Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Lutz van Dijk
Die Geschichte von Liebe und Sex

Buchbesprechung

Blättert man in Lutz van Dijks Geschichte von Liebe und Sex, so erscheint sie einem auf den ersten Blick verwirrend und übersichtlich zugleich. Ansprechend gestaltet, vermittelt das Buch eine strukturierte Vielfalt, doch gerade diese Vielfalt ist es, die zunächst verwirrt. Andererseits ist es aber auch eben diese Vielfalt, die das Buch auszeichnet.

Zunächst einmal unterscheidet van Dijk explizit zwischen Liebe und Sex, und sobald er diese in die verschiedenen historischen Zusammenhänge einordnet, wird auch deutlich, warum diese beiden Bereiche unbedingt getrennt voneinander behandelt werden müssen. Betrachtet man die Auswahl der Perspektiven, die van Dijk für seine Darstellung wählt, wird ebenso deutlich, dass es sich bei seinem Buch nicht um eine systematische und umfassende Untersuchung handelt und auch gar nicht handeln soll, sondern um eine Beschreibung der zahlreichen Erscheinungsformen von Liebe und Sexualität zu den verschiedensten Zeiten und an den unterschiedlichsten Orten der Welt.

Van Dijk erzählt nicht nur selbst, sondern er lässt sehr viel erzählen: Erfahrungsberichte junger und älterer Menschen vermitteln einen direkten Eindruck davon, wie unterschiedlich Sexualität und/oder Liebe erlebt wurden und werden. Dabei sind die Perspektiven weit gefächert: Beginnend mit Betrachtungen über die Entstehung des Lebens und die Schöpfungsmythen diverser Kulturen bewegt sich der Autor entlang einer Zeitachse kreuz und quer über den Globus, wobei er jedoch immer wieder auch Sprünge in der Chronologie macht. Ein Beispiel für dieses eher thematisch orientierte Verfahren ist die Erwähnung der jüngsten Entwicklungen des AIDS-Virus im frühen Kapitel über Afrika, obwohl das Thema dort zunächst die Entstehung des Homo Sapiens vor etwa 200000 Jahren ist. Über die Stationen der griechischen und römischen Antike gelangt die Darstellung dann zum Umgang mit Liebe und Sex in den drei monotheistischen Religionen und in den Religionen und Kulturen des Fernen Ostens.
Was Europa angeht, so tut sich zwischen der Antike und der Neuzeit eine ziemlich große Lücke auf. So setzt van Dijk, als es um die literarische Behandlung von Leidenschaft und Tod in der Liebe geht sowie um die Frage, wann der Mensch alt genug ist, leidenschaftliche Liebe zu empfinden, mit seiner Darstellung erst wieder bei Shakespeare ein.

Je mehr sich van Dijks Darstellung der heutigen Zeit nähert, desto politischer und konkreter wird auch die Rolle betrachtet, die Sex und Liebe spielen. Eines der Themen ist hier beispielsweise der Exotismus, der in der Zeit des Kolonialismus verstärkt vorkommt. Im selben Kapitel findet sich ein kurzer Exkurs zu Sigmund Freud und der Entwicklung der Psychoanalyse. Als thematisches Bindeglied dient hier die tabuisierte Sexualität zwischen dem „Wilden“ und dem „Zivilisierten“.

Schließlich widmet sich van Dijk den Minderheiten: Wie steht es um die Homosexuellen, Behinderten oder Alten und deren Möglichkeiten, ohne Beeinträchtigung durch gesellschaftliche Normen zu lieben und ihre Sexualität auszuleben? Und wohin führen die jüngsten Entwicklungen, die sich aus den weltweiten Verbreitungsmöglichkeiten des World Wide Web ergeben? Hier geht es nicht nur um Cyber-Sex und Singlebörsen, sondern auch um illegale Pornografie, Menschenhandel und Sextourismus.

Van Dijks Geschichte von Liebe und Sex ist, wie eingangs erwähnt, eher eine Sammlung wissenswerter und interessanter Einzeldarstellungen als eine systematische Geschichtsschreibung. Es ist auch kein Aufklärungsbuch für junge Leute, sondern es ist ein Buch, das weit mehr bietet als die üblichen Informationen über Liebe und Sex. Der Zusammenhang zwischen diesen Themen und fast allen anderen gesellschaftlichen Bereichen wie Politik, Wirtschaft oder Kunst wird durch die Art der Präsentation erkennbar und muss also gar nicht pädagogisch überbetont werden. Am wichtigsten aber ist dem Autor – und das ist ihm ohne Zweifel gelungen –, den Lesern die Gewissheit zu vermitteln, dass Liebe und Sex in unzähligen Formen und Spielarten existieren und jeder Mensch für sich herausfinden muss, was für ihn oder sie der richtige Umgang damit ist.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 12.02.2008