Sparte: Belletristik

Friedrich Christian Delius
Mein Jahr als Mörder

Roman

Buchbesprechung

„Es war an einem Nikolausabend in der Dämmerstunde, als ich den Auftrag erhielt, ein Mörder zu werden.“ Mit diesem ebenso lapidar dahingesagten wie in seinen Konsequenzen gewaltigen Satz läßt Friedrich Christian Delius seinen jüngsten Roman effektvoll beginnen. Und diese angekündigte Brisanz prägt denn auch die folgende Geschichte, die Zeitgeschichte und autobiographische Elemente in einem spannenden, halb dokumentarischen, halb fiktionalen Text zusammenführt.

Wir lesen hier die „Beichte“ eines namenlosen Ich-Erzählers, dessen Biographie deutliche Parallelen zu derjenigen des Autors aufweist und der aus der Distanz von etwa dreißig Jahren davon berichtet, wie er in den Jahren 1968/69 einen Mordanschlag auf den früheren Nazi-Richter Hans-Joachim Rehse geplant hat. Damals war der Ich-Erzähler ein junger Literaturstudent in Berlin, politisch bewegt, doch ansonsten eher brav und zurückhaltend – und damit auf den ersten Blick keineswegs berufen zum gewalttätigen Rächer.

Was den Ich-Erzähler so sehr empört, daß er „ein Zeichen setzen will“ gegen damaliges und aktuelles Unrecht, erschöpft sich nicht allein in dem politisch-moralischen Skandal, daß der für mehr als zweihundert Todesurteile verantwortliche einstige Beisitzer am NS-Volksgerichtshof von der bundesrepublikanischen Justiz der späten sechziger Jahre freigesprochen wird. Vielmehr gibt es eine persönliche Betroffenheit, die in diesem „stillen und friedlichen Menschen“ den Entschluß reifen läßt, den inzwischen alten und gebrechlichen Rehse für sein Unrecht büßen zu lassen.

Denn einer der vielen von Rehse und Freisler zum Tode Verurteilten war Georg Groscurth, der Vater seines besten Freundes Axel. Mit diesem verbindet ihn seit der Kindheit eine enge Freundschaft, durch ihn hat er erstmals von den Verbrechen der Nazi-Zeit erfahren. Sein „Urerlebnis“ war die Enthüllung des zwölfjährigen Axel, daß seinem Vater im Zuchthaus Brandenburg 1944 der „Kopf abgehackt“ worden sei. Die Frage, die auch in dem Erwachsenen noch nachhallt, lautet: „Warum hackt man Menschen den Kopf ab?“ Im Rückblick erkennt der Erzähler in dieser kindlichen Schockerfahrung und hilflosen Empörung den Keim für seinen Mordplan.

Der zornige junge Mann macht sich nach jenem Nikolaustag, an dem er die Radiomeldung vom skandalösen Freispruch Rehses gehört hat, mit akribischem Eifer daran, Fakten zu sammeln über den Arzt und Widerstandskämpfer Georg Groscurth. Zusammen mit dem Chemiker Robert Havemann hat Groscurth während des Zweiten Weltkriegs die heute kaum noch bekannte Widerstandsgruppe „Europäische Union“ aufgebaut. Diese E.U. verfolgt vor allem humanitäre Ziele: Sie versteckt Juden und politische Verfolgte, beschafft falsche Papiere und bemüht sich um die Zusammenarbeit mit Widerstandsorganisationen in anderen Ländern. Als Arzt am Berliner Robert-Koch-Krankenhaus schreibt Groscurth viele junge Männer wehruntauglich und bewahrt sie so davor, in den Krieg geschickt zu werden. Aufgrund seiner fachlichen Kompetenz aber ist er zugleich zum Leibarzt von Rudolf Heß avanciert. Durch diese privilegierte Stellung gelangt Groscurth an geheime Informationen, die den Kampf der Europäischen Union gegen die Nationalsozialisten noch weiter anfachen, bis die Widerstandskämpfer 1943 verraten, verhaftet und im folgenden Jahr hingerichtet werden.

Die Recherche der genauen Lebens- und Sterbensumstände wird für den Erzähler zur Obsession, über der er das Studium und seine Freundin Catherine gleichermaßen vernachlässigt. Denn er verfolgt eine kühne „Doppelstrategie“: Er schreibt zum einen an einem Buch über den vergessenen Widerstandskämpfer, zum anderen plant er minutiös den Sühnemord am Nazi-Richter. Buch und Mord sollen zusammen ein Zeichen setzen gegen das Verdrängen der Nazi-Verbrechen in der bundesrepublikanischen Nachkriegsära:
„Beides müßte gleichzeitig publik werden, der Mord hätte dann zu geschehen, wenn das Buch frisch auf dem Markt ist. Das Buch liefert das Motiv für den Mord, der Mord ist die Konsequenz aus dem Buch. Wort und Tat wären eins, endlich einmal. Der Widerspruch, der den Wortmenschen so viel zu schaffen machte, wäre aufgehoben.“

Um das Schicksal Groscurths zu rekonstruieren, trifft sich der Erzähler wiederholt mit dessen Witwe. Sie gewährt ihm Einsicht in das Todesurteil, Briefe und andere persönliche Dokumente ihres Mannes. Zugleich erfährt er aber auch immer mehr Details aus dem traurigen Leben dieser Frau; ihre Lebens- und Leidensgeschichte wird darum den zweiten großen Erzählstrang des Romans ausmachen. Anfang der fünfziger Jahre geriet sie wegen ihres pazifistischen Engagements und eines verleumderischen Zeitungsartikels in den Verdacht der Sympathie mit der DDR. Daraufhin wird ihr, die ebenfalls als Ärztin tätig ist, von der westdeutschen Justiz verboten, weiterhin als Bezirksärztin zu arbeiten, man verweigert der vermeintlichen Kommunistin die Witwenrente; nach einer Vielzahl von demütigenden Prozessen wird sie schließlich 1974 rehabilitiert. Indem Delius auch in diesem Erzählstrang ausführlich aus Gerichtsprotokollen und anderen Dokumenten zitiert, vermittelt er ein ebenso plastisches Bild von der Hysterie des Kalten Krieges und der Spießigkeit der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte wie zuvor von den Greueln der Naziherrschaft.

Doch auch die Studentenbewegung der sechziger Jahre mit ihrem oft selbstüberschätzenden Agitationswillen wird, als dritter Erzählstrang, vom Ich-Erzähler aus dem Abstand von mehr als dreißig Jahren durchaus kritisch bewertet. Dies wird besonders deutlich durch den – bei aller Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung mit den diversen dunklen Kapiteln der jüngsten deutschen Geschichte – angenehm (selbst-) ironischen Ton des Erzählers, der auch seinen eigenen Entschluß zur Selbstjustiz distanzierend perspektiviert. Das Attentat auf Rehse führt der „hochrationale Mordbube“, der dieser junge Mann gerne sein wollte, denn auch gar nicht aus: Rehse ist ihm sozusagen zuvorgekommen, indem er aufgrund von Herzproblemen eines natürlichen Todes gestorben ist.

Durch das kunstvolle Ineinander dieser vier verschiedenen Zeitebenen, deren zentrale Erfahrungen sich wechselseitig spiegeln und durchdringen, gelingt es dem Chronisten Delius hier wie in seinen dokumentarischen Romanen Ein Held der inneren Sicherheit und Mogadischu Fensterplatz (1997), eine bewegende Geschichte fesselnd und facettenreich zu erzählen. Mein Jahr als Mörder ist zugleich brisant und informativ und leistet das, was der Student mit seinem nie geschriebenen Buch beabsichtigte: es setzt ein Zeichen gegen das Vergessen und leistet einen „Beitrag zur Aufklärung, zur Demokratie, zur Gerechtigkeit“.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 09.05.2005