Sparte: Sachbuch

Harald Welzer
Klimakriege - Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird

Buchbesprechung

2005 verwüstete der Hurrikan „Katrina“ New Orleans. Ein Jahr zuvor hatten ein Seebeben im Indischen Ozean und die daraus entstehende Flutwelle über 200.000 Menschen das Leben gekostet. Die Bilder der Zerstörungen und des menschlichen Elends haben sich tief ins mediale Gedächtnis eingebrannt. 2007 wurde das Wort „Klimakatastrophe“ von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum „Wort des Jahres“ gewählt.

In Klimakriege stellt Harald Welzer die Frage, wie Klima und Gewalt zusammenhängen. Anstatt von „Klimakatastrophen“ spricht der Autor bewusst von „sozialen Katastrophen“, denn zu katastrophalen Ereignissen werden Naturvorgänge erst durch ihre Folgen für die Menschen. Diese müssen auf die Veränderungen in ihrer Umwelt reagieren, um ihr Überleben zu sichern. Gewalt könne dabei zu einer selbstverständlichen Handlungsoption werden. Und zwar nicht erst in der Zukunft. In Darfur wird schon jetzt ein Krieg geführt, der maßgeblich vom Kampf um knapp gewordene Ressourcen verursacht wurde - ein „Klimakrieg“. Anschaulich und eindringlich beschreibt Harald Welzer die sozialen Konsequenzen des Klimawandels, dessen Auswirkungen, so sein Fazit, die sozialen Ungleichheiten auf dem Globus verschärfen.

Über die Faktizität des Klimawandels brauche man ohnehin nicht zu streiten, ebenso wenig wie über den Zusammenhang zwischen Treibhauseffekt, Erderwärmung und industriell verursachten Emissionen. 600 Milliarden Tonnen Kohlendioxid befanden sich bis zum Beginn der industriellen Revolution in der Atmosphäre, in den letzten zweihundert Jahren stieg diese Zahl auf 800 Milliarden Tonnen - und ein Ende ist angesichts des Industrialisierungsprozesses der Schwellenländer nicht in Sicht. Um die Erderwärmung in den Griff zu bekommen, dürfte die Temperatur, im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, nicht um mehr als zwei Grad steigen. Dafür müssten die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen in den nächsten 50 Jahren mindestens um die Hälfte verringert werden.

Der Autor hält dieses Ziel für äußerst unrealistisch, ja für nahezu unerreichbar. Vor diesem Hintergrund beleuchtet er die Auswirkungen des Klimawechsels auf die menschliche Lebenswelt. Für die einzelnen Regionen fallen diese ganz unterschiedlich aus. Afrika gehört zu den am stärksten betroffenen Kontinenten. Dort wird sich die ohnehin bedenkliche Trinkwassersituation weiter verschärfen, ganze Wirtschaftszweige wie Landwirtschaft und Fischerei sind durch Wassermangel, Bodendegradation sowie Artensterben bedroht, Seuchen können sich durch das wärmere Wasser leichter verbreiten. Südamerika wird unter dem sinkenden Grundwasserspiegel und der Wüstenbildung zu leiden haben. Das Abholzen der Regenwälder verstärkt die Bodenerosion, die Überflutungsgefahr wächst. Umgekehrt entstehen in nördlichen Zonen neue Landwirtschaftszweige wie der Weinanbau.

Es gehört zu den Ungerechtigkeiten des Klimawandels, dass die Staaten am härtesten betroffen sind, die ihn am wenigsten verursacht haben. Zudem verfügen sie über keinerlei Mittel, die Folgen der sozialen Katastrophe aufzufangen. Während Länder in Nordamerika und Europa in der Lage sind, die Ernährung der Bevölkerung zu sichern und Schäden materiell zu kompensieren, sind schwächere Staaten den Umwälzungen schutzlos ausgeliefert. Dort konkurrieren verschiedene Gruppen um schwindende Ressourcen, vielerorts wird Gewalt nicht nur vom Staat, sondern auch von halbstaatlichen oder paramilitärischen Einheiten angewendet: „Der Zerfall von Staat und Gesellschaft öffnet Räume für die brutale Durchsetzung von Interessen und für ein unübersichtliches Spektrum von Gewalttätern und Gewaltformen.“ Es entstehen „Dauerkriege“, an deren Beendigung die Akteure oftmals kein Interesse haben - Gewalt gegen die Bevölkerung sichert Hilfslieferungen aus dem Westen. Für die OECD-Staaten wiederum ist „humanitäre Hilfe“ in Kriegsgebieten eine „Dissonanzreduktion“ - ihr soziales Gewissen wird erleichtert.

Seitdem der Hurrikan „Katrina“ New Orleans zerstörte, gibt es den Terminus „Klimaflüchtling“. Welzer bringt diesen Begriff mit dem anhaltenden Ansturm von Migranten aus den am stärksten betroffenen Ländern in Verbindung. Die OECD-Staaten schotten ihre Grenzen ab, um die Folgen des Klimawandels „auf Distanz zu halten“, „Frontex“ heißt die mächtige und weitgehend autonome Grenzschutzorganisation der EU. Durch Auffanglager werden die Grenzen bis in die Herkunftsländer der Flüchtlinge verschoben. Und immer öfter lassen Regierungen private Sicherheitsfirmen Gewaltaktionen ausführen, die sie selbst nicht verantworten könnten.

Indirekt gerät also auch der Westen durch den Klimawandel unter Handlungsdruck. Er nimmt eine „gefühlte Bedrohung“ wahr und trifft Maßnahmen. Diese beruhen aber in erster Linie auf gefühlten und nicht auf objektiven Gefahren. Damit ändert sich natürlich auch die Wahrnehmung dessen, was als „verhältnismäßig“ gelten kann. Ausführlich erklärt Harald Welzer dieses Phänomen der „shifting baselines“. Exemplarisch führt er die Gesetze an, die seit den Attentaten vom 11. September in westlichen Staaten die Sicherheitslage verbessern sollen und dabei die Menschenrechte der Bürger einschränken. Überwachungen im Verdachtsfall und digitale Fingerabdrücke in Ausweisdokumenten seien, so der Autor, vor wenigen Jahren undenkbar gewesen. Seit den Terroranschlägen in New York und dem wachsenden Gefühl von Unsicherheit werden diese Maßnahmen von weiten Bevölkerungsteilen sogar gewünscht. Diese „shifting baselines“, so Welzer, können auch das Töten von Menschen als normal und sinnvoll erscheinen lassen. Als Beleg dient ihm der millionenfache Mord an Juden während der Shoah. Gewalt gegen Juden war „normal“ geworden, hatte sich in der nationalsozialistischen Ideologie zu einem logischen Ziel entwickelt: der „Endlösung“.

Damit wird das Morden Teil der zweckrationalen Logik der aufgeklärten Moderne. Konsequenterweise begreift Welzer Völkermorde nicht als „Betriebsunfälle“ fortschrittlicher Gesellschaftsformen, sondern als deren Folge. Die zu erwartenden „Klimakriege“ sind für den Autor eng verbunden mit dem vom Westen propagierten Gesellschaftsmodell und jener „globalisierte[n] Wirtschaftsform, die auf Wachstum und Ausbeutung von Naturressourcen setzt [und] als weltweites Prinzip nicht funktionieren kann“. In diese Richtung gehen auch die Lösungsansätze des Autors. Konkrete Gegenmaßnahmen im individuellen und nationalen Bereich hält er weder quantitativ noch qualitativ für ausreichend, Vereinbarungen auf zwischenstaatlicher Ebene für unwahrscheinlich. Er schlägt daher vor, den Bürgern mehr Partizipation einzuräumen. So muss jeder sich die Frage stellen, wie er in Zukunft leben will, wie sich die Menschheit langfristig entwickeln soll. Damit wäre sicherlich erreicht, dass der Einzelne mehr Verantwortung für ein Problem übernehmen muss, dessen Ursache in der Vergangenheit und dessen Lösung in der Zukunft liegt. Ein hinreichendes Mittel gegen die „Apokalypseblindheit“ angesichts einer unvorstellbar katastrophalen Zukunft kann freilich auch das nicht sein.

Eine endgültige „Lösung“ steht also noch aus. Welzer ist es jedoch ohne Zweifel gelungen, das Problem in seiner gewaltigen Dimension offenzulegen. MitKlimakriege leistet der Autor einen wichtigen Beitrag zur öffentlichen Debatte über den Klimawandel. Die verschiedenen Erkenntnisse, auf die sich seine Argumentation stützt, sind sicherlich nicht neu. Bedeutend und eindrucksvoll ist ihre Verknüpfung zu einem Gesamtbild, das die soziale Relevanz des Klimawandels eindrücklich vor Augen führt. Auch wenn es sich um ein erschreckendes Szenario handelt, bleiben Welzers Ausführungen schlüssig und plausibel, was vor allem den zahlreichen Beispielen zu verdanken ist. Mit Klimakriege hat Harald Welzer nicht nur ein intelligentes und spannendes Sachbuch verfasst, sondern auch eines, das Augen öffnen und den Blick schärfen soll. Ein ambitioniertes Unternehmen!
Vorname Name

Von Eva Kaufmann, 01.09.2008