Sparte: Belletristik

Antje Rávik Strubel
Kältere Schichten der Luft

Buchbesprechung

Der Plot ist schnell erzählt, und er verheißt nichts Gutes. Unter den nicht mehr ganz jungen Ostdeutschen, die in den schwedischen Wäldern allsommerlich ein Jugendcamp betreiben, findet sich die von ihrem ostdeutschen Kleinstadtleben enttäuschte, auf ihrer Außenseiterrolle beharrende und an ihr leidende Anja. Eine verwirrend schöne Fremde namens Siri drängt sich an sie heran und gewinnt ihr Vertrauen. Zum Unwillen der Gruppe entwickelt sich eine eigenwillige Liebesgeschichte, in deren Verlauf Anja sich selbst als einen "Jungen" erfährt; der eifersüchtige Ralf wird zum Vergewaltiger und liegt am Ende vor den beiden Frauen am Boden, getötet durch einen Unfall oder aus Absicht.

Ostdeutsche Drop-outs, die in die vermeintliche Wildnis fliehen, um dann doch nur den Konflikten wieder zu begegnen, denen sie entkommen wollten; lauter Thirty-somethings, die im Ferienlager, wenn auch jetzt als Aufseher und Geschäftsführer, versäumte Beziehungskonflikte nachholen und Geschlechteridentitäten aufs Spiel setzen; ein Sommerparadies, in das Mobbing, Diebstahl und Erpressung einsickern, bis am Ende fast alles in Wahnsinn, Mord und Totschlag endet: Das wäre der Stoff für eine triviale Geschichte über triviale Figuren - Figuren wie Ralf, der vergebens verheimlichen will, dass er ein DDR-Grenzsoldat gewesen ist, oder Sabine, deren forcierte Westbindung sich in ebenso forcierten Anglizismen artikuliert, oder die lesbische Ich-Erzählerin selbst. Gestalten wie diese hätten leicht Abziehbilder werden können..

Das Risiko, das diese Erzählung eingeht, ist also hoch und wird dafür aber um so mehr übertroffen von der Souveränität, mit der sie es meistert. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass hier nichts von dem geschieht, was zu geschehen scheint. Was als Kolportage beginnt, erweist sich als ein raffiniertes und tief beunruhigendes Sprachzauberkunststück. Das beginnt schon mit dem Schauplatz. Dieses Schweden bietet nicht nur eine bloß "auf natürlich getrimmte, geregelte Landschaft" - es ist genaugenommen nicht einmal Schweden. Denn da in dieser Geschichte feste Grenzen nur vorhanden sind, um aufgelöst zu werden, geht es in dieser ohnehin schon amphibischen Landschaft irgendwie nach Norwegen hinüber, inmitten jenes Sees, in dem die Figuren ins Schwimmen kommen. Auch die elfenhafte Siri wirkt, als sei sie einer neuromantischen Erzählung entsprungen, und ist doch ein höchst artifizielles Geschöpf.

Schon ihren Namen hat die Erzählerin erst vor unseren Augen erfunden, als läse sie eine unsichtbare Schrift. Sollte sie "Siri" heißen oder doch, andersherum, "Iris"? In der Umkehrbarkeit des Namens, dieser vier irisierenden Buchstaben, bündelt sich das Thema dieser Erzählung: die Frage nach Identität, Benennungsmacht, Biographie - und die Möglichkeit, dass alles und jedes jederzeit andersherum gelesen werden könnte.

Auch die Erzählerin selbst erhält, mit der ersten Anrede durch die Fremde, einen neuen Namen. "Schmoll" lautet er, ein lustiger Einfall, der erst durch die unbeirrbare Wiederholung ein bisschen unheimlich wird, so wie es auch mit der Liebe zwischen den beiden Frauen eine nicht ganz geheure Bewandtnis hat. "Sie sind ein kluger Junge", sagt sie zur Erzählerin. Den Körper, der zur Erzählstimme gehört, sehen wir erst mit ihrem eigenen Blick im Spiegel: eine junge Frau in Jeans und Bluse, "unisex". Das ist ein beiläufiges und großes Wort. Anja weiß, wer sie ist. Und nun bricht diese Fremde mit der zähen Weichheit fließenden Wassers nicht bloß ihren Widerstand, sondern ihre ungeliebte Identität.

Mit dem Geschlecht wechselt die Erzählerin auch das Alter: Wenn die dreißigjährige Anja zu Schmoll wird, ist sie erst vierzehn und Sex eine Entdeckung, die ihr noch bevorsteht. Wenn sie zum zweiten Mal ihr Spiegelbild erblickt, hundert Seiten später, sind die Konturen des Ich längst in Auflösung übergegangen: "Ich schaute mich an, mich oder den Jungen, wir wussten nicht, zu wem dieses Lächeln gehörte, es veränderte mich." Das unheimlichste Wort in diesem Satz ist das "wir". Denn die Sprecherin ist allein.

Andeutungen sind das nur, Möglichkeiten in einem zunehmend offenen Vexierspiel. Die zeitlupenhafte Auflösung der Orientierung schaffenden Gegensätze, das allmähliche Verschwinden des Bodens unter den Füßen wird hier zur Leseerfahrung. Sollte womöglich nicht nur Siris Name erfunden, könnte sie überhaupt nur eine Augentäuschung sein, eine Halluzination der Erzählerin? Aber wem können wir dann noch trauen? Manchmal scheinen die Rätsel überinstrumentiert, dann gerät das Mysterium beinahe zur Mystifikation. Aber das tut dem Charme dieses Buches keinen Abbruch, das so intelligent wie suggestiv erzählt ist und das ja selbst immerfort von der Sprache handelt. Noch der Liebesakt ist vor allem ein Sprachgeschehen: als sei der "Körper in Worte gefasst" erst bei sich selbst.

Im kühlen Glanz von Antje Rávic Strubels Sprachkunst öffnen sich in den banalen Objekten Abgründe. So erblickt die Erzählerin den Sandplatz im Zeltlager: "Der Platz glänzte. Er lag da wie unter einer Schicht Öl. Es war eine Oberfläche, die nie riss, die sich immer sofort wieder schloss, wenn ein Körper in sie eingetaucht war. Ich versuchte, nicht panisch zu werden." Der Panik des Verschwindens antwortet die präzise Evokation eines zwittrigen, zwielichtigen Glücks, das doch nie zu fassen ist: Da "hing auf der Grenze zwischen Schatten und Licht immer ein Streifen Wasserstaub, er stieg aus dem verschilften Boden auf, wich vor mir zurück und zerstob". Der schmale Grenzstreifen von Schatten und Licht: Er ist nicht bloß Hintergrund des Geschehens, sondern sein heimlicher Held. "Vom Licht wussten sie alles", lautet der erste Satz: "Sie kannten es in jeder Schattierung."

Ob hier wirklich alle alles vom Licht wissen, steht dahin. Die Erzählerin aber weiß es. In jeder Szene, jedem Augenblick ist sie sich seiner bewusst, lässt es auftreten und wieder verschwinden wie eine handelnde Figur, wie eine numinose Macht. Es liegt schimmernd auf dem Wellblechdach, steht fahl hinter den Kiefern, schäumt den Himmel auf oder drückt sich dem Wasser ein; in diesem Licht erscheinen die Figuren "scharf in den Morgen geschnitten".

Wie auf impressionistischen Bildern die Dinge nicht einfach anwesend sind, sondern durch das Licht erst hervorgebracht werden als seine flüchtigen Materialisierungen: So erscheinen auch die Szenerien und Figuren dieses Romans wie Effekte eines unfassbaren und immerfort wechselnden Lichts; auch dies ein Nordland-Stereotyp, das die Autorin virtuos umdeutet. Was immer hier zu sehen ist, es sind die Taten und Leiden dieses Lichts. Bis es sich am Ende, in den kälteren Schichten der Luft, auflöst in ein unentrinnbares Grau.

© F.A.Z. 2007
Heinrich Detering

Von Heinrich Detering, 03.12.2007