Sparte: Belletristik

Jakob Hein
Herr Jensen steigt aus

Buchbesprechung

Mit Herr Jensen steigt aus hat Jakob Hein nach mehreren autobiographisch geprägten Büchern über Kindheit und Jugend in der DDR nun einen großartigen, durch und durch literarischen Roman vorgelegt. Auf gerade 130 Seiten zeigt er uns darin das Leben des titelgebenden Herrn Jensen an einem entscheidenden Wendepunkt: Herr Jensen verliert seine Arbeit und damit nach und nach auch jede Daseinsberechtigung in einer sich primär über Leistung und Erfolg definierenden Gesellschaft. Diesen sozialen Abstieg, der schließlich zu einem selbstgewählten Ausstieg aus der Gesellschaft wird, beschreibt Jakob Hein in achtzehn kurzen Kapiteln, deren lakonisch-nüchterne Überschriften Ton und Essenz des jeweiligen Kapitels bereits vorwegnehmen: Zwischen „Herr Jensen wird vorgestellt“ (Kapitel 1) und „Herr Jensen gibt auf“ (Kapitel18) entfaltet sich so ein in vieler Hinsicht prototypisches und doch ganz individuelles Schicksal eines Menschen, der plötzlich arbeitslos wird.

Herr Jensen, dessen Vornamen wir bezeichnenderweise niemals erfahren, steht also einerseits exemplarisch für eines der zentralen Probleme der heutigen westlichen Gesellschaften, andererseits verweist er auf berühmte Einzelgängerfiguren der Literaturgeschichte wie Robert Walsers Jakob von Gunten oder Josef K. in Kafkas Prozeß: traurige Helden, die sich ratlos staunend und zunehmend resignativ einem sie ausgrenzenden System gegenüber sehen. Wir erleben am Beispiel von Herrn Jensen einen Desillusionsprozeß mit, der zum schrittweisen Rückzug aus der Gesellschaft führt. Ein leiser, trauriger und entsetzlich komischer Rückzug ist das, der hier ohne jegliche Larmoyanz, aber doch mit viel Sympathie für diesen stoischen Heroen erzählt wird.

Herr Jensen ist das, was der dänische Dichter Herman Bang einmal als eine „stille Existenz“ bezeichnet hat: Er ist Anfang dreißig und lebt als Postbote ohne Ausbildung und Ambitionen ein ruhiges und zufriedenes Leben am Rande der Gesellschaft. Er ist ein Außenseiter ohne besondere Eigenschaften und Interessen, der niemandem weiter auffällt, und das ist ihm, der sich am liebsten „unbehelligt im Mittelfeld“ aufhält, auch durchaus recht so. Er hat keine wirklichen Freunde, geschweige denn eine Frau – und tröstet sich damit, daß es „irgendwo einen geheimen Jagdgrund geben [mußte], wo nachts die Frauen weideten“. Doch diesen aufzusuchen, hat es ihm wie zu allen anderen wichtigen Schritten im Leben bisher an Energie und Entschiedenheit gefehlt.

Herr Jensen hat noch nie etwas aktiv vorangetrieben. Stattdessen ist in seinem Leben alles „einfach passiert“; stets hat er jemanden gebraucht, „der ihn mitnahm, in jeder Hinsicht“. So ist er auch über einen Schulfreund zunächst als Aushilfskraft bei der Post gelandet und schließlich ganz dort hängengeblieben. Die Arbeit als Postbote strukturiert Herrn Jensens Leben und erfüllt ihn mit einer stillen Zufriedenheit. Seit mehr als zehn Jahren ist er im gleichen Viertel als Postzusteller tätig und trägt die ihm anvertrauten Briefe nach einem sorgfältig ausgeklügelten System aus, dem „System Jensen“. Diese Aufgabe ist sein ganzer Lebensinhalt, auch wenn er weiß, daß er sicher „Sinnvolleres mit seinem Gehirn machen“ könnte: „Briefe austragen war mit Sicherheit das Falsche. Das beruhigte ihn, denn so konnte er besser darüber nachdenken, […] was das Richtige für ihn war […].“

Diese scheinbar paradoxe Logik ist charakteristisch für Herrn Jensens kindlich-unverstellten und gerade dadurch scharfsichtigen Blick auf das Leben. So wägt er noch die kleinste Alltagsentscheidung gründlich ab und geht mit einer bestechend naiven Logik an die Welt und insbesondere an die Phänomene des menschlichen Zusammenlebens heran. Da läßt es ihn begreiflicherweise mehr als verständnislos zurück, als man ihm ausgerechnet im Rahmen eines „neuen Programms zur Verhinderung betriebsbedingter Kündigungen“ kündigt – und das obwohl man mit seiner Arbeit stets sehr zufrieden war.

Als ihm mit der Arbeit plötzlich auch der Halt im Leben entzogen wird und er gegen seinen Willen so sinnlose Maßnahmen des Arbeitsamts wie eine Schulung mit dem abschreckenden Titel Fit for Gastro durchlaufen muß, beschließt er, zum ersten Mal selbst aktiv zu werden, um so „die Gefahr [zu] reduzieren, daß andere etwas mit ihm machten.“ Seit seiner Kündigung hat er viel Zeit mit dem Fernsehen verbracht und folgert daher, daß hier seine eigentliche Begabung liegen müsse. In den folgenden Wochen archiviert und evaluiert er mit der ihm eigenen Akribie sämtliche Talkshows – was ihn nicht nur um den Schlaf bringt, sondern auch zu der niederschmetternden Erkenntnis führt, daß er den in diesen Sendungen vermittelten Normen in keiner einzigen Hinsicht entspricht.

Daraufhin verabschiedet er sich eines Morgens von diesem heillosen Projekt und wirft beherzt den Fernseher und die vier eigens angeschafften Videorekorder aus dem Fenster: „Ein Gefühl von Ruhe durchströmte Herrn Jensen. […] denn er hatte sich für ein neues Leben entschieden.“ Er schottet sich fortan von der durch die Medien vermittelten „Scheinwelt“ ab, indem er weder Zeitung liest oder Radio hört noch fernsieht: „Für ihn zählte nur noch der Tag und daß er endlich frei war.“ Doch diese Freiheit ist auch nur eine scheinbare, denn er fühlt sich zunehmend vom „System“ beobachtet und verfolgt, von dessen Regeln er als einziger abzuweichen scheint. Zugleich sieht er es als seine Pflicht an, seine Mitmenschen vor den besorgniserregenden gesellschaftlichen Entwicklungen zu warnen, und veranstaltet einen einsamen nächtlichen Demonstrationszug, der naturgemäß völlig unbeachtet und damit folgenlos bleibt.

Entsprechend resigniert sitzt Herr Jensen seitdem meist nur noch reglos in seinem Sessel und starrt ins Leere. „Es war sein stiller, letzter Triumph über die Scheinwelt.“ Doch dieser Triumph währt nur kurz, denn eines Tages dringen drei Männer und eine Frau (vermutlich vom Sozialamt) in seine Wohnung ein und wollen ihn mitnehmen, weil er angeblich eine Gefahr für sich und andere darstellt. Herr Jensen weiß sie jedoch von seiner Harmlosigkeit zu überzeugen und entfernt anschließend das Namensschild von seiner Tür. Seinen Briefkasten hat er schon vor einiger Zeit abgehängt, um nicht mehr von der äußeren „Scheinwelt“ bedrängt zu werden, und so ist mit dem Namensschild nun auch das letzte Zeichen seiner Existenz beseitigt. Mit diesem Akt einer entschiedenen Selbstbestimmtheit, der zugleich eine symbolische Selbstauslöschung bedeutet, entzieht sich Herr Jensen endgültig dem Zugriff einer als normierend empfundenen Wirklichkeit.

Jakob Hein erzählt unaufgeregt, mit viel Witz und Einfühlungsvermögen von diesem schleichenden Prozeß der Isolation bis hin zum totalen Verschwinden dieses liebenswert unangepaßten Menschen. Dabei verbinden sich Gesellschaftskritik und Gegenwartssatire zu einem Stück gleichermaßen anrührender wie aufrüttelnder Literatur.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 09.10.2006