Sparte: Belletristik

Silke Scheuermann
Reiche Mädchen

Erzählung

Buchbesprechung

Wenn diese Mädchen reich sind, dann möchte man eigentlich lieber arm und erst recht kein Mädchen (mehr) sein, denn die meisten weiblichen Figuren in Reiche Mädchen, dem erzählerischen Debüt der Lyrikerin Silke Scheuermann, wirken alles andere als glücklich. Daß der Titel dieses Bandes mit sieben Erzählungen ironisch gemeint ist, zeigt sich schon daran, daß die hier versammelten Ausschnitte aus dem Leben dieser dem Mädchenalter dann doch allmählich entwachsenen jungen Damen keineswegs vom besonderen materiellen oder seelischen Reichtum zeugen.

Im Gegenteil: Diese jungen Frauen führen zwar ein finanziell sorgloses Leben, gehören zur derzeit populären Generation der thirty-somethings und haben einen mehr oder weniger akademischen Hintergrund. Sie heißen Franziska, Lizzy oder Lisa und arbeiten als Mitarbeiterin an der Uni, Übersetzerin oder Buchhändlerin. Davon abgesehen ist ihr Leben aber nicht sonderlich erfüllt, vielmehr verspüren sie alle eine existentielle Leere, die sie je unterschiedlich zu füllen suchen – in sich selbst, in ihren Beziehungen, in ihrem Dasein. Von dieser Suche nach Erfüllung, nach Empfindungs- oder Erfahrungsreichtum erzählen alle sieben Geschichten.

Da ist zum Beispiel Franziska, die eigentlich glücklich sein könnte in der Beziehung mit ihrem langjährigen Freund Clemens, der fürsorglich, verständnisvoll und zuverlässig ist. Aber genau aufgrund dieser Eigenschaften ist sie es eben nicht – es fehlt die Leidenschaft, das Unbekannte, Unberechenbare. Dies hofft sie nun (und zwar, wie die Leser und eigentlich auch sie selbst von Beginn an ahnen) vergeblich in der Affäre mit einem um einige Jahre älteren und verheirateten Universitätsdozenten zu finden. Zumindest unberechenbar scheint er auch tatsächlich zu sein: Ohne erkennbaren Grund läßt er oft tagelang nicht von sich hören, während Franziska in ihrem Liebeswahn doch minütlich mit ihm rechnet, ihren Kühlschrank in eine Feinkosttheke und ihre Wohnung in ein perfektes Liebesnest verwandelt, nur um jederzeit den passenden Rahmen für das ersehnte Liebesbekenntnis bieten zu können, das doch niemals gesprochen wird.

Auch die anderen Erzählungen schildern Facetten der Liebe, der Einsam- und der Zweisamkeit, des Verlassens und Verlassenwerdens, der Suche nach der eigenen Identität und einer gemeinsamen Zukunft, nach einem erfüllten Leben oder zumindest der Illusion eines solchen.

Nur eine dieser allesamt souverän erzählten und (lebens-)klugen Geschichten sei hier noch besonders hervorgehoben, weil sie in jeder Hinsicht eine Ausnahme darstellt. Statt von jungen Menschen zwischen Pubertät und Eheschließung nämlich handelt die Erzählung „Die Umgebung von Blitzen“ von einem alten Ehepaar; statt von der Sehnsucht nach der Liebe wird hier von deren (auch körperlicher) Erfüllung erzählt; und nicht das Zweifeln und Scheitern darf man hier miterleben, sondern das Gelingen eines gemeinsamen Lebens. Und das alles wird wunderbar unpathetisch und doch anrührend erzählt, eher angedeutet als ausgemalt.

Es ist beeindruckend, wie die junge Autorin, die selbst erst Anfang dreißig ist, diese verschiedenen Lebensausschnitte jedesmal auf einen entscheidenden Augenblick, eine signifikante Szene hin zu verdichten vermag. So gelingt es ihr, ein differenziertes und ergreifendes Bild von den Seelenregungen ihrer sehr unterschiedlichen Figuren zu vermitteln, ohne platt zu psychologisieren, die seelischen Vorgänge ihrer Anti-Heldinnen offenzulegen, ohne sie bloßzustellen.

Sei es in der Innenschau als Ich-Erzählerin in der ersten und der letzten Geschichte oder als Beschreibung einer außenstehenden Erzählinstanz in den übrigen, immer gelingt es Silke Scheuermann, den Leser in den (Selbst-)Erkenntnis- und häufig auch Desillusionierungsprozeß ihrer Figuren zu verwickeln. Auch wenn ihr Erzählton stets leicht daherkommt und zumeist in wohltuend ironisch beobachtender Distanz bleibt, sind die Schilderungen stets von unaufdringlicher Empathie geprägt und begleitet von einem wissenden Lächeln. Im Laufe der Lektüre überträgt es sich unmerklich auf das Gesicht des Lesers.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 08.11.2005