Sparte: Belletristik

Ingo Schulze
Handy. dreizehn geschichten in alter manier

Buchbesprechung

Auch mit seinem neuen Erzählband Handy, dreizehn geschichten in alter manier erweist sich Ingo Schulze als einer der bedeutendsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur – und als ein Meister der Erzählanfänge: „ Ich weiß bis heute nicht, was ich davon halten soll. War es eine Katastrophe? War es eine Lappalie? Oder einfach nur etwas Unalltägliches? Am schlimmsten fand ich die Minuten danach […].“ So wie hier ziehen Schulzes Texte mit ihrem quasi-vertraulichen Ton den Leser immer wieder vom ersten Satz an ins Geschehen hinein. Zwanglos schaffen sie eine Illusion der Unmittelbarkeit und eine untergründige Spannung, die nicht nur den Fortgang des Erzählten betrifft, sondern auch die Frage, welche Rolle der Zufall oder gar das Schicksal in den erzählten Lebensausschnitten spielt (und womöglich in unser aller Leben).

Über allen Geschichten liegt ein Hauch des Unergründlichen, vielleicht des Schicksalshaften, das auch immer wieder selbst zum Thema wird. Es geht – wie es im dem Buch vorangestellten Motto von Friederike Mayröcker heißt – um die „Grundfragen des Lebens“, die suchend zu umkreisen eine der zentralen Aufgaben der Literatur ist, auch wenn sie nie eindeutige Antworten geben kann. Ingo Schulzes dreizehn geschichten in alter manier handeln von wunderbar lebensnahen Figuren zwischen 30 und 40, seiner eigenen Generation also. Oft sind oder waren sie ein Liebespaar, und oft geht es um jenen entscheidenden, meist aber unbemerkten Augenblick, in dem die Liebe anfängt, sich zu verändern und im schlimmsten Fall zu verflüchtigen.

Mit sensibler Beobachtungsgabe und oft mit kindlichem Staunen läßt Schulze seine Erzählerfiguren von diesen kaum merklichen Einschnitten und den Verwerfungen in ihrem Seelen- und Beziehungsleben berichten; und allen Wiedererkennungseffekten zum Trotz erscheint jede dieser Geschichten neu und einzigartig. Staunend und mit großem Vergnügen verfolgt man, wie Schulze behutsam den neuralgischen Punkt der jeweiligen Figur oder Figurenkonstellation offenlegt und das komplizierte Gefüge von innerer und äußerer Wirklichkeit sichtbar macht.

So ist es neben dem Unerklärlichen stets auch eine Art Wehmut, ein Gefühl von etwas unwiederbringlich Verlorenem, das all diese mal mehr, mal weniger alltäglichen Ausschnitte aus Lebens-Geschichten durchzieht. Dabei sind sie von einem feinen Humor, einer aus der Rückschau gewonnenen teils abgeklärten, teils amüsierten Distanz und einem stets wachen Blick für die oft unfreiwillig komischen Wendungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Der Ton dieser zumeist in der Ich-Form präsentierten Begegnungen bleibt darum immer leicht, ja heiter.

Dieser charakteristische Schulze-Sound ist es auch, der diese Geschichten verbindet und sie trotz unterschiedlichster Schauplätze – zwischen Berlin, Estland und New York werden hier die Erzählfäden ausgespannt – als Teile eines gemeinsamen Kosmos erscheinen läßt: einer Welt, die große Veränderungen durchlaufen hat, private wie historische und fast immer im entscheidenden Augenblick unbemerkt und auch nur bedingt von den Erzählerfiguren beeinflußt: „Auf jeden Fall aber ist es so, daß sich nicht nur mein Leben verändert hat. Unser aller Leben ist in den letzten Jahren ein anderes geworden. Und das mag – vielleicht, vielleicht – der Grund dafür sein, dass ich endlich in der Lage war, mich an eine Geschichte über Estland zu wagen.“ So liest man in der Erzählung In Estland, auf dem Lande, in der es nicht nur um einen Bären auf einem Damenfahrrad geht, sondern vor allem um das neue Lebensgefühl und die dazugehörigen neuen Überlebensstrategien in der postsozialistischen Ära.

Schulzes Erzählungen handeln alle von der jüngsten Vergangenheit und unmittelbaren Gegenwart, in einer vertrackten Einfachheit, die sich aber immer als kunstvoll arrangiert erweist, einer überhöhten Form des Alltäglichen: „Erschöpft von der Überfülle der Eindrücke und ratlos, wie das Erlebte angemessen zu ordnen und zu sublimieren sei, schloß ich die Augen“, sagt der Ich-Erzähler am Ende von Schriftsteller und Transzendenz, während er selbst mit ebendieser Geschichte die Sublimierungsarbeit schon geleistet hat. Die Perfektion von Schulzes Ordnungen des Erlebten liegt darin, daß sie den Eindruck des ästhetisch Gestalteten gleich wieder verwischen und uns Lesern das Gefühl haben, selbst Zeugen des Geschehens zu sein, das hier so unaufgeregt vor uns ausgebreitet wird.

Schulze gelingt es mit nur wenigen Strichen, Figuren und Situationen so plastisch werden zu lassen, daß die Distanz zwischen erzählter und realer Welt nahezu überwunden scheint und deren vermeintliche Authentizität dennoch stets Teil eines hoch reflektierten Spiels mit Realität und Fiktion bleibt. Dazu gehört auch, daß er jede der Erzählerfiguren mit Merkmalen seiner eigenen Autorschaft ausstattet: Der eine Erzähler hat (wie Schulze) ein Buch namens 33 Augenblicke des Glücks geschrieben, ein anderer den Briefroman Neue Leben (den der reale Autor vor zwei Jahren veröffentlichte), wieder andere haben Lesereisen an nahe und ferne Orte gemacht, an denen auch Schulze für einige Zeit zu Gast war. Keiner dieser Erzähler kommt ganz mit dem realen Autor zur Deckung, sie alle aber sind dessen partielle Verkörperungen – und Kunstfiguren zugleich. Das ist nicht bloß selbstreferentielles Spiel, sondern Teil der bewußten Durchkreuzung der Grenzen zwischen Literatur und Wirklichkeit.

In allen Geschichten gibt es so etwas wie eine unerhörte Begebenheit, die den eben noch sicher geglaubten persönlichen und gesellschaftlichen Rahmen ins Wanken bringt: Schulzes durchweg sehr heutige Erzählungen sind mustergültig novellistisch verdichtet; sie alle zielen so elegant wie selbstverständlich auf diesen zumeist rätselhaft bleibenden Wendepunkt hin. Unmöglich, jede dieser faszinierenden Erzählungen hier angemessen zu würdigen; es bleibt nur, ihre alte und wunderbar zeitgemäße „manier“ zur Lektüre zu empfehlen.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 01.08.2007