Sparte: Sachbuch

Manfred Geier
Worüber kluge Menschen lachen. Kleine Philosophie des Humors

Buchbesprechung

Wer hat sie nicht vor Augen, die Szene: Umzüngelt von den Flammen der brennenden Klosterbibliothek sitzt der blinde Jorge von Burgos im Herzen der geheimen Gemächer und vertilgt Blatt um Blatt einer verbotenen Schrift, auf daß sie nicht in die Hände nachfolgender Generationen geraten mögen. Herausgerissen hat er sie aus jenem Buch, um das der Semiotik-Professor Umberto Eco seinen Kriminalroman, "Der Name der Rose" aufgeschichtet hat wie ein Palimpsest der abendländischen Philosophie- und Literaturgeschichte. Es handelt sich um das berühmte, gänzlich verlorengegangene Zweite Buch von Aristoteles´ Schrift "Über die Dichtkunst" (Peri poietikes), in dem der Philosoph die Grundsätze dargelegt hat, nach denen die Dichter eine gute Komödie gestalten sollten. Eine Fratze hatte der ehrwürdige Jorge - hinter dem unschwer der Bibliomane Jorge Luis Borges erkannt werden konnte - in Ecos Roman das Lachen genannt, das das menschliche Antlitz zur Grimasse eines Affen entstelle. In den klösterlichen Mauern geschehen Morde, weil das Lachen angeblich Sache des Teufels ist.

Der Hamburger Philosoph und Sprachwissenschaftler Manfred Geier (geb. 1943), zuletzt mit einer fulminanten Biographie über Immanuel Kant hervorgetreten ("Kants Welt"), nähert sich in seinem jüngsten Buch dieser mimischen Reaktion aus philosophischer Sicht und präsentiert mit seinem ebenso gelehrten wie unterhaltsamen Buch "Worüber kluge Menschen lachen" eine "kleine Geschichte des philosophischen Humors", wie es im Untertitel heißt. Warum lacht der Mensch überhaupt, und welche Bedeutung haben Witz und Humor für unser Alltagsleben - ausgehend von diesen Fragen beugt sich Geier über die abendländische Philosophie- und Geistesgeschichte und stellt an ausgewählten Positionen vor, worüber die großen Philosophen selbst gelacht und was sie über die Ursachen und Hintergründe dieses Lachen ans Licht gebracht haben.

Es war Sancho Pansa, jener scheinbar tumbe Knappe des Don Quijote, der genau wußte, daß vor allem das Lachen den Menschen vom Tier unterscheidet. So mahnt er seinen Herrn, der sich in mancher Stunde als Kind von Traurigkeit entpuppt: "Gnädiger Herr, die Traurigkeit ist zwar nicht für Tiere, sondern für Menschen gemacht, allein wenn die Menschen ihr über alles Maß nachhängen, so werden sie zu Tieren". Es ist, als habe Sancho Pansa das aristotelische Buch über das Lachen und die Komödie gekannt, geht seine volkstümliche Weisheit doch auf die Einsicht des antiken Philosophen zurück. Gleichwohl, so zeigt Geier in seinen Betrachtungen, die ihren Ausgang in der griechischen Antike nehmen, tadelten die Griechen lautes Lachen jenseits der Jugend als Ausweis schlechter Erziehung und verachtenswerter Vulgarität.

Wie Geier im kursorischen Durchgang durch die einschlägigen Dialoge vorführt, war es Platon, der vielleicht herausragendeste Vordenker der abendländischen Philosophie, der das Lachen aus eben jener vertrieben hat. Im langen Schatten der platonischen Wirkungsgeschichte hätten, so Geier, Denker wie Demokrit von Abdera kaum eine Chance gehabt, dessen Schrifttum kaum erhalten und dessen Ansichten nur verdünnt in anekdotischer Form erhalten sind. Geiers Sympathie gilt gerade diesem "lachenden Philosophen", der von seinen Mitbürgern für verrückt gehalten wurde, aber gleichwohl ein bedeutender Naturforscher war. In einer akribischen Spurensuche folgt Geier der Konfrontation philosophischer Positionen, in denen auf der einen Seite eine Lebenskultur aufscheint, die auf Gleichmaß, Besonnenheit, Seelenschönheit und Anmut baute, während auf der anderen Seite eine Eigenwilligkeit Gestalt annimmt, die die Torheiten der Menschen geistreich verlacht.

Geier schildert mit Freude am Detail, welche Bedeutung die Philosophen dem Humor im Lauf der Geschichte beigemessen haben, und versucht zu zeigen, worüber Dichter und Denker wie Rabelais, Kant oder Schopenhauer in ihrer Zeit gelacht haben. Erfreulich, daß gerade die deutsche Tradition, nicht eben für ihren Humor berühmt, hier in einfühlsamen und mitunter durchaus mit feiner Komik grundierten Porträts über Christoph Martin Wieland, Kant, Schopenhauer oder Freud bis hin zu den Sprachspielereien eines Karl Valentin abgehandelt wird.

Voltaire gab einmal zu bedenken, wer nach Gründen für das Lachen suche, werde nicht fröhlich. Ein Witz läßt sich schlecht erklären, die Pointe verpufft in dem Augenblick, in dem man ihr mit theoretischer Schärfe auf die Schliche kommen will. So überzeugt Geier weniger mit dem Versuch, mit der Superioritäts-, der Inkongruenz- und der Entspannungstheorie drei Grundlagen des Humors zu unterscheiden - was verstehen wir schon vom Witz Karl Valentins, wenn wir erfahren, daß er den "indefiniten Gehalt der Adverbien auflöst"? Vielmehr liegt das Verdienst dieses intelligent unterhaltenden Buches darin, ein Panoptikum zahlreicher Anekdoten und Apercus aus der Philosophiegeschichte aufzubieten, in dem das sprichwörtlich gewordene Lachen der thrakischen Magd über den Brunnensturz des milesischen Philosophen Thales die Gründungslüge der europäischen Philosophie durchsichtig macht: "Daß die Liebe zur Weisheit mit der Distanzierung von der Lebenswelt erkauft werden müsse".

Jenseits moralischer Ernsthaftigkeiten und erkenntnistheoretischer Strenge enthüllen sich über die Nebenwege der abendländischen Philosophie, in die Geier den Leser führt, manch neue Seiten über die Verfassung der Wirklichkeit. Umwege erhöhen bekanntlich die Ortskenntnis.
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Von Oliver Jahn, 09.10.2006