Sparte: Belletristik

Eva Menasse
Vienna

Roman

Buchbesprechung

Mit dem Roman Vienna, einem bunten Kaleidoskop aus Zeit- und Familiengeschichte(n) hat die junge Journalistin Eva Menasse, selbst 1970 in Wien geboren, eines der meistbeachteten und erfolgreichsten deutschen Debüts des Frühjahrs 2005 vorgelegt. Eine namenlose Ich-Erzählerin entfaltet darin in einer Vielzahl von Episoden und großen und kleinen Begebenheiten die Geschichte einer jüdischen Familie von den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts bis heute. Menasse knüpft bei der autobiographisch getönten Schilderung dieser Familie mit viel Charme an die Tradition der jüdisch-humoristischen Literatur an, die vom Witz und der geistreichen Anekdote lebt.

Ebenso bunt gemischt wie die Episoden, die die Erzählerin hier aus ihrem bewegten und bewegenden Familienleben ausbreitet, ist auch die Zusammensetzung der Familie selbst: Der Großvater ist ein Wiener Jude gewesen, ein Spirituosenvertreter und Spieler, die Großmutter eine sudetendeutsche Katholikin und ebenfalls eine so leidenschaftliche Bridgespielerin, dass sie ihren jüngsten Sohn beinahe am Spieltisch im Kaffeehaus zur Welt gebracht hätte. Ebenjener Sohn, der Vater der Erzählerin, ist als erfolgreicher Fußballspieler und Charmeur im Wien der fünfziger Jahre zu einigem Ruhm gelangt. Ihr älterer Bruder ist der erste Intellektuelle in der Familie und als streitbarer Historiker eine höchst kontrovers aufgenommene Stimme nicht nur in der Alpenrepublik.

Trotz oder gerade wegen dieser grundverschiedenen charakterlichen Dispositionen haben wir es hier mit einer in mehrfacher Hinsicht exemplarischen Familie zu tun – und mit einer, die auch nichtjüdischen Lesern rasch vertraut vorkommt. Zuweilen hat man das Gefühl, in eine große Familienfeier hineingeraten zu sein, in deren Verlauf man auch (und mit Vergnügen) die scheinheilige Tante Gustl und ihren dümmlichen Gemahl Königsbee samt ihrem Sohn kennenlernt, den ewig kriminellen Nandl – und das ist erst der Anfang.

Sie alle werden mit lockerer Lakonie als Teil dieser wortmächtigen Großfamilie präsentiert, die vor allem eine gemeinsame Leidenschaft zu verbinden scheint. Es ist das „EM-EM“, das „manische Mythologisieren“, womit das stets aufs Neue praktizierte Erzählen, die immer raffiniertere Beschwörung derselben kanonisierten Geschichten aus dem familiären Mythenvorrat gemeint ist. Menasse führt in ihrem selbst fulminant erzählten Roman sehr anschaulich vor, wie das Erzählen hier als identitätsstiftendes Moment dient und auch bewusst als solches inszeniert werden kann. Das Motto dieser Lebens- und Erzählkünstler könnte lauten: Ich erzähle, also bin ich – als Teil einer bestimmten Tradition und Gemeinschaft.

Dieser mit dem Aussterben der älteren Generation untergehenden Familientradition setzt Vienna durch die Verschriftlichung des ununterbrochenen Erzählens ein Denkmal. In einer Art „Nachruf“ (so das letzte Kapitel) wird hier versucht, das Verlorene ein letztes Mal heraufzubeschwören, die Vielstimmigkeit einzufangen und erinnernd die bedrohte Identität zu bewahren. Dabei aber lässt sich auch ahnen, wie schwierig es für die Erzählerin gewesen sein muss, in dieser wortgewaltigen Familie eine eigene Stimme auszubilden und zu Gehör zu bringen. Denn am wenigsten erfahren wir über die Person, die das alles erzählt. Sie bleibt das geheime, aber merkwürdig leere Zentrum, um das herum alle Figuren gruppiert sind – eher eine Arrangeurin der Stimmen im Familienchor als Solo-Virtuosin.

Umso erstaunlicher ist es, wie souverän sie all diese Erzählfäden in der Hand behält und Anekdote um Anekdote zu einem skurrilen, abenteuerlichen und anschaulichen Bild eines europäischen Jahrhunderts verwebt. Der Titel des Romans bezeichnet neben dem Wiener Fußballclub (in dem der Vater spielte) natürlich vor allem die Stadt Wien. Doch der Radius der hier erzählten Welt umspannt sehr viel mehr als die österreichische Hauptstadt. Er reicht von England bis nach Burma und Kanada, vom Anfang bis in die achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.

Mit viel Humor und der nötigen Distanz fügt Menasse aus der unüberschaubaren Fülle der Anekdoten ein mosaikartiges Gesamtbild zusammen, pointen- und temporeich und unbekümmert um den Wechsel der Zeiten und Orte. So heiter das alles daherkommt, so entschieden berührt es immer wieder auch die Dunkelheit des Nationalsozialismus. Die Beiläufigkeit dieser Passagen nimmt den Erzählungen von Kindertransporten und Luftangriffen nichts von ihrem Schrecken, sondern macht ihn im Gegenteil gerade aus dem Kontrast heraus noch deutlicher spürbar.

Eva Menasse ist mit Vienna ein fulminantes Erzähldebüt gelungen. Ihren treffsicher und liebevoll gezeichneten Figuren könnte man noch lange bei ihren vergnüglichen Anekdoten und manchmal erstaunlich klugen Abschweifungen zuhören.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 09.01.2006