liebevoller gewählt. So begegnen dem Leser immer wieder erfrischende Vergleiche und gelungene sprachliche Bilder, etwa, wenn Robert von der schönen Hexe Karla träumt, mit den grünen Augen „wie Dezembersterne“, den Lippen, „rot wie Erdbeermarmelade“ und der hellen Haut, die so gut nach Lavendelseife duftet.

Dabei kippt die Geschichte nie ins Sentimentale, das verhindern die lebhaft gehaltenen Dialoge ebenso wie der locker-humorvolle Erzählton, in dem oft ein Augenzwinkern mitschwingt. Als Robert seine Angebetete endlich gefunden hat, erweist sich Karla weniger als ätherisches Märchenwesen denn als pragmatische junge Frau, die dem vom langen Herumirren im dunklen Wald völlig Entkräfteten erstmal ein Butterbrot schmiert und für beide eine Flasche Brombeerwein öffnet.

Doch es zeigt sich auch, dass Karla, die ihr Leben im Wald in praktischen Versorgungsfragen durchaus patent und selbstständig meistert, sich zugleich sehr alleine fühlt. Kurz vor Roberts Eintreffen hatte sie noch traurig in ihrem Sessel gesessen und sich vor der Einsamkeit des herannahenden Winters gefürchtet.

Für diese dunklen Seiten der menschlichen Existenz, wie Angst, Einsamkeit und Traurigkeit hat die Autorin ein ganz wunderbares Bild gefunden: das „arme Dier“. „Das arme Dier war schwammig nebelkalt und feucht. Es hatte große, nasse Augen und eine kalte, weiche Zunge. An den dunkelsten Wintertagen schob es sich unter der Tür durch. Es legte sich in Karlas Hexenkessel und kroch abends mit ihr ins Bett. Das arme Dier war ganz und gar aus Traurigkeit gemacht. Und wenn es da war, dann wurde Karla herzenskalt, und alle Freude war verschwunden.“

Humorvoll ins Bild gesetzt vom Illustrator Jörg Mühe erscheint das „arme Dier“ zunächst als eine haarlose, kuscheltierartige Kreatur, die jedoch später ihr wahres Gesicht zeigt und als zähnefletschendes Monster Robert und Karla fast noch auseinander bringt. Doch die beiden, die sich so sehr nach dem herzerwärmenden Austausch mit einem anderen Menschen gesehnt haben, erkennen schließlich auch, dass das „arme Dier“ gegen zwei Geschichtenerzähler wie sie eigentlich keine Chance mehr hat. So ist dieses Märchen über die Liebe letztlich ebenso eine Geschichte über die Macht des Erzählens und des Zuhörens.

Die alte Hermine Schlott ist sich dessen schon lange sicher gewesen, schließlich steht es in ihrem großen Hexenbuch auf Seite 55 verzeichnet: Über „…die wirkliche Liebe, die auch sehr haltbar ist und lange glücklich macht: Da sind zwei Menschen, die treffen sich und entdecken, dass sie die gleichen Dinge mögen. Sie werden zusammensitzen und ihre Herzen erkennen, denn sie sprechen eine Sprache. Sie werden sich niemals miteinander langweilen, denn sie werden sich Geschichten erzählen.“
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Von Eva Jaeschke, 01.11.2010