Sparte: Belletristik

Sherko Fatah
Das dunkle Schiff

Buchbesprechung

In einer dunklen Lehmhütte, Bluthaus genannt, zerteilen Männer erschossene Straßenhunde, um sie zu verspeisen oder als Sprengkörper zu verwenden. „Kerim und mehrere andere Jungen (...) wurden mit den Hundekadavern dorthin geschickt. Sie hockten im Dämmerlicht, das durch die Fensterluken fiel, schnitten die Körper der Tiere auf und entnahmen die Gedärme. Dabei achteten sie darauf, nicht zu viel herauszunehmen, damit man später von außen nichts sehen konnte.“

Brutalität, Terror und Dunkelheit. Das sind die beherrschenden Themen in Sherko Fatahs Roman Das dunkle Schiff, der es 2008 auf die Shortlist des „Preises der Leipziger Buchmesse“ und des "Deutschen Buchpreises" geschafft hat. Die Dunkelheit spielt die Hauptrolle, sie ist in nahezu jedem Wort spürbar. Fatah erzählt die Reise des jungen Kurden Kerim aus dem Nordirak. Sie führt ihn aus dem Schoß der Familie zu den Gotteskriegern, auf eine einsame Insel und letztendlich nach Berlin. Entgegen Kerims Hoffnung ist Deutschland für ihn kein sicheres Paradies, es umhüllt den Asylsuchenden ebenfalls mit Dunkelheit – bis ihn seine schwarze Vergangenheit einholt. Denn Kerim war ein Krieger. Er hat bestialisch gemordet und blutjunge Selbstmordattentäter auf ihrem letzten Weg begleitet. Vor einer solchen Vergangenheit gibt es kein Entrinnen.

Trotz der wie ein Mantel über den Roman ausgebreiteten Finsternis wirkt Kerims Geschichte nicht düster. Und das liegt an Fatahs Sprache: sie ist klar, geradlinig, einfach – und dennoch voller Magie. Der 1964 in Ost-Berlin als Sohn eines kurdischen Vaters aus dem Irak und einer deutschen Mutter geborene Autor erzählt distanziert und ruhig. Er richtet nicht, erklärt nicht, interpretiert nicht. All das überlässt er dem Leser. Eine kluge Entscheidung.

Die Kraft seiner Worte entfaltet sich schon im Prolog. Den Einstieg bildet eine Szene von ebenso schrecklicher wie faszinierender Schönheit: Ein Sommertag in den Bergen des Nordirak, alte Frauen in bunten Kleidern sammeln plaudernd Heilkräuter, der kleine Kerim beobachtet die Szenerie aufmerksam. Plötzlich sinkt ein lärmender Militär-Helikopter herab, die Frauen steigen ein und winken dem Jungen, der selbst gern mitgeflogen wäre. „Und tatsächlich kam die Maschine erneut heran, das Donnern wurde laut und lauter, bis er sich die Ohren zuhielt. Den Kopf im Nacken sah er die Frauen. Da fielen sie, eine nach der anderen stürzte aus der Luke, mit gebreiteten Armen glänzten sie auf im Licht, und wie um sie aufzuhalten, riss an ihren Gewändern der Wind.“

Fatah ist ein Meister der kraftvollen Bilder. Doch was hier genau passiert, geschweige denn warum, erfährt der Leser nicht. Wie bei den meisten unerhörten Begebenheiten dieses Abenteuerromans bleibt der Autor eine Erklärung schuldig. Offensichtlich wird nur: Das Land befindet sich im Krieg. In den 80er Jahren waren unter dem Terrorregime Saddam Husseins willkürliche Mordaktionen keine Seltenheit. Kerim wächst mit dem ständigen Krieg im eigenen Land auf, der mal in einer anderen Gegend stattfindet, mal direkt vor der Haustür. Kerims Vater, ein alevitischer Koch, der wie der Großteil der Bevölkerung schweigt und nicht aufzufallen versucht, hält es plötzlich nicht mehr aus. Als ein Geheimdienstmann, Gast seines kleinen Restaurants an einer Straße nach Süden, damit prahlt, dass er mit dem Kopf eines Spions Fußball spielt, knallt Kerims Vater ihm und seinem Kollegen die Teller auf den Tisch. In diesen Zeiten reizt man aber keinen Geheimdienstmann. Wenige Minuten später ist der Vater tot.

Damit beginnt Kerims Odyssee. Der dicke Junge, der seinem Vater nur sporadisch in der Küche zur Hand ging, muss nun Verantwortung übernehmen. Doch die Rolle des Familienpatriarchen ist zu groß für ihn, die restlichen Familienmitglieder nehmen ihn nicht ernst. Dieser Zustand währt jedoch nicht lange; Kerim wird von Gotteskriegern entführt. Nicht, weil sie sich für ihn interessieren – sie wollen nur sein Auto. Was aber tun mit dem trägen, ängstlichen Koloss? Kerim sieht in diesem Moment zum ersten Mal dem Tod ins Auge. Auf die Frage nach seinen Fähigkeiten antwortet er: „Ich kann alles, weil ich alles lernen kann.“ Diese Antwort rettet sein Leben.

Von nun an teilt er das karge, asketische Leben der Gotteskrieger, fühlt sich erstmals irgendwo zugehörig. Er bewundert den Anführer, dessen Aufträge und Ansichten er bedingungslos akzeptiert. Aus dem dicken Jugendlichen wird ein hagerer, harter junger Mann. Ein einzelner Gotteskrieger jagt Kerim Angst ein, generell aber genießt er die Gemeinschaft unter den Männern, die durchaus nicht als brutale, fanatische Mordmaschinen, sondern als eine heterogene Gruppe begabter Individuen dargestellt werden. Das ist der Kernpunkt des Romans: Es geht nicht um den Islam, sondern um Extremismus in seinen verschiedensten Facetten. Wie kann jemand zu einem radikalen Gotteskrieger werden? Dieser Frage geht Fatah am Einzelschicksal Kerims nach.

Bevor die Reihe an ihm ist, als Selbstmordattentäter zum Märtyrer zu werden, erkennt Kerim, dass er zu dieser zerstörerischen Selbstaufgabe im Namen des Glaubens nicht fähig ist. Mit gestohlenem Geld macht er sich auf die Flucht nach Deutschland.

Die beginnt mit einer langen Reise in völliger Dunkelheit. Der Gotteskrieger wird zum blinden Passagier, der Todesangst empfindet und sich in der Finsternis eines Schiffbauchs zurechtfinden muss. Während dieser titelgebenden Überfahrt wird er von der Mannschaft entdeckt und ausgesetzt, er strandet mit einem anderen Flüchtling auf einer winzigen Insel. Dieser Robinsonade folgt der lange Weg nach Deutschland, wo der endlose Weg in den Asylämtern weitergeht.

In Berlin nimmt Kerims Geschichte eine überraschende Wendung. Obwohl er vor den Gotteskriegern geflohen ist, holen Religion und Glaube ihn ein. Er vermisst die Zugehörigkeit zu seiner Kultur, das Gebet erfüllt ihn erstmals mit tiefer Ruhe und Kraft. Aus dem ehemaligen Krieger wird ein religiöser Fundamentalist. Ohne moralische Entrüstung, ohne große Gesten, ganz beiläufig wächst Kerims innere Überzeugung und wird dadurch nachvollziehbar. Unter Fremden, zu denen er weder gehören kann noch will, zieht er sich immer tiefer in sich zurück. Diese Verschlossenheit macht ihn attraktiv für andere. Ein bislang durchschnittlicher Mensch erhält eine exotische Note. Kerim war nie sonderlich gutaussehend, charismatisch oder klug, aber auch nicht dumm. Er kann passabel kochen, hat aber sonst keine besonderen Fähigkeiten. Doch plötzlich entwickelt er eine dunkle Anziehungskraft, der eine junge Studentin und ein radikaler arabischer Bandenchef verfallen. Letzterer wird Kerims Schicksal entscheiden.

Das dunkle Schiff hat fünf Teile. Erzählt Fatah in den ersten beiden noch chronologisch und geradlinig, ist der Rest gespickt mit Rückblenden und Perspektivwechseln. Dadurch setzen sich allmählich die Mosaiksteinchen von Kerims Persönlichkeit zusammen. Das Bild eines Menschen, dessen erschreckende Fremdartigkeit einer Parallelwelt zu entstammen scheint. Dass Fatah dessen Handlungsweise mit offenem Blick, in präzisen Worten und detailliert betrachteten Szenen so nachvollziehbar erscheinen lässt, ist das eigentliche Verdienst der Geschichte. Erst dadurch wird Das dunkle Schiff zu einem derart beklemmenden, derart politischen Roman.
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Von Christine Fehenberger, 01.09.2008