Sparte: Belletristik

Feridun Zaimoglu
Liebesbrand

Buchbesprechung

In einer Zeit, da Speeddating zum gängigen Instrument für die zeitsparende Partnersuche geworden ist und Singlebörsen im Internet sich rühmen, den passenden Partner nach wissenschaftlichen Kriterien zu ermitteln, gibt es sie da noch, die irrationale, die verrückte, die unmöglich scheinende und alles verzehrende Liebe? In seinem neuen Roman Liebesbrand begibt sich Feridun Zaimoglu auf die Suche nach genau diesem Gefühl: der existentiellen, der romantischen Liebe.

Das Buch beginnt inhaltlich wie sprachlich mit einem Paukenschlag: „Es wurde dunkel, es wurde hell, dann aber starb ich.“ David, der Ich-Erzähler, ist unterwegs in der Türkei, als er um Haaresbreite ein schweres Busunglück mit vielen Toten und Verletzten überlebt. So unmittelbar und schonungslos sieht sich der Leser mit dem Hergang des Unfalls konfrontiert, wie es für gewöhnlich nur im Medium des Bildes gelingt. Vielleicht rührt die Eindringlichkeit dieser Szene daher, dass Zaimoglu selbst vor wenigen Jahren einen ganz ähnlichen Unfall erlebt hat. Schlagartig ist man in den Bann der Geschichte gezogen und kommt aus diesem – abgesehen von einigen Längen im Mittelteil – bis zur letzten der 375 Seiten auch nicht wieder heraus.

Gerade den Flammen entkommen, liegt David am Straßenrand, als eine blonde Frau auftaucht, die ihm Wasser gibt und ihm das Blut von der Stirn wischt. Ebenso unvermittelt wie sie gekommen ist, verschwindet sie auch wieder. Die ersten Buchstaben eines deutschen Autokennzeichens und ein blauer Ring an ihrer Hand sind die einzigen Anhaltspunkte, die der Verletzte von ihr in Erinnerung behält. Man ahnt sogleich, dass David dieser Frau nicht zum letzten Mal begegnet sein wird.

Erst einmal landet David jedoch in einem türkischen Krankenhaus. Seine Zimmernachbarn konfrontieren ihn mit einer Auffassung von Liebe, die dem in der Türkei Geborenen, doch in Deutschland Aufgewachsenen und Beheimateten völlig fremd erscheint: "Ich kannte Feuerzeugfunken, aber keinen Liebesbrand im Herzen, ich war im Westen verdorben, ich war ein durch und durch degenerierter Mann des Abendlandes, und von der Tradition der orientalischen Frauenanbetung hatte ich keine Ahnung."

Wieder in Deutschland kehrt David in ein ödes, trostloses Leben zurück. Eine vormals schon „abbruchreife Beziehung“ wird gänzlich beendet, Pläne für sein Leben hat er nicht: „Was für Pläne? dachte ich, schön wär’s...“. Da er in seinem früheren Job als Börsenmakler ausreichend Geld verdient hat, um nicht mehr arbeiten zu müssen, gibt es auch nichts, was diese Leere füllen könnte. Und da fällt sie im plötzlich wieder ein, die blonde Frau mit dem blauen Ring. Eine unbekannte Sehnsucht nach ihr ergreift Besitz von ihm. Sie wird sich im Laufe der Zeit zu einem wahren „Liebesbrand“ entwickeln, der keine Grenzen kennt und ihn schließlich durch halb Europa treibt.

Zaimoglu interessiert sich nicht für psychologisierendes Erzählen. Er vermeidet es bewusst, die Gefühlsregungen seiner Figuren ergründen oder ihre Handlungen erklären zu wollen. Die Sehnsucht des Erzählers ist einfach da und so stark, dass nichts anderes mehr von Bedeutung ist, punktum. So märchenhaft das klingt, „dem Tode entronnen und dem Märchen anheim gegeben“, bleibt die Romanhandlung doch unzweifelhaft in der Realität angesiedelt. Einzig die Sprache dieses vor phantasievollen Bildern sprühenden Autors sprengt immer wieder die Grenzen des Gewohnten, eine Sprache, in der der Ton des orientalischen Geschichtenerzählers stets als ganz eigene Klangfarbe mitschwingt.

David macht sich also auf, die blonde Frau zu suchen, von der er nicht mehr kennt als das NI auf ihrem Nummerschild, das für das kleine norddeutsche Städtchen Nienburg steht. Aufs Geratewohl fährt er dorthin, und so wie auch im Märchen die sonderbarsten Zufälle mit der größten Selbstverständlichkeit passieren, erscheint es auch hier keineswegs verwunderlich, dass er sie, deren ungewöhnlicher Name Tyra wiederum auf die nordische Sagenwelt verweist, auch tatsächlich findet.

Obwohl Tyra seinen unverblümt geäußerten Wunsch, „Ich will dein Geliebter sein...“, erst brüsk zurückweist, verbringen die beiden eine Liebesnacht miteinander. Weitere werden folgen. Was nun beginnt, ist ein Reigen des Erhört- und Verstoßenwerdens, denn öfter noch, als Tyra sich auf David einlässt, will sie nichts von ihm wissen. „Werben ist zwecklos. Lebwohl.“ Doch diese Zurückweisung entfacht seinen Liebesbrand nur noch mehr. Obwohl er spürt, dass er sich lächerlich macht, scheut er keine Anstrengung, um sie zu treffen, folgt ihr von der norddeutschen Provinz bis nach Prag und Wien, und gebärdet sich dabei – diese Selbstcharakterisierung verwendet der Ich-Erzähler oft – wie ein Idiot.

Es verwundert also nicht, dass weder sein Werben noch die Erzählung geradlinig voranschreiten. Unser Held gerät auf zahlreiche Irr- und Abwege, und es werden so viele Nebenschauplätze aufgemacht, dass man als Leser stellenweise fast vergisst, weshalb die Reise überhaupt angetreten wurde. Viele sonderbare Gestalten kreuzen Davids Weg. Verrückte wollen ihm an den Kragen, Alraunenfälscher bieten ihm ihre Dienste an, er wird verflucht und bekommt es mit angeblich Verdammten ebenso wie mit Heiligen zu tun. In Prag führt ihn seine schöne Fremdenführerin fernab von den Touristenströmen wie selbstverständlich an Orte der Sagen und des Aberglaubens, und immer wieder werden Kirchen, Klöster, Heiligenfiguren und Friedhöfe besichtigt.

„Bist du ein Romantiker? fragt Tyra ihn an einer Stelle und spricht damit an, was in diesem Roman beständig mitschwingt: eine große Liebe zur Romantik. So lässt sich auch Tyras blauer Ring als romantisches Sehnsuchtssymbol, als die ‚blaue Blume’ dieser Liebes-Odyssee verstehen. Doch es sind eben nicht nur romantische Anklänge, aus denen sich der besondere Ton des Buches speist, sondern – entsprechend der Herkunft seines Autors – gibt es noch eine weitere Quelle: die der orientalischen Frauenanbetung (die dem Erzähler sehr wohl im Blut liegt!). Verblüffend ist, dass beide, die abend- und die morgenländische Liebestradition, offensichtlich gar nicht so weit voneinander entfernt liegen.

Und das Ende? Natürlich muss die romantische Sehnsucht, wenn sie sich selber treu bleiben will, unerfüllt bleiben. Die Angebetete findet ihre persönliche Erlösung in der Religion. Durch ihre endgültige Abkehr von David mag für diesen der Weg für eine andere, erfüllte und erfüllende Liebe frei werden – wer weiß?

Zaimoglu ist nicht erst mit Liebesbrand zu einem der wichtigsten zeitgenössischen Autoren Deutschlands geworden. Erfolge feierte er schon mit seinen Erzählungen Zwölf Gramm Glück (2004) und dem Roman Leyla (2006). Mit Liebesbrand aber hat er es geschafft, eine Romantik-Diskussion im deutschen Feuilleton anzustoßen. So etwas gelingt nicht oft. Es ist ein unzeitgemäßes Buch über die romantische Liebe, das aus dem derzeitigen Kanon der lauwarm-introspektiven Liebesgeschichten herausfällt. Kompliment.
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Von Anne Nordmann, 01.09.2008