Sparte: Sachbuch

Kathrin Passig
Aleks Scholz
Lexikon des Unwissens. Worauf es bisher keine Antwort gibt

Buchbesprechung

„Was wir wissen, ist ein Tropfen. Was wir nicht wissen, ist ein Ozean“ (Isaac Newton)

Ein Lexikon des Unwissens zu schreiben, ist eine gewagte Sache, schließlich kann man nicht wissen, was man alles nicht weiß. Deshalb haben Kathrin Passig und Aleks Scholz ihrem Lexikon auch ein paar erläuternde Bemerkungen vorangestellt. Doch bevor sie beginnen, kommt zunächst der ehemalige Verteidigungsministers der USA, Donald Rumsfeld, zu Wort:

There are known knowns:
There are things we know that we know.
There are known unknowns: that is to say
There are things that we now know we don’t know.
But there are also unknown unknowns:
There are things we do not know we don’t know.
And each year we discover
A few more of those unknown unknowns.


Das hört sich nur auf den ersten Eindruck verwirrend an, ist aber im Grunde ganz logisch. Ein Lexikon des Unwissens, ist natürlich, genau wie eines des Wissens, an seine jeweilige Entstehungszeit gebunden. Vor hundert Jahren hätte man viele der Fragen, die hier erörtert werden, noch gar nicht stellen können, Fragen nach „Elementarteilchen“ etwa oder nach „Dunkler Materie“. Andere Fragen stehen bereits seit langem ungelöst oder unbewiesen im Raum. Ein Beispiel hierfür ist die mathematische Riemann-Hypothese, die sich mit der Verteilung der Primzahlen befasst.

Ebensowenig können wir heute vorhersagen, welche Fragen die Menschen in drei Generationen beschäftigen werden. Und die Antworten auf heutige Fragen sind dann vielleicht längst Allgemeinwissen, mutmaßen die beiden Autoren in ihrer Einleitung: „Dunkle Materie, (…) natürlich sind das die linksgedrehten Superaxoquattrionen, das weiß doch jeder, und wie konnte man jemals glauben, Schlaf hätte irgendeine Funktion? Katzen schnurren natürlich gar nicht, das ist nur eine akustische Täuschung, und was Rattenkönige sind, steht ganz genau erklärt im Voynich-Manuskript.“ (S. 11)

Die Autoren haben ein nur scheinbar systematisches, weil alphabetisch geordnetes „Lexikon“ mit 42 Stichworten zusammen gestellt, von denen einige tatsächlich zu den wichtigen ungelösten Problemen den Wissenschaft zählen. Diese stammen vor allem aus den Bereichen der Physik, Astronomie und der Mathematik. Die Fragen nach menschlichen Verhaltensweisen oder Empfindungen (wie sie z.B. die Einträge zu Trinkgeld, Unangenehmen Geräuschen, Sexuellen Interessen behandeln) oder einige Besonderheiten aus der Biologie, wie die seltsame Angewohnheit einiger Tiere, sich einzuemsen oder das rätselhafte Fortpflanzungsverhalten der Aale, dürften hingegen bislang eher nicht zu den kanonisierten Forschungsbereichen gehört haben.

Obwohl die Themen wirklich sehr unterschiedlich sind und inhaltlich nicht geordnet auf den Leser treffen, sind die einzelnen Artikel jeder auf seine Weise erhellend. Manche Themen sind erst einmal eine Überraschung, weil man bislang gar nicht auf den Gedanken gekommen ist, hier könnte etwas ungelöst sein. „Menschengrößen“ etwa ist ein solches Thema: Hält man es doch gemeinhin für gegeben, dass die Größe der Menschen genetisch und zusätzlich durch verschiedene Faktoren des Lebensstandards wie Ernährung und Gesundheitsversorgung bestimmt wird.

Trotzdem haben einzelne Forschungen ergeben, dass es durchaus Wachstumsphänomene gibt, die diesen Annahmen zuwiderlaufen bzw. bei denen offenbar zusätzliche und bislang nicht identifizierte Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Während die Europäer seit Jahrhunderten im Schnitt immer größer werden, ist dies bei den US-Amerikanern nicht der Fall. Im Vergleich zu den größten Europäern, den Holländern und Norwegern, sind die Amerikaner im Schnitt fast sieben Zentimeter kleiner. Noch im 19. Jahrhundert war das Verhältnis fast umgekehrt. Warum haben die Amerikaner in der Mitte des 20. Jahrhunderts aufgehört zu wachsen, und zwar nicht nur die ärmeren Leute, sondern auch die Reichen?

Eine andere Frage, die man auf den ersten Blick ebenfalls nicht für ungelöst halten würde, ist die Frage danach, was eigentlich Geld ist. Erst wenn man die konkret im Umlauf befindliche Geldmenge bestimmen will, wird es wirklich kompliziert. Wie lautet die genaue Definition des Begriffs „Geldmenge“? Muß in diesem Zusammenhang nur das weltweit kursierende Bargeld gezählt werden? Oder auch die von den Banken vergebenen Kredite, die die Bargeldmenge um ein Vielfaches übersteigen? Und was ist mit Aktien oder gar mit Optionsscheinen?

Von einigen Fragen möchte man lieber gar nicht wissen, dass ihre Antworten nicht bis ins Detail bekannt sind: So ist zum Beispiel bis heute nicht geklärt, welche biochemischen Vorgänge im Körper eigentlich dazu führen, dass die Patienten während einer Operation in Vollnarkose versetzt werden. Die Anästhesisten wissen zwar ganz genau, wie man es diesen Zustand erreicht, aber warum es funktioniert, wissen sie offenbar nicht. Vielleicht ist es ganz ähnlich wie bei den Halluzinogenen LSD oder Meskalin, die auch auf die Wahrnehmung wirken und uns Dinge anders sehen und fühlen lassen als in, sagen wir, unserem Naturzustand. Wie sie genau wirken und warum diese – auch Psychedelika genannten – Stoffe nachweislich nicht zu Abhängigkeit führen, weiß man aber nicht.

So führt die Lektüre von einem entdeckenswerten Themenfeld zum nächsten und regt zum Weiterlesen und Weiterdenken an. Überaus lehrreich und zugleich höchst unterhaltsam präsentieren die Autoren ihre vielfach hochkomplexen Fragestellungen. Zwar versteht man komplizierte mathematische Funktionen auch dann nicht besser, wenn sie als Wurstmaschinen beschrieben werden, aber man bekommt zumindest eine vage Vorstellung davon, was gemeint sein könnte, wenn auf der nächsten Party von der Riemann-Hypothese oder dem P/NP-Problem die Rede sein sollte. Und wer weiß? Vielleicht wissen ja die Grundschulkinder der über-übernächsten Generation bereits alles über die Indus-Schrift…
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 01.02.2008