Sparte: Belletristik

Wilhelm Genazino
Die Liebesblödigkeit

Roman

Buchbesprechung

Ein Mann, zwei Frauen, drei Wohnungen – so einfach und auf den ersten Blick übersichtlich stellt sich die Situation dar, in der sich der namenlose Held im jüngsten Roman des Büchner-Preisträgers Wilhelm Genazino befindet. Doch so klar die Konstituenten dieser Konstellation zu benennen sind, als so kompliziert erweist sich rasch das durch sie verbundene Beziehungsgeflecht und der daraus resultierende Problemkomplex: Der 52-jährige Ich-Erzähler, von Beruf Vortragsreisender in Sachen Zivilisationsapokalypse, liebt zwei Frauen und lebt sein eines, sich bedrohlich verkürzendes Leben mit diesen beiden in drei verschiedenen Wohnungen, in der von Sandra, der von Judith und in seiner eigenen – dort aber nur selten und auch schön der Reihe nach, denn die beiden Frauen wissen nichts voneinander.

Und das obwohl der Ich-Erzähler mit beiden Frauen seit vielen Jahren, sogar Jahrzehnten eine Liebesbeziehung führt und eigentlich auch nicht vorhat, etwas daran zu ändern. Denn: „Ich kann die dauerhafte Liebe zu zwei Frauen nur empfehlen. Sie wirkt wie eine wunderbare Doppelverankerung in der Welt. (...) Ich vergleiche sie oft mit der Elternliebe. Niemand hat je gefordert, daß wir nur die Mutter oder nur den Vater lieben dürfen.“

So liebt er die 43-jährige Sandra, eine praktisch veranlagte, fürsorgliche und auch in sexuellen Dingen angenehm gut organisierte Chefsekretärin einer Fabrik für Sanitärgeräte, und zugleich die 51-jährige Judith, eine verhinderte Konzertpianistin, die sich mit Klavierstunden und Nachhilfeunterricht über Wasser hält und „der Kunst, dem Denken und der Reflexion hingegeben“ ist. An Sandra liebt er, daß sie eine ebenso erfindungsreiche wie pragmatische „Liebesbastlerin“ ist, an Judith, daß sie ihm eine in anderen Beziehungen schmerzlich vermißte „Authentizität“ ermöglicht. Denn ihr gegenüber muß er endlich einmal nicht den Intellektuellen geben, der immer neue und stets verblüffende Thesen zu Flaubert oder Proust und der dazugehörigen Sekundärliteratur parat hat.

Diese Dreierkonstellation, die alles andere als eine herkömmliche ménage à trois ist, könnte aus seiner Sicht noch ewig so weiter gehen, wären da nicht die in letzter Zeit zunehmenden Alterserscheinungen wie Krampfadern, Wadenkrämpfe sowie ein nervöses Zucken im rechten Augenlid und vor allem die Angst vor dem Nachlassen seiner sexuellen Kräfte, die ihn zu der folgenschweren Einsicht zwingen: „Es gibt jemanden, mit dem ich abrechnen muß, und das bin ich selbst. Es plagt mich das Gefühl, daß ich rasch altere und meine Verhältnisse klären muß. Damit meine ich ausschließlich meine Liebesverhältnisse.“

Diese Erkenntnis ist für den Erzähler gleichbedeutend damit, daß er sich von einer der beiden Frauen trennen muß, da ihm als ultimatives Schreckensbild ein Zusammentreffen der beiden nichtsahnenden Frauen an seinem Krankenbett immer bedrohlicher vor Augen steht. Doch welche der beiden gleichermaßen geliebten Frauen soll er zugunsten der anderen verlassen? Das ist die quälende und schier unlösbare Frage, die ihn nun einen ganzen heißen Sommer lang umtreiben wird, in dem ihm nur wenige Tage „Konflikturlaub“ beschert sein werden, als beide Frauen zeitgleich im Urlaub bzw. auf Verwandtenbesuch sind.

Das Gefühl, vor einer Lebensentscheidung zu stehen, verbunden mit der „Angst, daß mein Wunsch nach Ordnung (eine Frau, eine Liebe, eine Wohnung, eine Klarheit) sowohl die gegenwärtige als auch alle zukünftigen Ordnungen zerstören wird“, lähmen ihn dabei zunehmend. Und als sich die Lage dann auch noch dadurch zuspitzt, daß Sandra seiner Beziehung zu Judith auf die Schliche zu kommen droht, weiß er schließlich keinen anderen Ausweg mehr, als sich dem Panikberater Dr. Ostwald anzuvertrauen.

Dieser gehört ebenso zum kuriosen Bekanntenkreis des Ich-Erzählers wie der Ekelreferent Dr. Blaul, der Künstler Morgenthaler, der seit neuestem als Empörten-Beauftragter der Delling-Werke tätig ist, oder der Postfeind Bausback, der seine Tage besessen und verbissen damit verbringt, der Post alle möglichen Fehler und Schlampigkeiten nachzuweisen. Sie alle verbindet, daß sie mehr oder weniger professionell mit dem zu tun haben, was der erzählende Untergangsexperte selbst als zeittypische „Deformationen, die unscheinbar in unser Leben eindringen und uns allmählich die Luft abdrücken“, diagnostiziert. Neben unserem unheldischen und auch in seinen eigenen Augen eher tragisch veranlagten Helden bevölkern also noch eine Reihe anderer skurriler, in ihrer Überzeichnung jedoch sehr wiedererkennbarer Figuren Genazinos Frankfurter Mikrokosmos, die ebenfalls sehr zum Reiz dieses wunderbaren Buches und zum Vergnügen beim Lesen desselben beitragen.

Und zumindest der Panikberater Dr. Ostwald scheint sein Handwerk tatsächlich zu verstehen, denn mit einer ebenso simplen wie wirkungsvollen Therapie gelingt es ihm, aus dem „Liebesblöden“ einen „Überlebenden der Liebe“ zu machen und ihn von seiner Todesangst zu befreien, so daß dieser am Ende das Leben in seiner ganzen Un-Ordnung mit bis dahin ungekannter Gelassenheit bejaht: „Ich werde weder Sandra noch Judith verlassen, ich bekenne mich zum Durcheinander des Liebeslebens und zu dessen Endgültigkeit, es bleibt alles, wie es ist und war.“

Ebenso lakonisch-heiter, so selbstironisch trocken wie diese abschließende Welt- und Selbsterkenntnis kommt auch der gesamte Roman daher, der einen vor allem aufgrund seiner sprachlichen Treffsicherheit und unaufdringlichen Klugheit und Poesie von der ersten Zeile an für diesen melancholisch-hypochondrischen Mann mittleren Alters einnimmt, an dessen mäandernden Liebeswegen und Alterseinsichten man als Leser teilhaben darf, beschwingt und beglückt.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 08.12.2005