Sparte: Sachbuch

Josef H. Reichholf
Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends

Buchbesprechung

„Das Zusammenführen von Geschichte und Naturgeschichte ist für einen Einzelnen eine zu große Aufgabe, um sie meistern zu können. Das ändert nichts daran, dass es notwendig ist.“

Josef H. Reichholf ist Evolutionsbiologe. Außerdem ist er Professor für Naturschutz an der Technischen Universität München, leitet als Hauptkonservator die Sektion Wirbeltiere an der Zoologischen Staatssammlung München und sitzt im Präsidium des WWF Deutschland. Nebenbei hat er noch rund ein halbes Dutzend Bücher zu den verschiedensten Themen der Evolutionsbiologie geschrieben. Nun hat er sich – trotz seiner oben zitierten Vorbehalte – daran gemacht, die Geschichte der Menschen in Beziehung zur Geschichte der klimatischen Veränderungen zu setzen, und dies ist ihm auf höchst spannende Weise gelungen. Er versucht keineswegs, historische Ereignisse allein aus den klimatischen Bedingungen heraus zu erklären, wie ihm vereinzelt von Kritikern vorgeworfen worden ist, sondern er möchte zeigen, in welchem Maße veränderte Klimabedingungen das Handeln menschlicher Gemeinschaften beeinflusst haben (und auch weiterhin beeinflussen werden).

Seiner Betrachtung der vergangenen tausend Jahre europäischer Geschichte stellt Reichholf aber noch einen Rückblick voran, der bis in die letzte Eiszeit zurückreicht, um so die Zeitspannen zu veranschaulichen, in denen Klimaentwicklungen zu betrachten sind. So wird deutlich, dass der geologisch und klimatisch betrachtet extrem kurze Zeitraum eines Milleniums nichts als die bislang letzte Phase einer wechselvollen und schwierig vorhersagbaren Entwicklung darstellt.

Der Rückblick beginnt in der Spätphase der letzten Eiszeit, als vor etwa 30.000 Jahren der moderne Mensch (Homo sapiens) nach Europa gelangt und dort als Jäger und Sammler lebt. Mit dem Ende der Eiszeit vor ca. 10.000 Jahren verändern sich allmählich die klimatischen Verhältnisse, die Meeresspiegel steigen und die Temperaturen werden zunehmend milder. Dies ermöglicht den Beginn von Ackerbau und Viehzucht, erste ständige Siedlungen und Kultbauten entstehen.

Doch auch innerhalb der noch heute anhaltenden Warmzeit („Holozän“) gab es kältere und wärmere Perioden, die kaum zufällig parallel zu großen historischen Veränderungen verlaufen sind. So fand der Aufstieg und die Blütezeit des Römischen Imperiums während einer warmen Periode statt, die großen europäischen Völkerwanderungen hingegen ereigneten sich im 4. bis 6. nachchristlichen Jahrhundert, als es in Nordosteuropa erheblich kälter war. Mit dem Beginn des Mittelalters, kurz vor der Jahrtausendwende, erwärmte sich das Klima wieder und bot günstige Bedingungen für den Menschen und seine Entwicklung und Vermehrung. Hier beginnt Reichholf dann seine detailliertere Darstellung.

Ein Hauptindiz für den engen Zusammenhang zwischen Natur- und Menschheitsgeschichte sieht Reichholf in der kräftigen Zunahme der Bevölkerung bei günstigen Wetterbedingungen, auf die häufig aggressive Expansionsaktivitäten in unterschiedlicher Form folgen. Als Beispiele führt er die Raubzüge und Entdeckungsfahrten der Wikinger an, ebenso die christlichen Kreuzzüge und die Eroberungszüge der Mongolen. All diese Unternehmungen konnten nur realisiert werden, weil die Gesellschaften einen großen Überschuss an jungen Menschen hatten, die kein Land erben konnten und deswegen eine Gefahr für die Stabilität der Gesellschaft darstellten. So schickte man sie auf ehrenvolle Missionen, von denen die wenigsten zurückkehrten. Dass dies nicht als gezielte, geplante „Entsorgungsstrategie“ der Herrschenden zu verstehen ist, sondern sich erst aus der historisch distanzierten Perspektive so darstellt, betont Reichholf immer wieder. Sein Anliegen ist es, das Klima als einen weiteren wichtigen Faktor in die Diskussion zu bringen.

Auch für die Jahrhunderte des späten Mittelalters und der beginnenden Neuzeit führt Reichholf zahlreiche Belege für seine These an. Während der Phase der so genannten „Kleinen Eiszeit“ zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert, die im Zentrum Europas zu schwierigen Lebensbedingungen führte, verlagerte sich die politische und militärische Macht und damit der wirtschaftliche Wohlstand in den wärmeren Südwesten, also auf die iberische Halbinsel. Im Zentrum Europas dagegen kommt es zu verheerenden Kriegen und einer starken Dezimierung der Bevölkerung durch Krieg, Naturkatastrophen und Epidemien. Eine erneute Warmphase setzte im 19. Jahrhundert ein und ließ in Mitteleuropa jenes Naturbild entstehen, das bis heute für viele Menschen als ideal gilt. Die gezähmte, mitteleuropäische Park-Natur, die gleichzeitig als Gegenstück zur industrialisierten Stadt gesehen wird, wird zum bevorzugten Gegenstand von Dichtung und Malerei. Dass sie das Ergebnis des Zusammenspiels von klimatischen Gegebenheiten, intensiver landwirtschaftlicher Nutzung und landschaftlicher Gestaltung durch den Menschen ist, wird hierbei oft vergessen. Diesem Naturverständnis liegt naturgeschichtlich betrachtet lediglich eine historische Momentaufnahme Mitteleuropas zu Grunde.

Angesichts der gegenwärtigen Diskussion um den Zusammenhang zwischen CO2-Ausstoß und Klimaerwärmung lenkt Reichholf den Blick auf Entwicklungen, die er als viel gefährlicher für das klimatische Gleichgewicht einschätzt. Neben den großflächigen Brandrodungen tropischer Wälder mit dem Ziel, Felder für den Viehfutteranbau zu schaffen, sieht er die ständige Überdüngung landwirtschaftlicher Böden und die Vergiftung der Grundwasservorkommen als primären Schadensfaktor für Klima und Umwelt. Reichholfs Buch ist der Versuch, die aktuelle Klimadiskussion zu versachlichen, ohne die Gefahren zu verharmlosen. Seine Kritik richtet sich zum einen gegen selbst ernannte Propheten, die mit einer Art zentraleuropäischem Sendungsbewusstsein ihre Vorstellung von Natur auf dem ganzen Globus verwirklichen möchten, dabei jedoch einem statischen Naturbild verhaftet sind.

Seine Kritik richtet sich aber ebenso gegen den westlichen Lebensstil, dessen höchstes Ziel der massenhafte Konsum von Gütern und Dienstleistungen ist. Offen bleibt die Frage, ob der Mensch als Spezies langfristig vernünftig handeln kann oder ob es nur einige wenige sein werden, die sich durchsetzen können. Denn an der Tatsache, dass sich der Mensch auch zukünftig an die Veränderungen wird anpassen können, zweifelt Reichholf nicht im geringsten.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 16.07.2007