Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Andreas Steinhöfel
Rico, Oskar und die Tieferschatten

Buchbesprechung

Mit Rico, Oskar und die Tieferschatten hat der renommierte Jugendbuchautor Andreas Steinhöfel einen originellen und witzigen Jugendkriminalroman geschrieben. Spürnase und Protagonist der Geschichte ist Rico aus Berlin Kreuzberg, der mit seiner Mutter in der „Dieffe 93”, Dieffenbergstraße 93, wohnt. Er ist ein außergewöhnlicher Held. In seinem Kopf geht es manchmal „so durcheinander wie in einer Bingotrommel.“ Dann fällt es ihm schwer, links und rechts auseinander zu halten. Er ist froh, dass die Dieffenbergstraße so lang und voller Geschäfte ist, und er deshalb nicht oft abbiegen muss, um etwas zu erledigen. Auch der Weg zur Schule, dem Förderzentrum am Landwehrkanal, ist zum Glück kurz. Dabei ist Rico alles andere als „beschränkt”. In diesem Ferientagebuch erzählt er seine Sicht der Dinge. Und als eines Tages sein neuer Freund Oskar entführt wird, läuft er zu Höchstform auf: Er befreit ihn und entlarvt außerdem den berüchtigten ALDI-Kidnapper.

„Schwachkopf” nennt ihn der knurrige Nachbar Herr Fitzke. Aber Rico weiß, dass das nicht stimmt: „Ich sollte an dieser Stelle erklären, dass ich Rico heiße und ein tiefbegabtes Kind bin. Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber das dauert meistens etwas länger als bei anderen Leuten. An meinem Gehirn liegt es nicht, das ist ganz normal groß. Aber manchmal fallen ein paar Sachen raus, und leider weiß ich vorher nie, an welcher Stelle.” Das klingt einleuchtend. Überhaupt hat Rico einen klaren Blick auf die Welt. Er ist schlau und aufmerksam und geht den Sachen auf den Grund. Wörter, die er nicht kennt, lässt er sich erklären oder schlägt sie nach. Und damit er sie nicht wieder vergisst, schreibt er sie auf. Es mangelt ihm auch nicht an Selbstbewusstsein, denn er weiß: „Das Problem mit den Fremdwörtern ist, dass sie oft was ganz Einfaches bedeuten, aber manche Leute es lieber kompliziert ausdrücken.”

„Depression” ist so ein Wort. Rico nennt es das „graue Gefühl” und erklärt es so: „Eine Depression ist, wenn all deine Gefühle im Rollstuhl sitzen. Sie haben keine Arme mehr und es ist leider auch gerade niemand zum Schieben da. Womöglich sind auch noch die Reifen platt. Macht sehr müde.” Dieses „graue Gefühl” bemerkt er an vielen Leuten. Bei Frau Dahling zum Beispiel, die im gleichen Haus wohnt, im Karstadt an der Fleischtheke arbeitet und bei der er abends Filme schaut. Sie fühlt sich einsam, seitdem ihr Mann sie betrogen und sie ihn hinausgeworfen hat. Manchmal macht sich Rico auch Sorgen wegen seiner Mutter, schließlich ist sein Vater vor langer Zeit gestorben. Sie erzieht ihn alleine, arbeitet nachts in einer Bar und schläft lange. Manchmal ist sie traurig, dann nimmt sie Rico in den Arm und die beiden weinen ein bisschen zusammen.

Seine Nachbarn in der „Dieffe 93” kennt Rico gut. Da sind zum Beispiel der verlotterte und unsympathische Fitzke, die fürsorgliche Frau Dahling, die Familie Kessler mit den vielen Kindern und die Studenten Jule, Massoud und Berts, aus deren Wohnung oft laute Musik dröhnt. Nur das Hinterhaus findet Rico unheimlich. Das ist wegen Einsturzgefahr gesperrt, seitdem Fräulein Bonhöfer in ihrer Wohnung das Gas aufgedreht und sich umgebracht hat. Wenn Rico aus seinem Fenster schaut, sieht er dort oft rätselhafte „Tieferschatten”...

Eines Tages trifft er Oskar im Treppenhaus. Oskar ist ziemlich klein, trägt immer einen Motorradhelm, unter dem man nur seine großen Zähne erkennen kann, und hat sich ein kleines rotes Flugzeug ans T-Shirt gesteckt. Irgendwie seltsam, findet Rico. Aber nett ist Oskar, und hochbegabt dazu. Die beiden, hochbegabt und tiefbegabt, werden Freunde. Sie passen gut zusammen: „Ich habe fast dauernd gute Laune, weiß aber nicht so viel. Oskar wusste jede Menge merkwürdiger Dinge, aber seine Laune war dafür im Keller.” Doch dann erscheint der neue Freund nicht zum verabredeten Treffen. Schnell stellt sich heraus: „Mister 2000”, der Kindesentführer, der seit einiger Zeit die Stadt in Atem hält, hat ihn in seine Gewalt gebracht. Für Rico ist die Sache klar: Er wird Oskar finden. Dafür muss er aber einige Hindernisse und Ängste überwinden...

Rico, Oskar und die Tieferschatten ist durchgehend aus der Perspektive des jungen Helden erzählt. Darin liegt eine der Stärken des Buches, denn Ricos Sicht der Dinge ist äußerst eigenwillig. Sie wirkt jedoch an keiner Stelle wie die eines „behinderten Jungen”, absonderlich oder befremdend. Ganz im Gegenteil, sie ist eine Bereicherung der eigenen, konventionellen Perspektive. Ricos Wirklichkeitswahrnehmung ist überraschend, aber immer nachvollziehbar und zudem ausgesprochen scharfsinnig. Es ist kein Zufall, dass der „tiefbegabte” Ermittler die Entführung aufklärt.

Außerdem ist Rico ein außerordentlich begabter Erzähler. Die Sprache, die Andreas Steinhöfel seinem Protagonisten in den Mund legt, ist direkt, kraftvoll und originell. Er sagt beispielsweise „fuseln” statt „faseln” und hat dafür auch eine etymologische Erklärung: Fusel ist nämlich das, was Alkoholiker trinken. „Danach reden sie meistens dummes Zeug” − sie „fuseln” also. Auch finden viele Ausdrücke aus Berlin und Umgebung Eingang in das Buch. Diese Freiheit der Ausdrucksweise hat der Autor mit einer virtuos konstruierten Geschichte kombiniert. So gewinnen sowohl Rico als auch die Bewohner der „Dieffe 93” enorme Plastizität und Glaubwürdigkeit. Und auch die Spannung kommt nicht zu kurz. Nein, vor dem „grauen Gefühl” brauchen weder Rico noch seine Leser Angst zu haben...
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Von Eva Kaufmann, 08.10.2008