Sparte: Belletristik

Wilhelm Genazino
Mittelmäßiges Heimweh

Buchbesprechung

Zunächst beginnt alles wie immer und genauso wie man es von Wilhelm Genazino, dem Meister des Mikrorealismus, erwartet: Ein Mann mittleren Alters streift einsam durch die abendlichen Straßen einer namenlosen Großstadt und sinniert über das, was er, ein sensibler Beobachter des Alltags, am Wegesrand wahrnimmt. Im Wortsinne en passant formuliert er gleich zu Beginn von Genazinos neuem Roman Mittelmäßiges Heimweh die nicht nur für ihn fundamentale Einsicht „Es ist nicht einfach, ein einzelner zu sein.“

So sucht er denn, um seiner Vereinzelung zu entkommen, Zuflucht in einer nahegelegenen, lärmigen Kneipe, in der gerade das Fußball-Europameisterschaftsspiel Deutschland gegen Tschechien übertragen wird. Doch auch in dieser Menschenmenge bleibt er ein Fremdkörper – und, wie er zu seinem Entsetzen feststellen muß, auch noch ein versehrter. Denn im Gejohle der Fans und der allgemeinen Empörung über ein Gegentor ist ihm, ohne daß er es recht bemerkt hätte, sein linkes Ohr abgefallen. Da liegt es nun, von niemandem beachtet, unterm Tisch.

Das Erschreckende an dieser ‚unerhörten Begebenheit’ ist nicht der Ohrverlust selbst, sondern die klaglose Schicksalsergebenheit, mit der der Betroffene ihn hinnimmt, und die Nichtbeachtung durch seine Umwelt: „Mit einem so kleinen Mangel kann man nicht mehr auffallen in einer von Schrillheiten überfüllten Welt“, stellt der Ich-Erzähler namens Dieter Rotmund mit der Lakonie und Schonungslosigkeit fest, die er sich selbst wie den anderen gegenüber an den Tag legt.

Der Einbruch des Unerklärlichen in einen bis dahin kleinbürgerlich-geordneten Alltag wird durchgehend aus der Sicht dieses Mannes erzählt, der als Controller in einer Arzneimittelfirma tätig ist. Das blut- und schmerzlos verlorene Ohr bleibt nicht der einzige Verlust, den er zu beklagen hat: Bald nach dem Ohr verläßt ihn auch seine Ehefrau mitsamt der Tochter, dann folgt sein rechter kleiner Zeh, der ihm ohne erkennbaren Grund im Schwimmbad abfällt. Und das alles, wo Rotmund, der „nicht mehr mit der Kompliziertheit des Lebens in Berührung kommen will“, sich gerade vorgenommen hatte, seinen „Alltag so einzurichten, daß ich nur noch einfache Verhältnisse mit einfachen Personen darin vorfinde.“

Dieses Vorhaben scheitert kläglich, zu seinem Leidwesen und zum Vergnügen des Lesers, der Zeuge wird von Rotmunds mehr oder weniger erfolgreichen, dafür aber um so heiterer und erkenntnisreicher zu lesenden Versuchen, den vermeintlichen Normalzustand zu wahren und sich in seiner veränderten Lebenssituation einzurichten, so gut es eben geht.

Es ist das Besondere an Genazinos verdichteter, genau registrierender Erzählweise, daß er es immer wieder schafft, gerade aus dem Trostlosen die Funken seines Witzes zu schlagen und die misanthropische Grundhaltung seines Protagonisten aufzufangen durch einen untergründigen Humor, der gerade, und ohne die Figur jemals zu denunzieren, im Scheitern das Komische zu entdecken vermag. Vielmehr macht er Rotmund zu einer glaubhaften Verkörperung der schwierigen Kunst, das Leben zu nehmen, wie es ist, und der Verzweiflung nicht nachzugeben, die diesen „erlebensmüden Liebesnomaden“ immer wieder (und nicht ohne leisen Genuß) in Tränen ausbrechen läßt.

Die Lebenssituation, in der sich Rotmund seit dem Ohrabfall und dem Scheitern seiner ohnehin mittelmäßigen Ehe wiederfindet, ist geprägt von der gegenläufigen Bewegung von beruflichem Aufstieg (er wird unverhofft und begeisterungsfrei zum Finanzdirektor) und privatem Niedergang. Symbolisch spiegelt sich diese Zuspitzung in der gleichermaßen körperlichen wie seelischen Dissoziationserfahrung dieses jedesmal wieder haarscharf an einer handfesten Depression vorbeischrammenden tragikomischen Helden.

So versteht Rotmund sich als „Liebesruine“ und weiß seiner Lebensleere dennoch nur die erneute Suche nach der Liebe entgegenzusetzen, auch wenn er von den unvermeidlichen Enttäuschungen weiß: „Gleichzeitig weiß ich, daß ich absterben werde, wenn ich mich nicht in eine neue Frau einwurzeln kann.“ Und so läßt er sich nolens volens auf eine höchst bescheidene sexuelle Beziehung zu Sonja ein, der Vormieterin seines neuen Apartments. Bezeichnenderweise ist auch sie eine an Leib und Seele Versehrte: Sie besitzt nur noch eine Brust, und sie schlägt sich als Betrügerin durchs Leben. Auch in Rotmunds sonstiger Umgebung mehren sich die Anzeichen dafür, daß etwas im großen und ganzen nicht stimmt – allenthalben nehmen die Beschädigungen zu (nach Zeitungsberichten hat ein Kind seinen Daumen verloren) – in seiner Wahrnehmung lauter Vorboten einer kommenden und von niemandem bemerkten Katastrophe.

Paradoxerweise gelingt es Genazino, gerade indem er Rotmunds verzerrte Wahrnehmungen absolut setzt, das bewußt übersteigerte und dennoch eigentümlich plausible Bild einer monströsen Gegenwart zu zeichnen. In seiner stillen Verzweiflung und mit dem melancholischen Blick des Außenstehenden formuliert Rotmund in seinem nicht enden wollenden Gedankenstrom scheinbar beiläufig und von ihm selbst unbemerkt immer wieder Aperçus von aphoristischer Klarheit: „Wie sonderbar ist ein Ohr! Man muß erst eines verloren haben, um zu merken, wie eigenartig das Leben mit zwei Ohren war.“

Und da uns anderen diese Erfahrung mutmaßlich erspart bleiben wird, wissen wir Rotmunds existentielle Einsichten und das ästhetische Vergnügungen, das die Lektüre dieser gerade in ihrer Trostlosigkeit hochkomischen Einsichten bereitet, umso höher zu schätzen
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 02.07.2007