Sparte: Sachbuch

Christoph Türcke
Philosophie des Traums

Buchbesprechung

Diese Reise führt von der Altsteinzeit bis in die bildschirmverliebte digitale Gegenwart, von den Unterwelten des menschlichen Bewusstseins bis in taghell ausgeleuchtete Büro-Landschaften und TV-Welten: Wer Christoph Türckes „Philosophie des Traums“ liest, wird feststellen, dass dieses Buch sehr viel mehr umfasst, als sein Titel vermuten ließe. Um nichts weniger als die Grundstruktur des Denkens und Fühlens geht es, um eine Menschheitsgeschichte des Träumens und Wachens, und neben der Philosophie kommen auch Anthropologie und Neurologie, Psychologie und Mediensoziologie zum Zuge. Ohne den Traum, dies macht Türcke von Beginn an deutlich, wäre der Mensch nicht zu dem geworden, was er ist; und obwohl auch Tiere träumen, ist in der Traumarbeit der menschlichen Spezies das ganze Programm ihrer Zivilisationsgeschichte aufgespeichert.

In drei großen Kapiteln, „Traum“, „Trieb“ und „Wort“, entfaltet der in Leipzig lehrende Philosoph das Panaroma dieser Zivilisationsgeschichte. Sigmund Freuds Entschlüsselung des Traums liefert dabei das Koordinatensystem, und doch führt Türcke in vielen Punkten über den Begründer der Psychoanalyse hinaus, untersucht die Bruchstellen in Freuds Werk und wagt Neuansätze jenseits der etablierten Psychologie. Zunächst einmal aber widmet sich das Buch „der Altsteinzeit in uns“, wie Türcke schreibt, „jenem Bodensatz des Denkens, den erst mühselige, jahrtausendelange Nervenarbeit im Homo sapiens abgelegt hat“. Die Hominiden, die in hingebungsvoller Kleinarbeit Geröllsteine scharfkantig machten, verschoben ihre Aufmerksamkeit von der Nahrung auf das Werkzeug – hier setzt eine entscheidende Verlagerung von Triebenergie ein, ein Ausdauertraining, das sich über die Jahrmillionen verfeinerte und erste Spuren von Kultur hervorbrachte. Im Zuge dieses Überlebenskampfes entwickelt sich auch die physische Ausstattung des Homo sapiens, sein großes Gehirn und seine manuelle Geschicklichkeit gehen mit der Fähigkeit zum Triebaufschub einher.

Verdichtung und Verschiebung, die beiden zentralen Begriffe in Freuds „Traumdeutung“, sind dabei leitmotivisch auch für Türckes philosophischen Ansatz. In seinem „Traum“-Kapitel führt er aus, wie Freud den Prozess des Träumens mithilfe starker Metaphern in ein ganz neues kulturelles Setting überführt. Zwei „Werkmeister“ sind es, nämlich Verdichtung und Verschiebung, die am „Zensor“ vorbei ein bestimmtes Motiv in den Traum schmuggeln, der wiederum das verarbeitet, was bei Tag nicht möglich ist. Doch seine These vom Traum als Wunscherfüllung muss Freud selbst revidieren: die Kriegstraumatisierten des Ersten Weltkrieg sprechen eine andere Sprache, so dass Freud einige Jahre später den Todestrieb in seine Theorie einführt. Die Kriegsheimkehrer erleben einen traumatischen Wiederholungszwang, ihr Nervensystem versucht, den Schrecken durch Wiederholung zu bannen, ihn loszuwerden, indem er einverleibt wird. Hier wählt Türcke einen anderen Weg als Freud.

Dem Philosophen zufolge gibt es etwas Elementareres als das Erotische, nämlich den Trieb, vom Schrecken loszukommen. Und aus ähnlichen Wiederholungszwängen heraus entsteht auch Kultur. Warum nimmt man etwas so Mühevolles wie Kultur auf sich, warum erfindet man Bedeutungen, wenn es auch ohne ginge? „Kein triebgesteuertes Wesen tut so etwas aus Lust und Laune“, schreibt Türcke. Ganz ähnlich müssen die frühen Hominidenkollektive auf Unwetter und wilde Tiere reagiert haben, spekuliert er – mit der Wiederholung der Naturgewalten im rituellen Opfer. Das Opfer ist die früheste Form des traumatischen Wiederholungszwangs, in ihm wird der Naturschrecken verdichtet und verschoben – ein Mechanismus, der für Freud erst mit der Traumbildung einsetzt. Steinigungen, Menschenopfer, Bestattungen – die ersten Rituale entstehen durch den traumatischen Wiederholungszwang, der zunächst nur die unerträgliche Reizüberschüsse abführt.

An den zentralen Stellen seiner Zivilisationsgeschichte setzt Türcke auf eine unerträgliche Not, einen nicht auszuhaltenden Schrecken und kommt so zu einer recht blutrünstigen Menschwerdung: immer ist es tödlicher Ernst, selten sind es freundliche oder gar lustvolle Triebe, die den Menschen zu irgendetwas bringen. Die Sexualität kann erst nach Menschenopfer und Steinigung zur zentralen Triebkraft werden; Sexualität ist zunächst ist ein Symbol für etwas anderes, wie Türcke am Gilgamesch-Epos vorführt.

Durch Verdichtung, Verschiebung und Umkehrung des äußeren Schreckens entsteht die Kraft der Imagination und in ihrem Zuge auch die Sprache – es sind physiologische Nervenleistungen, die den Menschen zu etwas treiben. Was aber genau ist ein Trieb? In seinem „Trieb“-Kapitel wagt Türcke sich auf neurologisches Gebiet vor: Er beschreibt, wie Nervenströme sich ihren Weg bahnen, während feste Bahnen entstehen; und in dieser Ur-Struktur der Wiederholung entdeckt er eine physische Vorform des traumatischen Wiederholungzwangs, der die frühen Ritualstrukturen hervorbringt. Einer der Grundgedanken besteht auch hier wieder darin, dass die Angst das zentrale Movens der Menschwerdung ist. Freuds Konzeption des Todestriebs, der ja das Lustprinzip infrage stellt, erweist sich für Türcke nur als Scheinlösung. Verkürzt gesagt, entsteht bei Freud Kultur aus sublimierter Lust; dagegen setzt Türcke den Schmerz an den Beginn der Menschheitsgeschichte: das Unerträgliche wird durch den traumatischen Wiederholungszwang im Menschenopfer – rituellen Tötungen also – kultisch abgeleitet; hier setzt die Geschichte des Geistes ein.

Im „Wort“-Kapitel liefert Türcke die dritte Säule seiner Philosophie des Traums. Die primitive Vorstellungskraft kann erst dann zur eigentlich menschlichen Denktätigkeit werden, wenn sie sich in Sprache verwandelt. Und auch hier wirkt wieder der Schrecken: „Die treibende Kraft der Lautformung war traumatische Erschütterung, deren Reizüberschuss nach Auswegen suchte. Einer davon ist das Ausstoßen von Lauten. Es versucht gleichsam die Erschütterung selbst auszustoßen, sie aus dem eigenen Organismus herauszudrücken.“ Das Wort beginnt demnach „als Exorzist“, der „seinen Anlass, den Schrecken, aus der Welt schaffen“ will. Daraus entwickelt der Philosoph eine komplexe Sprachtheorie oder vielmehr: eine Vorgeschichte der Sprache. Die beginnt mit der Benennung des Heiligen, einem Akt, der das Schreckliche zur Schutzmacht umkehrt. Mit dieser Namensgebung entsteht, über immense Zeiträume hinweg, allmählich auch eine grammatische Struktur der Sprache.

Die letzte Stufe dieser Mentalarchäologie, „High-Tech-Traumzeit“, ist leider recht gedrängt und kulturpessimistisch ausgefallen: Die Erfindung des Films markiert einen epochalen Einschnitt – eine Überforderung des Auges und des menschlichen Wahrnehmungsvermögens, die sich in unseren digitalen Bildschirmwelten mit ihren permanenten Bild-Schocks immer schlimmer fortsetzt. Türcke fürchtet um die elementare Fähigkeit des „Nachsitzens“, des langsamen Verarbeitens von äußeren Eindrücken, und in der Konsequenz um Geduld und Hingabe. „Jene traumartigen, halluzinatorischen Bildsequenzen, die eine global installierte Bildmaschinerie unablässig ausstrahlt, lassen die lebendige Traumkraft buchstäblich alt aussehen: ihre Bilder vergleichsweise blass, ihre Tätigkeit als ein Hinterherhinken.“ Auch in seinem Buch „Erregte Gesellschaft. Philosophie der Sensation“ (2002) hatte er vor Reizüberflutung und Dauererregung gewarnt – dies aber sind die klassischen Klischees bei historischen Medienwechseln. Dabei beweisen Buchdruck, Romane, Radio und andere, anfangs so gefürchtete Erfindungen: die Welt geht von neuen Medien nicht so schnell unter, sie wird nur ein bisschen unübersichtlicher.

Dass die „Philosophie des Traums“ an entscheidenden Stellen spekulativ ist, kann man als Gewinn zu werten; Türcke versucht ja gerade, die Spekulation als Mittel der Philosophie zu rehabilitieren. Seine Rückführung der gesamten Kultur auf den Schrecken der Tötung – vom Menschenopfer über den Bestattungsritus bis zum Inzesttabu, ja, bis zur Musik – muss man nicht in allen Punkten teilen; es gibt andere Theorien, die die Menschwerdung aus weniger blutrünstigen Triebfedern erklären. Dennoch ist die „Philosophie des Traums“ eine überaus fesselnde Lektüre (großartig auch die Passagen, in denen Chomskys Universalgrammatik und Lacans poststrukturalistische Phallokratie gebasht werden). Türcke stellt die ganz großen Fragen, ohne deshalb auf evolutionspsychologische, soziobiologische, utilitaristische oder ähnlich eindimensionale Erklärungen auszuweichen. Wie die Hominiden zu Menschen wurden, oder, noch wuchtiger formuliert, was der Mensch „ist“, sind die großen Unbekannten, die sich weder rein geistes- noch rein naturwissenschaftlich entschlüsseln lassen.

Freud hatte sich einen Vers aus Vergils Aeneis zum Motto gemacht („Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo – „Kann ich die höheren Mächte nicht beugen, bewege ich doch die Unterwelt“), Türcke wiederum macht Freud zu seinem Vergil auf dem Weg in die Traum-Unterwelten. Und wer sich die „Philosophie des Traums“ zum Reiseführer nimmt, kann sich auf eine zwar strapaziöse, aber ebenso originelle wie inspirierende Nachtwanderung gefasst machen.
Jutta Person

Von Jutta Person, 01.12.2009

Jutta Person ist Literaturkritikerin und Kulturwissenschaftlerin, sie schreibt unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", "Literaturen" und "Die Zeit". Beim "Philosophie Magazin" betreut sie als Redakteurin das Ressort Sachbücher.