Sparte: Belletristik

Hans Pleschinski
Ludwigshöhe

Buchbesprechung

Der zweimalige Tukan-Preisträger der Stadt München Hans Pleschinski legt mit seinem Roman Ludwigshöhe ein unglaublich dichtes, vielstimmiges und anspielungsreiches Werk deutscher Gegenwartsliteratur vor.

Wie eine Enklave in der bayrischen Gesellschaft erhebt sich das Ungarische Haus am Starnberger See, das ein düsteres Geheimnis hütet: Es dient als Hospiz, nicht etwa für Sterbenskranke, die in ihren letzten Lebensmonaten professionelle Hilfe benötigen, sondern für Menschen, die angesichts der alltäglichen Tragik ihres Daseins des Lebens überdrüssig sind. „Finalisten“ werden sie genannt, und die Geschwister Ulrich, Clarissa und Monika Berg bieten ihnen eher unfreiwillig einen Zufluchtsort, an dem sie in aller Ruhe und abgeschottet von der Außenwelt den Freitod wählen können. Das Erbe ihres Onkels, ein nicht unbeträchtliches Vermögen, war nämlich an eine Bedingung geknüpft: Den Lebensmüden die nötige Unterstützung zu bieten. Nur wenn die drei Geschwister dieses Projekt innerhalb eines Jahres realisieren, besteht Aussicht auf das Erbe.

Die Geschwister nehmen die Herausforderung widerwillig an und fügen sich in ihr Schicksal, ohne Euphorie, aber auch ohne allzu große moralische Bedenken. Sie verteilen diskret Visitenkarten, und schon bald meldet sich die erste „Kundschaft“. Dass das Projekt ungeahnte Schwierigkeiten mit sich bringen würde – man hätte es sich fast denken können.

Immerhin zwei der Finalisten gehen in den geplanten Tod, zügig und ohne große Zweifel, der Rest wird immer zögerlicher. Und so geschieht, was geschehen muss, die Bewohner finden zu ihrem Lebensmut zurück, unter Gleichgesinnten stößt man eben am ehesten auf Verständnis. Der Freitodwunsch wird zum Fest, man zelebriert die letzten Tage, pompös werden Schnittchen und Pasteten angeliefert, berauscht vom Prosecco fährt es sich leichter mit Charon. Die Sache hat nur einen Haken: Das Ganze fängt an, den Bewohnern Spaß zu machen. Und wer möchte schon sterben, wenn es am schönsten ist?

Die Bergs müssen energisch eingreifen, denn eine Rückkehr der Gäste aus dem Ungarischen Haus ist aufgrund ihrer illegalen Tätigkeit unmöglich: „Verehrte Gäste!, die wir als entschlossene Finalisten ansprechen möchten. Der Aufenthalt scheint sich für manche… wider Erwarten über mehrere Tage zu erstrecken… […] Im übrigen verweisen wir noch einmal auf unsere Kellerräume, in denen sie nach alter Methode, ebenso geräuschlos wie abgeschieden, Ihr unverrückbares in die Tat umsetzen können.“

Auch die Erhöhung des Tagesgeldes auf 40 Euro am Tag beschleunigt das Sterben nicht. Die Geschwister, ohnehin schon mit der Situation überfordert, werden drängender, erhöhen auf 50 Euro und versuchen mit allen Mitteln, die Finalisten doch noch zum angestrebten Selbstmord zu überreden: „Schützen Sie sich und die Gesellschaft vor Krankheit, Alter, Armut und Sorgen.“ Doch je mehr die Bergs die Finalisten bedrängen, umso mehr gewinnen diese ihren Überlebenswillen zurück.

Pleschinskis „Finalisten“ durchlaufen alle eine ähnliche Entwicklung. Sie sind an den bürgerlichen Wertvorstellungen und Normen gescheitert und haben ihr selbstbestimmtes Leben verloren. Daraus resultiert bei ihnen allen der Wunsch, dem von außen diktierten Leben durch den Tod ein Ende zu setzen und damit ein letztes Mal als autonomes Individuum zu handeln. Dies gilt für die Lehrerin Ute Wimpf, die mit der verkommenen Jugend nicht mehr zurecht kommt, ebenso wie für die Syrerin Aizia, die auf der Flucht vor ihren Brüdern ist, weil sie einen Christen liebt. Auf der Ludwigshöhe, isoliert von der Gesellschaft und dem Druck, der von außen auf sie ausgeübt wurde, gelingt es den Figuren, zu ihrer Individualität zurückzufinden.

Pleschinskis 2008 mit dem Nicolas-Born-Preis ausgezeichneter Roman geht der Frage nach, inwieweit der Selbstmord ein Akt individueller Freiheit ist und wie er gesellschaftlich thematisiert und bewertet wird. Pleschinski präsentiert den Selbstmord als absolute Negation des Lebens und der Wirklichkeit. Versteht man den selbstgewählten Tod als transzendentalen Akt selbstbestimmten Lebens, so karikiert Pleschinski diese Auffassung dadurch, dass er die Geschwister Berg als eine – wiederum äußerliche – Instanz einführt, die die Selbstmörder dazu bringen will, ihren Freitod endlich in die Tat umzusetzen.

Aber auch das moralische Dilemma der Bergs wird in einzelnen Szenen deutlich. Wann ist ein Selbstmordvorhaben nachvollziehbar, wann hinreichend begründet? Lässt sich darauf überhaupt eine Antwort finden? Pleschinski, der sich umfassend mit dem gesellschaftlichen und literarischen Selbstmorddiskurs auseinandergesetzt hat, sagt dazu in einem Interview: „Generell gibt es aber in Ludwigshöhe den Befund: Fast jeder Selbstmord ist zu früh."

Am Beispiel der „Finalisten“ und ihrer unerwarteten Rückkehr in das Leben wird Pleschinskis Gesellschaftskritik deutlich: Ein autonomes und soziales Leben scheint es für seine Figuren nur in der Enklave des Ungarischen Hauses zu geben. Der Todeswunsch ist somit zugleich eine bewusste Absage an eine pervertierte Gesellschaft, und Ludwigshöhe lässt sich als eine Groteske über ihre fragwürdigen Moral- und Wertvorstellungen lesen, die hier konsequent ad absurdum geführt werden. Besonders drastisch zeigt sich dies an der Figur des kleinen Benny, der aus Angst vor einem schlechten Zeugnis und davor, seiner Großmutter damit Kummer zu bereiten, im Ungarischen Haus Zuflucht sucht.

Pleschinski erzählt seine Geschichte über „Sterbehilfe“ aus der größtmöglichen Distanz, mit viel Humor und bitterböser Scharfzüngigkeit. Die Charaktere sind grotesk gezeichnet und definieren sich allein über die Rolle, die sie innerhalb des Mikrokosmos des Ungarischen Hauses spielen – der Selbstmorddiskurs inszeniert als Theatrum Mundi am Starnberger See.

„Wir sind, was wir machen und erzählen“, lässt Pleschinski eine seiner Figuren resümieren und erhebt seinen Roman somit zugleich zu einem Stück metafiktionaler Literatur. Diese Selbstreflexivität der Figuren ist – angesichts ihres fehlenden Reflexionsvermögens bezogen auf das eigene Leben – erstaunlich. Nicht so der Ausgang des Romans: Nachdem die Gestalten in einer Art sakraler Prozession in das Dunkel des Kellers ziehen, um ihr ‚Es reicht’ umzusetzen, überleben sie am Ende doch. Eine Erklärung für die Abwendung des kollektiven Selbstmordes liefert Pleschinski bewusst nicht.

„Ich trenne mich schwer von meinen Figuren und töte sie auch sehr ungern“, lautet Pleschinskis lakonische Antwort in einem Interview, doch als Begründung für die Rückkehr seiner skurrilen Charaktere ins Leben reicht das wohl kaum aus. Vielmehr müssen sie überleben, weil Ludwigshöhe.
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Von Jennifer Endro, 01.10.2009