Sparte: Belletristik

Sibylle Berg
Die Fahrt

Buchbesprechung

Wer noch nie einen Text von Sibylle Berg in den Händen hatte, den möchte man eigentlich vor der Lektüre ihrer Bücher warnen. In ihrer unerbittlichen Kritik, ihrer beißenden Ironie und ihrem Hass auf unsere unvollkommene Welt ist diese Autorin mit wenigen vergleichbar, die derzeit in deutscher Sprache schreiben. Ihre Fans – und das sind nicht wenige – lieben sie genau dafür! Nach ihrem erfolgreichen Romandebüt von 1997, Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, hat sich Berg nicht nur als Schriftstellerin, sondern auch als Dramatikerin und Kolumnistin einen Namen gemacht. Ihr jüngstes Werk, der im Herbst 2007 erschienene Roman Die Fahrt, bildet zweifellos einen neuen Höhepunkt ihres Schaffens.

„Wir wollten weg, weil wir das Glück finden wollten. Wir wollten aus der Armut weg, aus der Langeweile, wir wollten weg aus unserem Leben.“ So ließe sich auch das Leit- und Leid-Thema in Die Fahrt zusammenfassen. Keiner der Protagonisten – und das sind gut drei Dutzend – ist mit dem Ist-Zustand seines Leben zufrieden, jeder möchte es auf die eine oder andere Weise angenehmer, geborgener, reicher, freudvoller, sinnerfüllter, schlicht, besser haben. So wird der Roman zu einer einzigen großen Suche nach dem Glück.

Die Fahrt wird im Untertitel als Roman ausgewiesen. Das wirkt anfangs befremdlich, da wir es darin mit 79 Kapiteln zu tun haben, die alle in sich abgeschlossene, an Drehbuchsequenzen erinnernde Geschichten bilden. Deren Überschriften setzen sich jeweils aus einem Vornamen und einer Ortsangabe zusammen. Mit fortschreitender Lektüre zeigt sich, dass die Hauptpersonen der einzelnen Kapitel teilweise mehrfach auftreten und sich ihre Wege ab und zu kreuzen. Auch werden manche Ereignisse zweimal, aus verschiedenen Perspektiven, erzählt. Dass die einzelnen Geschichten dann auch noch von einer Art Rahmenhandlung eingeschlossen sind, macht die Genrebezeichnung ‚Roman’ zwar nicht zwingend erforderlich, aber doch nachvollziehbarer.

Bergs Figuren sind von ihrer Herkunft, ihrer Bildung und ihrem Lebensstandard her so unterschiedlich wie die Städte und Länder, in denen wir sie antreffen. So begegnen wir zum Beispiel Miki, der Pornodarstellerin aus Los Angeles, oder Igor, dem alkoholsüchtigen Bergarbeiter aus der Ukraine, Parul, der jungen Mutter, die im Slum in Bangladesh Steine klopft, oder Mr. Ling, dem chinesischen Arzt, der durch den Handel mit Organen von Häftlingen zum Millionär geworden ist. So ungleich die Figuren aber auch sein mögen, ihre Unzufriedenheit mit dem Hier und Jetzt eint sie alle.

Die, die es sich leisten können, fahren durch die Welt, um herauszufinden, „ob es einen Ort gäbe, [...] der alles ändern würde“. So wie Helena, die „fast alle Länder bereist [hatte], über die ein Lonely Planet existierte“. Oder Ruth, die zu ihrer vermeintlich großen Liebe nach Israel aufbricht, um dort wenig später sitzengelassen zu werden. Die anderen, die Mittellosen, bleiben notgedrungen, wo sie sind, und träumen – wenn die Kraft dafür ausreicht – von einem anderen als dem eigenen Leben. Es sind Menschen wie Olga aus Kirgistan, die sich regelmäßig mit westeuropäischen Männern trifft, in der Hoffnung, dass doch noch einer kommt und sie mitnimmt: „Weit weg von diesem Ort, den sie aus eigener Kraft nie würde verlassen können.“

„Wie zufällig das ist, das Wohin-geboren-Werden-und-dann-da-verharren-Müssen“ – nicht nur die Figuren, auch der Leser kann sich derartigen Überlegungen nicht verschließen. Indem Berg die Existenzsorgen derer, die bleiben müssen, und die ‚Luxussorgen’ derer, die gehen können, übergangslos aneinanderreiht, treten die Szenen des wahren Elends besonders unvermittelt und dadurch noch eindrücklicher hervor. Der Kontrast zwischen vermeintlichem und tatsächlichem Unglück wird auf stilistischer Ebene noch verstärkt: Bergs viel gelobte Erzählhaltung, die mit einer Mischung aus leisem Spott und ironischer Distanz auch die bittersten Wahrheiten noch geradezu vergnüglich zu präsentieren weiß, schlägt hier um in eine schonungslose und meist gänzlich ironiefreie Situationsbeschreibung. Man spürt, dass es hier nichts mehr zu lachen gibt. Gar nichts mehr.

Ist die Welt wirklich ein so trostloser Ort? möchte man fragen. Die Bergsche Antwort lässt wenig Interpretationsspielraum: Bis auf die vereinzelten Oasen der Zufriedenheit, die Schweiz etwa, das „niedliche kleine Sanatorium“, oder das bevölkerungsarme Island, ist es nirgendwo schön. Einsamkeit, Armut und Dreck, wohin man auch blickt. Als wolle sie es für immer unvergesslich machen, präsentiert Berg schier endlose Variationen des Elends und der gescheiterten Sinn- und Glückssuche. Spätestens nach der Hälfte des Buches meint man, alle Facetten zu kennen. Doch Berg schreibt weiter. Wiederholt und variiert. Immer neue Versuche werden unternommen, des Glückes doch noch habhaft zu werden, eine weitere Reise, einer neuer Ort – manifestiert wird dadurch aber letztlich nur die traurige Gewissheit, dass es auf dieser Welt keine Entwicklung und kein Glück, zumindest kein dauerhaftes, geben kann.

So ist es auch kein Zufall, dass der Roman Die Fahrt und nicht die Reise heißt, denn mit dem für den Bildungsroman typischen Motiv der Reise als Sinnbild für die geistige und seelische Entwicklung des Protagonisten haben diese Fahrten nichts gemein. Im Gegenteil. Denkbare Auswege aus dieser Misere blitzen bestenfalls auf, wenn bei einigen der Figuren die Erkenntnis reift, dass die Welt „ein erfreulicherer Ort“ wäre, wenn wir uns nicht zu wichtig nehmen würden, sondern „uns als Teilchen eines großen Ganzen begriffen“. Es bleibt offen, wie ernst es Berg mit derartigen Lösungsansätzen ist, klingen sie doch verdächtig ähnlich wie die Glaubenssätze derjenigen, die in Die Fahrt besonders scharf kritisiert werden: „all die von ihrem Dasein gelangweilten Europäer, die wegen der Spiritualität hierherkamen“, die esoterischen Sinnsucher und die Yoga-Freaks, die in östlichen Heilslehren ihre Erfüllung zu finden hoffen.

Ohne Frage: dieses Buch ist keine Schonkost. Bergs rabenschwarzer Blick auf die Welt und ihre Bewohner lässt den Leser schwerlich kalt. Glücklicherweise zeichnet sie sich aber nicht nur durch diese schonungslose Weltsicht aus, sondern ihre faszinierende Beobachtungsgabe, ihr unerschöpfliches Assoziationsvermögen und ihr ironischer Witz machen die Lektüre ihrer Texte zu einem intellektuellen wie auch ästhetischen Vergnügen. Wenn sich als Beweis dafür, dass New York Depressionen hervorruft, dort sogar ein Papagei erhängen will, oder wenn es über Deutschland heißt, „[...] wie haben die das nur hingekriegt, ein ganzes Land so aussehen zu lassen wie abgepackte Mischbrotscheiben?“, kann nämlich selbst die Trostlosigkeit noch erheitern.

Kurzum: Lesen Sie Die Fahrt. Sie werden dieses Buch nicht mehr vergessen!
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Von Anne Nordmann, 02.06.2008