Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Hannes Binder
Die Chronik des Zeichners

Graphic Novel

„Ein scharfes Auge ist ein zärtliches Gefühl“

Wie durch eine magische Kraft wird auch der unerfahrene junge Betrachter hineingezogen in die Bilderwelt des Schweizers Hannes Binder in seinem neuesten Werk „Die Chronik des Zeichners“, in der er die Geschichte seines Urgroßvaters erzählt und mit seiner eigenen Biografie als Illustrator und Maler verknüpft.
 
Wie kann so etwas von der ersten Bildseite einer Graphic Novel weg geschehen? Dass man wie durch ein Portal hineingezogen wird in eine andere Zeit, in ein unbekanntes Universum? Zuallererst hat das etwas zu tun mit der einzigartigen Licht- und Schattenwelt des Hannes Binder. Binders Illustrationen sind unverwechselbar. Man erkennt sie sofort an der ungewöhnlichen Technik, die an die Kunst des Holzschnitts erinnert. Er - einer der bedeutendsten Illustratoren und Graphic-Novel-Zeichner seines Landes - hat eine alte Technik wiederbelebt, die man in Italien „Incisione finta“ nennt, den „vorgetäuschten Holzschnitt“: Ein Karton wird mit einer hauchdünnen Gipsfarbschicht belegt, die mit einem ebenso dünnen schwarzen Pigmentfilm überzogen wird. Und diese schwarze Schicht wird mit feinsten Messern und Nadeln bearbeitet. So entstehen auf dem Originalblatt weiße Linien auf schwarzem Grund. Er schabt und kratzt das Licht aus der Dunkelheit. Und bringt damit die Schattierungen zum Vorschein, die sich hinter der Fassade einer, oberflächlich betrachtet, schwarzweißen Welt verstecken.
 
Hannes Binders Erzählung aus dem Leben seines Urgroßvaters führt tief in den damaligen Alltag eines gewerbefleißigen Schweizer Städtchens und einer einheimischen Handwerkerfamilie, deren Leben sich durch den industriellen Fortschritt am Ende des 19. Jahrhunderts verändert. Gleichzeitig weist die Geschichte weit über die Enge der Verhältnisse hinaus. Während Binder vom biederen Leben eines Kammmachers erzählt und von den Zeit und Raum überschreitenden Fantasien eines jungen Mannes, der seine Träume nicht verwirklichen kann, macht sich der Betrachter auch ein Bild vom Geschehen außerhalb der Bilder. Dabei wird Binders Forschungsreise immer wieder von Assoziationen zu seiner eigenen Geschichte als Maler und Zeichner unterbrochen und erweitert und führt, zum Beispiel, in die Künstlerszene Mailands und Hamburgs in den 1960er und 1970er Jahren, ja sogar nach Marokko, Ende der 1990er Jahre.
 
Tagebücher und Dokumente, die Binders Großmutter hinterlassen hat, bringen Licht in das Dunkel der Zeit in den kleinen Städten am Oberlauf des Rheins.
 
In einer Gaststube stoßen wir an der  Seite des Katzenfellhändlers Mugg auf eine weinselige, miefige Männergesellschaft, die den Neuankömmling begrüßt. Honorige Bürger der Stadt – unter ihnen ein indischer Fachmann für Textilfarben - schwadronieren über Gott und die Welt und den unaufhaltsamen Fortschritt der Industrie. Ihr Bewusstseinshorizont erstreckt sich dabei von existentialistischen Gedankenblasen bis zur Hymne aufs örtliche Schützenfest – Szenen, die etwas beklemmend Visionäres in sich tragen. In diesem engen Raum nehmen einem die verbreiteten Stimmungen und Gesinnungen schier die Luft zum Atmen, obwohl sich die Katastrophen des 20. Jahrhunderts noch hinter dem Horizont verstecken.
 
In diesem Milieu wächst Binders Urgroßvater Theo auf, ein junger Mann, der die Kunst liebt und eine Wirtstochter dazu, und der eigentlich Maler werden will. In jener Zeit gerät er sogar in Verdacht, aus Eifersucht den Katzenfellhändler ermordet zu haben. Theo, der Sohn eines Kammmachers, wird sich den Ermahnungen von Eltern und Bekannten fügen, sich in diesen Zeiten großer gesellschaftlicher und technischer Umbrüche keiner brotlosen Kunst hinzugeben. Er wird später Kaufmann werden. Schließlich bedroht die Industrie das Handwerk und die Fotografie bedrängt die Malerei.
 
„Man übt sich im Sehen wie Empfinden, oder vielmehr ist ein scharfes Auge nichts als ein zärtliches, feines Gefühl“, kommentiert Binder in seiner außergewöhnlich vielschichtigen Bild-Erzählung die künstlerischen Ambitionen seines Urgroßvaters, die sich im Leben des Urenkels fast ein Jahrhundert später auf ungeahnte Weise verwirklichen konnten.
Siggi Seuß

Von Siggi Seuß, 31.03.2015

​Siggi Seuß, freier Journalist, Hörfunkautor und Übersetzer, schreibt seit vielen Jahren Kinder- und Jugendbuchkritiken.