Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Karen Holländer
Thilo Krapp (Illustrator)

Ach hätte - könnte - wäre ich

Buchbesprechung

Wenn der Neidhammel galoppiert

Zu den unschönen Gefühlen, die fast jeder kennt, aber niemand gern zugibt, gehört bekanntlich der Neid. Auch das Julchen ist nicht frei davon und eröffnet einen heiteren Reigen des Neides und der Wünsche, der erst bei Fritz, dem fröhlichen Glatzkopf, ein gutes Ende findet.

Julchen trägt nämlich auf dem Kopf eine wilde Krause, sie hätte aber viel lieber so glatte Haare wie Prinzessin Edelgart. Die hingegen möchte gern ein bisschen dicker sein und schaut sehnsüchtig auf den prächtigen Bauch von Jochen, dem Schiffskoch. Der wiederum kann nicht so schöne Knödel kochen wie Otto, der mit seinem kleinen Häuschen nicht zufrieden ist. So geht es weiter, tausend schöne Dinge gibt es, die man gern hätte oder könnte, und immer gibt es jemanden, den man beneiden kann. Das macht natürlich schlechte Laune… Doch manchmal trifft man auch auf Leute, die ganz mit sich zufrieden sind und mit geradezu ansteckender Heiterkeit durchs Leben gehen – so wie der umtriebige Fritz, der am liebsten Partys für alle organisiert und dem Reigen schließlich ein Ende setzt, anstatt Julchen um ihre schönen Locken zu beneiden.

Karen Holländer und Thilo Krapp haben mit ihrem raffiniert illustrierten Reim-Reigen ein Vorlesebilderbuch geschaffen, das das Zeug zum Klassiker hat. Eingängige Zweizeiler stellen aus der Sicht der jeweiligen Figur zunächst ihre vermeintlichen Defizite und dann die daraus resultierenden kleinen und großen Wünsche vor, die sie ihrem jeweils erträumten Idealzustand auf einen Schlag näherbringen würden. Jeder Figur und ihren Wünschen ist eine großzügig entworfene Doppelseite gewidmet, die von Illustrator Krapp in einer Mischung aus Zeichnung und Collage gestaltet ist. Doch der Zeichner beschränkt sich bei weitem nicht auf die Illustration der Geschichte, sondern er erfindet noch viele kleine Neben-Geschichten dazu: Da finden Piraten einen Schatz am See, oder es tritt eine adrette Dame durch eine Tür im Nichts und serviert Kaffee. Der augenzwinkernde Humor des Illustrators zeigt sich außerdem in dem kleinen grünen Krokodil, das auf jeder Seite irgendwo steckt und das Geschehen ohne Worte kommentiert. Hier bietet sich jede Menge Gesprächsstoff für die kleinen Leser.

Die deutliche Botschaft dieses Buches wird durch die witzigen Wünsche der Neidhammel und die einfallsreichen Illustrationen zugleich angenehm und wirksam verhüllt, so dass man sehr wohl etwas lernen kann, jedoch ohne sich belehrt zu fühlen. Eine Buch-Eigenschaft, die die meisten Kinder sehr schätzen!
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 07.11.2007