Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Melanie Laibl
Dorothee Schwab (Illustrator)

Ein Waldwicht fliegt in den Oman. Eine Reise in Reimen

Buchbesprechung

„Waldwichte sind winzig klein,
aber groß im Träumen –
vom Beerennaschen, Bärenärgern,
vom Schaukeln in den Bäumen.“


Eine Reise in Reimen – so lautet der Untertitel des Kinderbuches Ein Waldwicht fliegt in den Oman. Aus der Zusammenarbeit der Texterin Melanie Laibl und der Illustratorin Dorothee Schwab ist ein unterhaltsames Kinderbuch entstanden, das vom Verband designaustria zu Recht mit dem Romulus-Candea-Preis 2008 ausgezeichnet wurde. Denn nicht nur die originellen Reime, sondern auch die innovative Illustration dieses Buches macht es Kindern leicht, in die Welt des Waldwichts einzutauchen, eine Welt, in der es um Himbeerbäume, Raschelblätter und den Traum von der Erdumrundung geht.

Alles beginnt mit den Waldwichten, die in den Kronen der Bäume leben – und dort von den Menschen scheinbar unbemerkt ein quirliges Leben führen. Aber zwischen all diesen Wichten gibt es einen, der nicht so ist wie die anderen Wichte. Denn obwohl auch er das Leben zwischen den Blättern genießt, ist er doch nicht damit zufrieden. Sein größter Traum ist es nämlich, einmal um die Erde zu fliegen: „Nur: wie stellt das einer an, der von Natur nicht fliegen kann?“ Aber der Wunsch lässt den Waldwicht nicht los, und im Herbst, als die Blätter fallen und der Wind sie über das Land weht, ergreift er seine Chance und macht ein Raschelblatt zu seinem Fluggerät.

Mit einer großen Portion Mut und beschirmt von seinem Lieblingseichelhut beginnt der Waldwicht seinen Flug um die Welt. Bei den Spitzbergener Zwergen friert er fast fest, in Sansibar treibt ihn der Wüstenwind voran, und in Indien lernt er, dass auch heilige Kühe manchmal nur „Muh“ machen können. In China versucht er, Preiselbeeren mit Stäbchen zu essen, und in Brasilien tanzt er so gut, dass man ihn am liebsten gleich dabehalten würde. Aber noch ist zu vieles ungesehen. Der Waldwicht macht sich zum Surfen auf nach Neuseeland, und selbst der dichte Teppichflugverkehr im Oman kann ihn nicht schrecken. Der freundliche Flaschengeist, den er dort trifft, heißt ihn willkommen: „Sieht aus, als wärst du weit gereist!“

Der Geist hat Recht und nach all den Abenteuern gönnt sich der Waldwicht daraufhin eine Pause. Dabei muss er plötzlich wieder an seine Freunde auf der Lichtung zu Hause denken und entschließt sich daher heimzureisen. Nach seinem langen Flug zurück wird er im heimischen Wald aufs herzlichste empfangen, denn er ist fast so etwas wie ein „Internationaler Waldwichtstar“ geworden. „Wicht in Sicht!“ schallt es über die Wipfel, und die Weltreise des Träumers endet dort, wo sie angefangen hat.

Ein Waldwicht fliegt in den Oman ist eine beeindruckende Phantasiereise, der es gelingt, dem Leser den Zauber der unbekannten Länder aus dem Blickwinkel des Waldwichtes näher zu bringen. Es ist eine Geschichte über den Mut, den es braucht, wenn man etwas Besonderes wagen will, auch wenn niemand sonst diesen Wunsch versteht, und darüber, dass es sich lohnt, an seinen Träumen festzuhalten. Denn auf jeder Seite des Buches wird die Faszination von Ferne und Abenteuer neu sichtbar und diese Faszination wird sicher nicht nur Kinder in ihren Bann schlagen. Aber es ist auch eine Geschichte über das Glück, nach einer langen Reise wieder nach Hause kommen und das Erlebte dort mit seinen Freunden teilen zu können,.

Herausragend ist die Bildgestaltung dieses Buches: Zeichnungen und Fotografien, Zeitungsschnipsel und Handschriften sind in Collagetechnik zusammengefügt. Und jede Seite hat eine Überraschung parat: ein Sandstrand aus alten Artikeln, eine Welle aus einem Hochhausfoto, oder ein Singvogel aus Wachsmalkreide. Gerade die gelungene Mischung der verwendeten Elemente macht dieses Buch einzigartig. Zudem ist diese Technik gekonnt auf den Inhalt abgestimmt. Denn ebenso wie bei der Erzählung die Grenzen zwischen Phantasie und Realität verschwimmen, lässt sich auch über die grafischen Elemente rätseln: Welches Bild ist ein Foto und welches ist eine Zeichnung? Die wirbelnden Herbstblätter sind beides zugleich. Und weil in der Erzählung alles aus der Perspektive des Waldwichtes betrachtet wird, erscheinen kleine Dinge plötzlich ganz groß und dadurch magisch: Die Orchidee im Regenwald ist riesig, aber entfaltet gerade dadurch ihre einzigartige Schönheit, und zwischen den Eisbergen versteckt sich ein Schneemann, den man vielleicht erst auf den zweiten Blick entdeckt.

Zwei besondere Extras des Kinderbuches sollen hier nicht unerwähnt bleiben: Auf der letzten Seite gibt es ein Waldwicht-Willkommenslied, dessen Text die ganze Reise noch mal erzählt und das mit ein wenig Notenkenntnis leicht nachzuspielen sein dürfte. Beiliegend gibt es außerdem noch eine ungewöhnliche Weltkarte, auf der alle Waldwichtstationen abgebildet sind und sämtliche Kontinente in kräftigen Farben erstrahlen: Gelb für Afrika, Grün für Amerika, ein dunkles Lila für Südamerika, ein kräftiges Rot für Asien und neben der weißen Antarktis gibt es noch Australien in hellem Grün – ein schönes Poster für das Kinderzimmer.

Mit Ein Waldwicht fliegt in den Oman haben Laibl und Schwab ein abwechslungsreiches und intelligentes Kinderbuch geschaffen, das in jeder Hinsicht überzeugt und zudem Kinder wie Erwachsene ermuntert, sich auf ein Wagnis einzulassen. Denn nach dem Sinn seiner Fahrt befragt, antwortet der Waldwicht am Ende: „Besser folge deinen Träumen, als das Leben zu versäumen!“
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Von Andrea Müller, 15.09.2009