Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Anna Kuschnarowa
Junkgirl

Roman

Buchbesprechung

​Die beste Jugendliteratur ist jene, die auch erwachsene Leser in ihren Bann zieht. Solche Texte heben ihre Klassifizierungen auf, weil sie menschliche Erfahrungen reflektieren, die alle Generationen betreffen. „Junkgirl“ von Anna Kuschnarowa gehört zu dieser Kategorie. Ein Buch, von dem man sich wünscht, dass es in die Hände 15-jähriger Teenager gelangt, und das zugleich das Kaliber für die große Literaturbühne besitzt.

Die 17-jährige Alissa erzählt von ihrem Weg in eine Drogen-Karriere. Kann der Abstieg in die Sucht eine Karriere sein? Ja, weil zunächst viel Euphorie, Draufgängertum und soziale Akzeptanz im Spiel sind. Anna Kuschnarowa schaut direkt in jene Hölle, die in der heroinsüchtigen Alissa lodert. Alissa kommt aus einer Familie, in der es an materiellen Dingen nicht mangelt. Die Mutter hält das Zepter fest in der Hand. Die Kinder haben zu funktionieren und mit der streng christlich orientierten Familie am Sonntag in der Kirche zu erscheinen. Über den Prinzipien ist der Blick für die zarte Seele einer Tochter, die sich im Umbruch zwischen Kindheit und Erwachsenwerden befindet, verloren gegangen.

In der Schule ist Alissa nur die graue Maus. Sie wird von den Jungs geärgert, und als die ihr nach dem Schwimmen die Kleider stehlen, tritt Tara beschützend auf den Plan. Das ältere Mädchen ist selbstbewusst und zugleich sensibel, sie schminkt sich, trägt kurze Röcke und stellt mit ihrem Look, der sich irgendwo zwischen Gothic-Girl und Vampirella bewegt, das Gegenstück zu den angepassten Kids der Oberschule dar. Von ihr akzeptiert zu werden, ihre Nähe zu spüren, lässt Alissa aufblühen, macht sie mutig und zugleich bockig gegenüber den strengen Eltern.

Erst ist es nur ein kleiner Besuch bei Tara – die seit dem Unfalltod ihrer Eltern bei ihrer Oma lebt – der in Alissas Familie für Wirbel sorgt. Bald jedoch verkehrt Alissa in einschlägigen Jugend-Treffs, sie bleibt eine Nacht fort, dann zwei. Zuhause versucht man auf solche Eskapaden mit Stubenarrest bis ans Ende aller Tage zu reagieren, der Konflikt eskaliert und Alissa reißt aus.

Später wird sie sagen: „Die Zeit mit Tara war die großartigste Zeit meines Lebens. Und die beschissenste“. Sie erlebt den ersten Sex, Joints werden geraucht, Pillen eingeworfen. Man schläft in vergessenen Fabriketagen, genießt das Leben in der subkulturellen Szene von Berlin. Bald „drückt“ Alissa zum ersten Mal. Bezahlt wird von Tara, die eine kleine Erbschaft gemacht hat. Die beiden nehmen sich sogar eine gemeinsame Wohnung. Aber dann ist das Geld aufgebraucht und der rasante Abstieg beginnt, der bis hinunter in die dunklen Regionen des Straßenstrichs führt.

Das Großartige an diesem Roman ist die Sicherheit, mit der sich Anna Kuschnarowa sprachlich durch all jene Milieus bewegt, die Alissas Weg säumen. Von der spießigen Wohlanständigkeit über die zarte Mädchenliebe, die traurigen Momente, wenn Vertrauen unter dem Druck der Droge enttäuscht wird, bis zu den üblen Momenten des kalten Entzugs oder den sexuellen Quälereien, denen sich Alissa gleichgültig aussetzt. Die Stimme der 17-Jährigen bleibt immer erkennbar. Anna Kuschnarowa erzählt erlebnissatt, ohne dass ein Gestänge der literarischen Konstruktion sichtbar würde.

Die 37-jährige Anna Kuschnarowa, die aus Würzburg stammt und in Leipzig an der Universität Mittelägyptisch unterrichtet, hält das Tempo hoch. Dieser Roman besitzt Speed, weil seine Prosa körperlich bleibt. Kuschnarowa hält sich nicht mit der Zeichnung von Charakteren auf, ihre Figuren erhalten Profil durch ihr Handeln. So spürt man in der Beziehung der Mädchen den Strom der Gefühle, der zwischen ihnen fließt. In jedem Moment glaubt man, dass hier bei aller Tragik Liebe im Spiel ist. Und Kuschnarowa schaut hin, beim Sex und bei der Tortur des Entzugs, sie stiehlt sich nicht aus ihrem Sujet. So gelingt ihr ein überzeugendes Ende, das nicht mit schockierenden Details spekuliert, aber auch die tiefen Spuren der Sucht nicht glattbügelt. „Junkgirl“ ist ein Text mit Substanz, der das Martyrium der Sucht mit der unverwechselbaren Stimme einer jungen Heldin beschreibt, die sich als entwicklungsfähig erweist. Wie alle Literatur, die die Intensität des Lebens zu greifen vermag, elektrisiert dieser Roman seine Leser über die letzte Seite hinaus. 
Thomas Linden

Von Thomas Linden, 19.03.2012

​Thomas Linden arbeitet als Journalist (Kölnische Rundschau, WWW.CHOICES.DE) in den Bereichen Literatur, Theater und Film und konzipiert als Kurator Ausstellungen zur Fotografie und zur Bilderbuchillustration.