Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Jens Soentgen
Vitali Konstantinov (Illustrator)

Von den Sternen bis zum Tau. Eine Entdeckungsreise durch die Natur. Mit 120 Phänomenen und Experimenten

Sachbuch

Buchbesprechung

​Erinnern wir uns noch an jene Zeit, als wir glaubten, wir seien Weltentdecker, Forscher und Philosophen (damals kannten wir das Wort noch nicht) in einem? Erinnern wir uns an jene Zeit, in der wir zehn oder elf oder zwölf Jahre alt waren, begeistert Abenteuerromane lasen und die Landschaften Karl Mays selbst im Eierbachtal um die Ecke fanden, in den aufgelassenen Steinbrüchen oder gar in einem Rinnsal, das sich aus einem Haufen tauenden Schnees am Straßenrand speiste? Damals glaubten wir, die Welt vor dem Horizont nicht nur durchwandern, sondern auch begreifen zu können. Und selbstverständlich fanden wir uns mit diesem Wissen gerüstet dafür, die Welt hinterm Horizont zu erkunden.

Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Die Informationen über die Welt draußen überrollten uns – in der Schule und durch die Medien. Vieles stand nebeneinander, widersprach sich sogar. Die Zusammenhänge, die wir in unserer kleinen Welt begriffen zu haben glaubten – sie galten nicht mehr für die große Welt. Und der fächerübergreifende, experimentierfreudige Erlebnisunterricht in den herkömmlichen Schulen, den gab es so wenig wie einen philosophischen Überbau, der uns das alles nicht nur zu begreifen, sondern zu verstehen lehrte. Es sei denn, wir hatten einen Lehrer, der uns Mut machte, die Welt trotz alledem weiterhin neugierig zu erkunden.

Dieses ungewöhnlich lange Vorwort ist nötig, um die Freude über ein Buch auszudrücken, das genau zu jener Phase der Neugierde und des Staunens über die Welt passt: Jens Soentgens Entdeckungsreise durch die Natur Von den Sternen bis zum Tau. Der Autor – welch Glück: Naturwissenschaftler und Philosoph zugleich – nähert sich in dem außergewöhnlichen Sachbuch einhundertzwanzig Naturphänomenen und stellt diese den jungen und junggebliebenen Weltentdeckern in achtzehn Kapiteln und zahlreichen Experimenten vor.

Schon vom äußeren Erscheinungsbild ist das vierhundert Seiten dicke Buch ein kleines Meisterwerk der Buchkunst, mit vielen, wunderschönen schwarzweißen Illustrationen von Vitali Konstantinov. In sanfter Sepiatönung wirken sie wie Zeichnungen in einem alten Handbuch der Naturkunde. Und manchmal, wenn es um die Darstellung des Homo Sapiens geht, künden sie auch von einem freundlichen Augenzwinkern gegenüber den selbsternannten Herren der Schöpfung.

Die Ästhetik des Buches ist jedoch nur ein angenehmer Nebeneffekt. Bedeutsamer sind die Überschaubarkeit und Begreifbarkeit, mit denen der Autor den potentiellen Weltentdeckern Forschung und Lehre nahebringt – eine wahrlich lebensnahe Didaktik. Am Beginn steht das große Staunen über die unzähligen Wunder allein in der Natur, die uns umgibt. Wie damals, als wir noch glaubten, wir befänden uns im Zentrum der Welt. Und aus diesem Staunen leitet Jens Soentgen die Hauptmotivation zum Forschen und Entdecken ab. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, könnte man mit Hesse behaupten. Um allerdings die Welt so zu sehen, braucht man einen festen Bezugsort, von dem aus man forscht. Als junge Entdecker standen wir, wie gesagt, mitten in unserer nahen Welt: das Tal, der Fluss, der Hügel, der Wald, der Steinbruch um die Ecke.

Der Autor wählt die Roseninsel im Starnberger See als vertrauten, ja liebgewonnenen Ort der Welterforschung. Von dort aus widmet er sich staunend den sichtbaren und unsichtbaren Naturerscheinungen „von oben bis unten, von den gewaltigen Dingen bis hin zu den winzigen.“ Von den Sternen überm See zum Himmel, zur Sonne, zum Mond, dann zum See, zur Insel, zu den Bäumen und Menschen und Vögeln und Fledermäusen – bis zu den Pflanzen. Und schließlich geht es hinein in die Erde und in den Mikrokosmos von Staub, Kieselalgen, Bakterien und Kohlenstoffatomen.

Bevor Jens Soentgen den Lesern leicht handhabbare Experimente vorschlägt, zu denen sie weder Mikroskop noch Fernrohr brauchen, weiß er stets Geschichten und Anekdoten zu erzählen, die belegen, dass Naturwissenschaften weit mehr sind als deren häufig zu beobachtender „kalter Gebrauch“. Naturwissenschaften sind sinnlich im engeren und im weiteren Sinn des Wortes: „Je mehr wir wieder lernen hinzusehen, hinzuhören und zu fühlen, zu schmecken und zu riechen – desto tiefer werden unsere Einsichten.“

Deshalb am Ende eine etwas gewagte Behauptung: Dieses Buch ist ein Buch fürs Leben, das viele Schulbücher grau aussehen lässt. Verbunden mit einem vertrauten, überschaubaren Ort der Forschung und mit einem im Hintergrund wirkenden und beratenden Mentor könnten sich die Leser zu wahrhaftigen kleinen und großen Weltentdeckern mausern. Vorausgesetzt, sie sind bereit, Zeit zu verlieren und nicht Zeit zu gewinnen. 
Siggi Seuß

Von Siggi Seuß, 19.05.2012

​Siggi Seuß, freier Journalist, Hörfunkautor und Übersetzer, schreibt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken.