Sparte: Belletristik

Rayk Wieland
Ich schlage vor, dass wir uns küssen

Buchbesprechung

Gut zwanzig Jahre ist es her, da passierte in Deutschland das Undenkbare: die Mauer, die Berlin und Deutschland in Ost und West geteilt hatte, fiel. Schnell erschallte der Ruf nach einer angemessenen künstlerischen Auseinandersetzung damit, nach einem Roman, der dieses einzigartige Ereignis in die passende literarische Form bringen sollte. Was sich daraus entwickelte, ist nicht weniger als ein ganz neues Genre: der Wenderoman.

So mancher Autor aus der ehemaligen DDR wie BRD hat sich daran versucht. Mit Günther Grass’ Ein weites Feld (1995), Thomas Brussigs Helden wie wir (1995), Ingo Schulzes Neue Leben (2005) und nicht zuletzt Uwe Tellkamps Der Turm (2008) scheint dieses Bedürfnis nach literarischer Vergangenheitsbewältigung inzwischen befriedigt und das öffentliche Interesse an diesem Thema weitgehend gestillt zu sein.

Jüngst ist allerdings ein Buch erschienen, das man sich trotz der Fülle von Wenderomanen nicht entgehen lassen sollte. Dies ist nämlich kein Wenderoman à la Grass oder Tellkamp; es ist eine Parodie auf das Genre.Ich schlage vor, dass wir uns küssen lautet der charmante Titel dieses nicht minder charmanten und äußerst sprachwitzigen Romans von Rayk Wieland.

Eines Tages findet der Protagonist, Herr W., in seinem Briefkasten die Einladung, auf einem Symposium mit dem Titel „Dichter. Dramen. Diktatur. Nebenwirkungen und Risiken der Untergrundliteratur in der DDR“ aus seinen Gedichten zu lesen. Herr W. kann mit diesem Ansinnen zunächst überhaupt nichts anfangen, denn er war gar kein Dichter – sagt er. Doch allmählich beginnt er sich zu erinnern: „Mein Gedächtnis startete schwach, sprach aber immerhin an. Ewigkeiten passierten die interne Rückschau. Jahrzehnte zogen vorüber. Staaten verschwanden. Mauern fielen um.“

Liane, seine Jugendliebe aus München kommt ihm in den Sinn. Mit ihr hat er während der deutsch-deutschen Teilung einige Jahre einen Briefwechsel geführt. Und ja, diesen Briefen, so fällt ihm wieder ein, hatte er auch das eine oder andere Gedicht beigelegt, um sie damit zu beeindrucken. Er lässt sich seine Stasiakte kommen, für die er sich all die Jahre zuvor nie interessiert hatte: „Ja, warum? Das war mir alles immer zu, wie soll ich sagen, blöd.“ Er erfährt, dass die Stasi alle diese Briefe und Gedichte abgefangen und auf staatsfeindliches Gedankengut hin ausgewertet hat. Und außerdem, dass man ihn schon als Jugendlicher zum potentiellen Staatsfeind erklärt und bespitzelt hat.

Jahrelange Bespitzelung, sogar durch Freunde und Bekannte, wiederholtes Eindringen in seine Privatsphäre – Herr W. erfährt durch das Aktenstudium so einiges, was andere Menschen in den Zustand höchster Empörung oder blanken Entsetzens versetzt hätte. Nicht so W. Er ist gelangweilt, bestenfalls amüsiert: „Ein Geheimdienst, der sich für die Pubertätsprotuberanzen eines 16-Jährigen interessiert, muß in seinem innersten zentral-zerebralen Kern plemplem, völlig gaga sein. Gut möglich, daß dieser Staat [...] am Ende durch die obsessive Konzentration seiner Spezialkräfte auf harmlose Hobby-Existentialisten wie mich völlig konfus wurde.“ Als Beispiel führt er die seinerzeit von ihm gegründete „Gruppe 61“ an, die die Stasi ebenfalls im Visier hatte – zu ihren Mitgliedern zählten neben W. ein Meerschweinchen und eine Standuhr.

Sich über die eigene Überwachung lustig zu machen, gehört wohl nicht gerade zu den typischen Reaktionen auf eine solche Entdeckung. Wieland schlägt in seinem Buch also einen mehr als unüblichen Ton in Sachen DDR-Aufarbeitung an. Praktisch alles, was an der DDR für gewöhnlich verurteilt wird, was schockiert oder betroffen macht, gibt der Erzähler der Lächerlichkeit preis, relativiert oder verharmlost es. Den Vorwürfen gegen die Stasi hält er z.B. entgegen, dass sich in der DDR doch alle gegenseitig überwacht hätten, Arbeitskollektive, Brigaden, Bekannte, Hausbuchführer. „Daß die Stasi auch noch herumkontrollierte, fiel eigentlich kaum ins Gewicht beziehungsweise störte nicht weiter.“ Und an anderer Stelle heißt es: „Akteneinsicht. Stasi. Gauck-Behörde. IM-Vorlauf. Operative Personenkontrolle. Wörter, bar jedes Charmes, die, bei mir zumindest, einen Gähnreflex auslösten, einen enormen Schub Langeweile.“

Doch Wieland distanziert sich nicht nur ironisch von der allgemeinen Empörung über die Missetaten des DDR-Staates, sondern ebenso vom Erinnerungs-Kult, der sich parallel dazu in den Jahren nach der Wende entwickelte. In einem „Zeitreisebüro“ bucht er eine „Regressions-Begleitung“ in die DDR, um dann als einzige verfügbare Erinnerung seine hemmungslosen Besäufnisse mit irgendwelchen Ost-Billigfuseln samt den dazugehörigen Kopfschmerzen noch einmal durchleben zu müssen.

So spöttisch, wie Herr W. die DDR und alles, was mit ihr zusammenhängt, im Nachhinein beurteilt, verwundert es nicht, dass er ihr bereits als Bürger des Arbeiter- und Bauernstaats mit abgeklärtem Sarkasmus gegenüberstand. Davon – auch dies ein ironischer Zug des Romans – erfahren wir allerdings erst durch die Protokolle in seiner Stasiakte, da er selbst immer wieder Erinnerungslücken hat. W. zählte ganz offensichtlich zur DDR-Bohème, führte ein Leben jenseits der offiziellen Linie. „Dahinter, dabei und jenseits dessen gab’s etliche Parallel-, Zwischen- und Unterwelten, die wunderbar funktionierten.“

Statt nach der Lehre ernsthaft zu studieren, vertreibt er sich die Zeit mit Rumhängen, Biertrinken, trifft die seltsamsten Personen und erlebt sonderbare Dinge. Da gibt es Lottogewinner, die schier verzweifeln, weil sie in der DDR ihr Geld nicht ausgeben können; die „Maximalkarriere“ hat ein Toilettenpächter gemacht, der die Klos am Alexanderplatz und in der Friedrichstraße verpachtet; sein Freund Moses stellt einen Ausreiseantrag, weil es in der DDR keine Golfplätze gibt, und die Stasi ist toll, weil sie wenigstens seine Gedichte liest.

In diesem „Dorado der Nischensysteme“ hat W. offensichtlich durchaus angenehm gelebt. So scheint auch der nahende Untergang des Systems kein wirkliches Interesse bei ihm hervorgerufen zu haben. Zusammen mit seinen Freunden sieht er `89 mit einem Bier in der Hand den Massen beim Demonstrieren zu und denkt sich sinnlose Losungen für deren Demoplakate aus: „Erst einsprühen, dann abruhen!“ Selbst die Nachricht vom Mauerfall nimmt er gelassen; bleibt, während alle Welt Richtung Bernauerstraße strömt, bei Zigarre und Cuba Libre in einer Bar sitzen (sehr zum Missfallen der Bedienungen) und philosophiert über das Unheil, das offene Türen oft mit sich bringen.

Natürlich fragt man sich immer wieder, inwieweit Rayk Wieland die gleichen Erfahrungen gemacht hat wie sein Herr W. Der Roman verführt dazu, ihn autobiografisch zu lesen, doch davor sollte man sich natürlich hüten. Seine Stasiakte und die Westfreundin hat W. mit dem Autor nach dessen Aussagen gemeinsam, mehr nicht. Doch autobiografisch oder nicht. Dass es solche Parallelexistenzen in der DDR gegeben hat steht außer Zweifel. Und das Bemerkenswerte an diesem kurzweiligen Buch ist, dass es den gewohnten Umgang mit der DDR auf (aber-)witzige Weise durchbricht.
Vorname Name

Von Anne Nordmann, 01.04.2010