Sparte: Belletristik

Uwe Timm
Halbschatten

Buchbesprechung

Eigentlich ist es eine Art Jenseitsreise, die der namenlose Ich-Erzähler in Uwe Timms neuem Roman antritt. An einem grauen Novembertag besucht er den Berliner Invalidenfriedhof und lässt sich von einem hageren Herrn in vage preußisch anmutenden Schnallenschuhen und tailliertem Mantel durch die Gräberreihen geleiten. Genau wie Dantes Vergil kennt der Herr, genannt „der Graue“, die Bewohner des Terrains, erläutert seinem Schützling deren Herkunft und Biographie, gibt Erklärungen und Hinweise. Die Toten ergreifen ungefragt das Wort, und der Erzähler ist kaum mehr als ein überdimensioniertes Ohr. Ein Stimmen-Cluster legt sich über den unwirtlichen Ort, ein Chor aus lauter Zeitzeugen quer durch die Jahrhunderte hindurch. Generäle, Admiräle, Jagdflieger, Sturmführer der SA, einfache Soldaten, Zivilisten.
Manche klingen militärisch zackig, sind voller Stolz, unverbesserlich, andere wirken verzagt oder gebrochen. Es gibt berühmte Tote wie Scharnhorst, von Richthofen oder den berüchtigten Heydrich.

Allesamt verkörpern sie die Hinterlassenschaften der deutschen Geschichte: von den Eroberungskriegen Friedrich II. über die Bismarckschen Einigungskriege bis zum Ersten und Zweiten Weltkrieg, vom preußischen Militarismus bis zu den Gräueltaten der Nationalsozialisten. Was die Zeitläufte für das einzelne Schicksal bedeuteten, wird am Beispiel der Fliegerin Marga von Etzdorf deutlich. Sie ist das Gravitationszentrum des kunstvoll zusammengesetzten Mosaiks, und um diese Frau, die in ihrer Lederkluft eine neue Weiblichkeit verkörperte, die durch Langstreckenflüge zum Star wurde und 1933 mit fünfundzwanzig Jahren den Freitod wählte, gruppieren sich die Stimmen, die am häufigsten auftauchen.
Halbschatten lautet der Titel dieser Stimmen-Collage, und im Grunde umreißt der Begriff das ästhetische Unterfangen: in einem Wechsel aus Licht und Schatten, vermittelt durch verschiedene Reden der Toten, gewinnen die Figuren Prägnanz. Licht und Schatten spielen auch auf motivischer Ebene eine Rolle: Sie sind Gestaltungselemente japanischer Räume, die Abstufungen der Schatten machen das Dunkle begreifbar. Der Kern des Buchs: eine Liebesgeschichte. Marga von Etzdorf trifft nach ihrer Landung in Japan auf den deutschen Konsul Christian von Dahlem, ebenfalls ein Flieger und im Ersten Weltkrieg durch ein silbernes Zigarettenetui in seiner Brusttasche knapp dem Tode entkommen. Mit seiner lässigen Weltläufigkeit nimmt sie dieser Mann sofort für sich ein. Dahlem bietet ihr sein Zimmer als Quartier an und trennt es durch einen Vorhang in zwei Teile. Für den jeweils anderen nur als Schattenriss wahrnehmbar, entspinnt sich im Verlauf der Nacht ein intimes Gespräch über Leidenschaften. Aber die erotisierte Atmosphäre hat keine Folgen, nur das Zigarettenetui wird unter dem Vorhang hindurch geschoben. Zwei Jahre später sucht Marga nach einem Geldgeber für einen Flug nach Afrika, Dahlem gibt ihr einen Tipp, und hinterrücks fliegt Marga in nationalsozialistischer Mission. Nach einer Bruchlandung in Syrien erschießt sie sich. Nicht nur die unerwiderte Liebe, sondern auch die Erfahrung der Instrumentalisierung scheinen diesen Schritt zu erzwingen. Natürlich wird uns das Ganze nicht so eindimensional und linear präsentiert; das Geheimnis um den frühen Tod der jungen Frau ist das spannungstreibende Element des Romans. Uwe Timm lässt das nächtliche Gespräch immer wieder abreißen: die Friedhofsgenossen krakeelen herum, jeder gibt seinen Senf dazu. Am häufigsten mischt sich der Schauspieler Miller ein, der von Margas fliegerischem Wagemut fasziniert war und sie selbst gerne erobert hätte.

Uwe Timm, vielleicht inspiriert von der Zeichenhaftigkeit japanischer Kunst, verzichtet auf eine epische Entfaltung seiner verschiedenen Erzählebenen und lädt einzelne Motive symbolisch auf: die Flugzeuge, Dahlems silbernes Zigarettenetui mit dem Geschosssplitter, japanische Gefäße, die aus Scherben zusammengesetzt sind. Außerdem treibt der Schriftsteller mit seinem Leser dasselbe Spiel, das Dahlem mit Marga inszeniert, und baut ihn durch erzähltechnische Coups zu einer zwielichtigen, mephistophelischen Figur auf.
Auf den ersten Blick scheint der Diplomat seinem Gast mit großer Offenheit zu begegnen. Er weiht Marga ein in die Schönheit japanischer Malerei und Keramik, entlockt ihr ihre Geheimnisse und erzählt von der Frau eines Freundes, mit der er eine Affäre hatte. Wie Marga lässt man sich von seiner charmanten Art blenden und bemerkt nicht, dass der Diplomat vollkommen undurchsichtig bleibt. Er meldet sich nämlich als einziger nicht aus einem Grab zu Wort; seine Äußerungen werden von Marga und Miller aus der Erinnerung wiedergegeben. Damit bleibt der geheime Fluchtpunkt der Geschehnisse unscharf. Erst gegen Ende des Romans wird Christian von Dahlem kenntlich. Halbschatten wirkt wie ein Mobile, schwebend, tänzelnd und in viele Richtungen offen.

Dokumentarisches Material wird durch Fiktion ergänzt und bekommt eine neue Sinnfälligkeit.
Subtil deutet Uwe Timm die mentalitätsgeschichtlichen Voraussetzungen des Nationalsozialismus an. Das Monströse jener Zeit schlägt einem nicht nur bei dem Strategen des Holocaust Heydrich entgegen, dessen Piepsstimme im Widerspruch zu seiner martialischen Erscheinung stand und der sich die "Gegnerkartei" für abtrünnige Parteigenossen ausdachte, sondern auch bei Dahlem. Mit seiner unpolitischen Haltung und seiner distanzierten Skrupellosigkeit ebnet er den Nazischergen den Weg. Nur Marga von Etzdorf hält sich trotz ihrer Bruchlandungen und dem langsam verblassenden Mythos der fliegenden Frau unbeschadet. Ihr Tod ist ihr deutsches Schicksal.
Maike Albath

Von Maike Albath, 01.01.2008

​Maike Albath ist Literaturkritikerin und Journalistin beim Deutschlandfunk und DeutschlandRadioKultur. Sie schreibt außerdem für die Neue Zürcher Zeitung und die Süddeutsche Zeitung. Im Berenberg Verlag liegen ihre Bücher "Der Geist von Turin" (2010) und "Rom, Träume" (2013) vor.