Sparte: Belletristik

Arno Geiger
Es geht uns gut

Roman

Buchbesprechung

„Was ist aus ihnen geworden, aus all diesen Toten, die täglich mehr werden?“ Das ist die zentrale Frage, mit der sich der 36-jährige Philipp Erlach konfrontiert sieht, als er nach dem Tod seiner Großmutter die Familienvilla im noblen Wiener Vorort Hietzing erbt und sich eher zögernd daran macht, Haus und Dachboden aufzuräumen. Dabei wird Philipp, ein nicht gerade erfolgsverwöhnter junger Autor, ungewollt zum (Re-)Konstrukteur der eigenen Familiengeschichte, indem er sich auf einmal den Relikten von sieben Jahrzehnten gegenübergestellt sieht und entscheiden muß, was aussortiert wird und was bleibt: „Wohin man schaut, verklumpen sich die abgelegten Dinge zu einem Grundstoff, einer Materie, die Generationen vermengt, zu eingedickter, eingeschrumpfter, ihrer Farben beraubter Familiengeschichte.“

Philipps Aufräumarbeiten (im mehrfachen Sinne) dienen als lockere Rahmenhandlung für Rückblenden, die jeweils nur einen Tag umfassen und aus der Perspektive unterschiedlicher Familienmitglieder erzählt sind. Von der Erzählgegenwart im Frühjahr 2001 aus unternimmt der Erzähler Tiefenbohrungen, die entscheidende Jahre der Geschichte ans Licht holen – der österreichischen Historie wie der Familiengeschichte um den früheren Minister Dr. Richard Sterk, Philipps Großvater, während der letzten siebzig Jahre. Durch dieses Gegeneinanderschneiden der Epochen und Perspektiven gelingt es Geiger, das in Deutschland derzeit wieder so populäre Genre des Familienromans neu zu füllen. Er läßt dabei die Vergangenheit gleichberechtigt neben der Gegenwart stehen, erzählt also nicht aus der Rückschau, sondern bringt dem Leser die früheren Abschnitte der Familiengeschichte so nahe wie die gegenwärtigen.

Geiger vermag es in erstaunlicher Weise, sich in die Idiome der einzelnen Figuren zu den verschiedenen Zeiten hineinzufinden, so die Entwicklung der Familie wirklich multiperspektivisch zu entfalten und jeder der erzählten Epochen ihr charakteristisches Gesicht zu geben: von der Zeit des Anschlusses Österreichs an Deutschland 1938 über das Kriegsende 1945, die Wirtschaftswunderjahre, die Emanzipationsbestrebungen der siebziger Jahre und die Vorwendezeit der achtziger Jahre bis hin zur Gegenwart des beginnenden 21. Jahrhunderts. Jedesmal steht eine andere Figur im Mittelpunkt des Erzählinteresses und mit ihr ein spezifisches Zeitkolorit. Da ist die duldsame Großmutter, die sowohl als junge wie auch als alte Frau das geheime Zentrum der Familie bildet; da ist der Großvater als nach außen dominanter, innerlich aber schwacher Patriarch; da sind die eigene Mutter Ingrid und ihr Mann Peter als junge Eltern Philipps und seiner Schwester Sissi. Vom Jahr 2001 aus wird so frei assoziierend, aber doch weitgehend chronologisch von 1938 an die Vergangenheit jeweils in momenthaften Nahaufnahmen von signifikanten Lebensausschnitten vergegenwärtigt.

In der Zusammenschau enthüllen sie ein tragisches Familienschicksal, erscheint die Familien- als Verfallsgeschichte, hier wie so oft seit Thomas Manns Buddenbrooks: Die mittlere Generation stirbt frühzeitig, Philipps Onkel Otto bereits als Vierzehnjähriger beim „Volkssturm“ und seine Mutter Ingrid bei einem Badeunfall in der Donau, als die Kinder noch klein sind. Übrig bleiben die zunehmend gebrechlichen Großeltern und die Enkel, die mit ihrer Familie und deren Vergangenheit so wenig wie möglich zu tun haben wollen. „Schließlich“, denkt Philipp einmal, „ist es nicht seine Schuld, daß man vergessen hat, ihn in puncto Familie rechtzeitig auf den Geschmack zu bringen.“

So ist es denn auch kein Wunder, wenn Philipp keine Konsequenzen daraus zieht, daß er auch nach mehr als zehn Jahren für seine Geliebte Johanna (Wetteransagerin im Fernsehen, verheiratet, eine Tochter) nur der Zweite ist und wohl auch für immer bleiben wird. Denn Johanna hat es sich, wie es scheint, mit Philipp auf der Ersatzbank „in einer der bestgeführten zerrütteten Ehen Wiens“ bequem eingerichtet. Und Philipp wiederum ist wie alle Mitglieder seiner Familie in persönlichen Entscheidungen seltsam willensschwach. Alle lassen sie sich treiben und warten darauf, daß die Umstände sich ändern, daß „aus dem Wartesaal der Möglichkeiten“ neue, verheißungsvollere Konstellationen hervortreten. Bei Philipp führt das so weit, daß er die meiste Zeit auf der Vortreppe vor dem großelterlichen Haus sitzt, anstatt die längst überfälligen Sanierungsarbeiten in die Hand zu nehmen. Diese leitmotivische Szene läßt sich als Symbol seiner familientypischen Passivität lesen, seiner Unfähigkeit, sich der familiären Vergangenheit und der eigenen Zukunft zu stellen.

Gleichzeitig nimmt Philipp wie alle anderen Familienmitglieder auch das Entschwinden der Zeit extrem deutlich wahr, sieht die verschenkten Chancen, die als selbstverschuldete Enttäuschungen unweigerlich in das gegenwärtige Leben hineinragen: „Eigentlich ist Philipp auf allen Mauern seines Lebens eine Randfigur, eigentlich besteht alles, was er macht, aus Fußnoten, und der Text dazu fehlt.“ Doch so ganz stimmt das nicht, denn das, was Philipp nicht zu schreiben gelingt, leistet dieser Roman: Er ist bereits die zu erzählende Geschichte einer „durchschnittlich zerrütteten Familie“, als die der Autor seinen Roman selbst in einem Interview charakterisiert hat.

Geiger legt durch sein genaues Hinschauen die neuralgischen Punkte seiner Figuren offen, ohne sie jedoch bloßzustellen. Im Gegenteil werden sie jede auf ihre Weise in ihrer Befangenheit in sich selbst und in den Normen ihrer Zeit verständlich. Diese Bedingtheit wird auch darin reflektiert, daß in die 21 Kapitel immer wieder kurze dokumentarische Passagen eingelegt sind, meist Kurzmeldungen aus dem Radio zu historischen Tagesereignissen und zur Wetterlage – ausgehend von der Beobachtung, daß sich hinter dem Reden übers Wetter oft das Eigentliche, die großen Fragen verbergen. Denn alle in dieser Familie machen sich und den anderen etwas vor, Selbstbetrug und familiäres Schweigen bedingen sich hier ganz offensichtlich gegenseitig.

Aus dem Fragmentarischen setzt sich hier schlüssig ein Ganzes zusammen, und Es geht uns gut (eine Beteuerungsformel, die als Titel natürlich nicht anders als ironisch zu verstehen ist) läßt sich sowohl als Familien- und Generationenroman als auch als Zeit- und Gesellschaftsroman lesen. Sprachlich kommt dieses kluge Buch wunderbar leicht, trotz der desillusionierenden Botschaft oft heiter und gelassen daher, mit lakonischem Wortwitz. Es überzeugt durch eine große Sprach- und Bildkraft. Vor allem aber sind es Geigers Feinfühligkeit gegenüber seinen Figuren und die große Ernsthaftigkeit, mit der er sich jeder einzelnen von ihnen nähert, die dieses Buch über eine „durchschnittlich zerrüttete Familie“ so überdurchschnittlich lesenswert machen.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 08.05.2006