Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Christine Biernath
Keinen Schlag weiter!

Buchbesprechung

In ihrem Jugendroman über häusliche Gewalt erzählt Christine Biernath die Geschichte einer gut situierten Rechtsanwaltsfamilie. Aus den sehr unterschiedlichen Perspektiven der beiden halbwüchsigen Kinder schildert sie die Handlung, die sich immer mehr zuspitzt. Dazu sind jedem Kapitel kurze Kommentare von Lehrern, Nachbarn und Kollegen vorangestellt.

Benjamin Schneider ist der ältere Sohn der Familie. Er ist sechzehn Jahre alt, sensibel und musikalisch, ruhig und zurückhaltend. Schon seit seiner frühen Kindheit kann er sich an gewalttätige Szenen in der Familie erinnern. Doch er glaubt, gegen seinen Vater nichts ausrichten zu können und leidet daher still mit der geschlagenen und gedemütigten Mutter.

Sandra ist etwas jünger als ihr Bruder Benjamin, vielleicht dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Sie ist ganz anders als Benny, den sie verächtlich als „Weichei“ bezeichnet, weil er klassische Musik liebt und mit der Mutter zusammen Klavier spielt. Sie hört Hiphop und geht gern auf Partys. Von den Ausbrüchen des Vaters bekommt sie nichts mit, denn die richten sich zunächst ausschließlich gegen die Mutter. Ihrer E-Mail-Freundin Laura schreibt sie oft, wie cool ihr Vater und wie langweilig und unfähig ihre Mutter ist, die sie ständig ermahnt, sich vernünftiger zu verhalten.

Abwechselnd lässt Biernath die beiden Jugendlichen zu Wort kommen und gruppiert Benjamins Erinnerungen um Sandras Mailwechsel herum. Während Sandras Briefe sich immer unmittelbar auf das aktuelle Geschehen beziehen und ihre Gefühle, Wünsche und Auseinandersetzungen mit der Mutter direkt und ungefiltert zum Ausdruck bringen, liefern Bennys Berichte ein vollständigeres Bild der Familie und ihres Umfelds. Hier wird die Vielschichtigkeit der väterlichen Persönlichkeit beschrieben, eines Mannes der auch liebevoll und zärtlich sein kann. Doch immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen, vor allem gegen die Mutter, die stets die Schuld dafür bei sich selbst sucht, anstatt den Mann zu verlassen. Als Benny ein Mädchen kennen lernt, wächst sein Selbstbewusstsein. Er entwickelt daraus sogar den Mut, sich dem Vater entgegen zu stellen und so das Schlimmste zu verhindern, als die Krise in der Familie eskaliert.

Durch die Gegenüberstellung der beiden Geschwister-Perspektiven gelingt es der Autorin, eines der schwierigsten Probleme im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt herauszuarbeiten: Das Schweigen über das Offensichtliche. Es handelt sich um ein Tabu, vor dem selbst die betroffenen Familienmitglieder so lange wie möglich die Augen verschließen. Es ist eine erniedrigende und demütigende Erfahrung, und nicht selten leidet das Opfer unter Scham und Schuldgefühlen. In einigen kurzen Erinnerungs“blitzen“ des Sohnes werden solche Selbsterniedrigungsszenen der Mutter erwähnt. Der Junge selbst leidet unter seiner Ohnmacht, die Mutter aus Angst vor dem Vater nicht schützen zu können. Seine Schwester dagegen identifiziert sich mit dem sportlichen, erfolgreichen Vater und übernimmt dessen oft geringschätzige Sicht auf die Mutter. Ihre eigenen, pubertären Konflikte, die sie hauptsächlich mit der Mutter austrägt, verstellen ihr zusätzlich den Blick auf die Wahrheit.

So setzt sich aus vielen kleinen Szenen nach und nach das komplexe Bild einer Familie zusammen, die alles tut, um den Anschein einer funktionierenden bürgerlichen Existenz zu wahren, während sich die Situation im Innern zuspitzt und schließlich außer Kontrolle gerät.

Christine Biernath beschäftigt sich in ihrem Buch mit einer schwierigen und komplexen Thematik, ohne sie im Rahmen ihrer Geschichte unangemessen zu vereinfachen. Häusliche Gewalt ist keine Seltenheit und hat oft vielfältige Wurzeln. In ihrem Buch gelingt es der Autorin, diese Vielschichtigkeit deutlich zu machen, indem sie vielschichtige Personen schafft. Es sind Personen voller Widersprüchlichkeiten, die sich ihrer Fehler zwar zwischendurch bewusst werden, aber trotzdem nicht in der Lage sind, ihre Verhaltensmuster zu ändern. Biernaths Buch fordert zum Nachdenken auf, denn es verzichtet auf einfache Schuldzuweisungen und Erklärungsmuster.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 02.08.2007