Sparte: Sachbuch

Hans-Christian Dany
Speed. Eine Gesellschaft auf Droge

Buchbesprechung

Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Drogen. Über die Jahrhunderte hinweg haben Menschen mit Drogen experimentiert. Zu religiösen oder „bewusstseinserweiternden“ Zwecken fanden (und finden bis heute) Alkohol, Tabak, Opium und Koka ihre Konsumenten. Hans Christian Dany nimmt den Leser in seinem Buch Speed mit auf eine Reise durch die Geschichte jener Substanz, die er als den Motor der Leistungsgesellschaft bezeichnet. Die Stofffamilie der Amphetamine, zu der auch Speed und Ecstasy gehören, hat ihren Siegeszug Ende des 19. Jahrhunderts angetreten. Mittlerweile ist es die Droge mit der weltweit höchsten Absatzzahl – legal wie illegal. Dany erzählt von den Aufstiegen und Abstürzen, welche jeweils vom Amphetamin begleitet wurden und es gelingt ihm, die schillernde Welt des Rausches, aber auch dessen furchtbare Schattenseiten für den Leser erlebbar zu machen.

Amphetamin verspricht die schnelle Lösung von Problemen, oder zumindest deren Aufschub. Ähnlich wie beim Adrenalin wird der Körper in ein Art „Alarmzustand“ versetzt, bei dem die Grundbedürfnisse, wie Essen oder Schlaf, außer Kraft gesetzt werden. Der Wirkstoff steigert die Konzentrationsfähigkeit, macht wach und liefert schier endlose Energie. Aber er hat gefährliche Nebenwirkungen: erhöhte Aggressionsbereitschaft, Wahnvorstellungen und Psychosen sind die Folge.

Besonders das Militär machte sich früh die Wirkung von Drogen zunutze. 1883 mischt ein Schweizer Arzt heimlich Kokain in das Wasser der bayrischen Armee – und beobachtet, wie selbst schwer verwundete Soldaten scheinbar mühelos weiterkämpfen. Schon bald folgt der Aufstieg der synthetischen Drogen.1887 stellt der Chemiker Lazar Edeleanu in Berlin zum ersten Mal den Kunststoff mit dem Namen „1-Phynolpropan-2-amin“ her und damit das erste Amphetamin. Und das erfreut sich schnell großer Beliebtheit.

Danys Buch liest sich wie ein Who is who der Drogengeschichte: Andy Warhol schafft im Rausch ein Bild nach dem anderen, Johnny Cash erfindet den Hotelvandalismus und Elvis hat bei seinem Tod soviel Amphetamin im Körper, dass der Arzt es bei der Autopsie kaum glauben kann. Manch ein Schriftsteller, von Kerouac bis Philip Kindred Dick, schreibt seine Bücher, die längst zu Klassikern geworden sind, auf Droge. Jean Paul Sartre verfasst seine Werke unter Amphetamineinfluss und ist begeistert von der automatisierten Übersetzung von Gedanken in Sprache, die ihm dadurch zu gelingen scheint. Die Droge gibt ihm das Gefühl totaler Übereinstimmung mit sich selbst: als hätte er einen direkten Draht zu einem unerschöpflichen Ideenfundus.

Für Dany ist Speed die Droge unserer Zeit. Die Geschichte des Amphetamins ist in seinen Augen die Geschichte der Sehnsucht der Moderne nach Perfektion. „Die Sehnsucht der Menschen, sich zu verbessern, liefert ein Motiv, das mit Amphetamin perfekt zusammenpasst: Tiefer durchatmen, gezielter denken, schöner geformt sein, schärfer schießen und schneller arbeiten – das sind Wünsche, die mit dem Stoff in Erfüllung gehen sollen.“ Der Konsum nimmt weiter zu, nicht zuletzt, weil kulturelle Barrieren gefallen sind. Denn Pillen für oder gegen alles Mögliche zu nehmen ist heute normal geworden: zum Zu- oder Abnehmen, Einschlafen oder Aufwachen, um sich zu beruhigen oder noch eine Nacht durchzuarbeiten. Die jüngsten Modevarianten heißen Speed, Ecstasy, Pep oder Yaba und sollen für die „perfekte“ Partystimmung oder den erfolgreichen Arbeitstag sorgen. Synthetische Amphetamine werden unter anderem auch von der US-Armee eingesetzt, um den Soldaten im Irak das Leben zu „erleichtern“.

Steht uns also in Zukunft die Gesellschaft auf Droge bevor? Mit dem Titel Speed bezeichnet Dany zugleich den „Zustand, den die Menschen des kommenden Jahrhunderts für den Erstrebenswertesten halten werden.“ Denn in der modernen kapitalistischen Welt wächst der Druck immer „auf Speed zu sein“. Man muss schnell, effektiv und kreativ arbeiten. Wie das gehen soll? Die Financial Times prophezeit: „Hirngedopte Konkurrenten werden schneller denken, länger arbeiten, energischer auftreten. Sie werden an Ungedopten vorbeiziehen…“

Die Hauptgefahr des Amphetamins sieht Dany darin, dass es als Mittel zur Einpassung des überforderten Individuums in die moderne Welt genutzt wird, sei es beim Militär oder im Kinderzimmer. Bereits heute sind Kinder die größte Benutzergruppe legal gehandelter Amphetamine (allein in Deutschland rund 1,8 Millionen ). Zur Behandlung von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) werden Amphetamine wie Ritalin verwendet, um die schwankenden Befindlichkeiten der „Zappelphilippe“ auszugleichen – eine umstrittene Methode.

Danys These, dass Amphetamine demnächst möglicherweise so alltäglich wie Mobiltelefone werden, ist sicher gewagt. Aber die breite gesellschaftliche Akzeptanz des Rauschmittels macht doch stutzig, und Hans Christian Dany liefert dem Leser gute Gründe dafür, „nüchtern zu bleiben“. Detailreich und fesselnd rekonstruiert er die Zusammenhänge zwischen der Leistungsgesellschaft und der Geschichte des Amphetamins. Denn wie Ernst Jünger bereits wusste: „Auch Drogen folgen der Mode; sie bilden substantielle Entsprechungen zu geistigen Wendungen, die vielleicht nur kleine Marken in der Stilgeschichte hinterlassen und sich doch einzeichnen.“
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Von Andrea Müller, 04.08.2009