Sparte: Sachbuch

Verena Mayer
Roland Koberg
Elfriede Jelinek. Ein Porträt

Biografie

Buchbesprechung

Verena Mayer und Roland Koberg, zwei Österreicher mit Wohnsitz in Berlin, haben mit "Elfriede Jelinek. Ein Porträt" eine Lücke geschlossen. Sie betonen, dass es sich dabei um keine Biografie, sondern um ein Porträt handelt und dass sie ganz bewusst einen subjektiv gewählten Bildausschnitt bei der Darstellung von Elfriede Jelinek als Mensch, als Schriftstellerin und als öffentliche Person präsentieren. Außer einer Vielzahl von Gesprächen mit Elfriede Jelinek selbst und mit vielen anderen, die ihren Weg kreuzten, haben Mayer und Koberg bislang unerforschtes Archivmaterial und unbekannte Texte genutzt und auf dieser Grundlage ein vielschichtiges Bild der Nobelpreisträgerin gezeichnet. Indem sie auf jeden Wissenschaftsjargon verzichten und auch gar nicht vorgeben, das Werk Jelineks bis ins Letzte "erklären" zu können, präsentiert sich ihre Darstellung mit einer Leichtigkeit, die nur scheinbar im Widerspruch zu ihrem Sujet steht.

Mayer und Koberg organisieren ihr Jelinek-Porträt nach chronologischen Gesichtspunkten und folgen damit dann doch dem klassischen Muster der Biografie. Sie verknüpfen Lebens- und Werkgeschichte in bewährter Manier, so dass sich beide Perspektiven gegenseitig erhellen, ohne aber den Anspruch zu erheben, sich auch gegenseitig zu erklären. Überhaupt werden viele Schlüsse nicht explizit geäußert, die Biografen (oder soll man sagen: die Porträtisten?) überlassen es dem Leser, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Einzig, wo es um das wohl bekannteste Buch Jelineks geht - "Die Klavierspielerin" - sind die Ähnlichkeiten zwischen dem wahren Leben und der Fiktion so überwältigend, dass es schwer fällt, davon zu abstrahieren. Die Parallelen zwischen im Leben Erika Kohuts - der Protagonistin aus der "Klavierspielerin" - und Elfriede Jelineks sind jedoch auch früher schon vielfach beschrieben und analysiert worden und von der Autorin unaufgeregt zur Kenntnis genommen worden. Dieser Abstand, den Elfriede Jelinek zwischen sich und die Welt schiebt, spiegelt sich auch in dem auf der Rückseite des Buches abgedruckten Zitat wider: "Alle, die glauben, sie wüssten etwas über mich, wissen nichts." Verena Mayer und Roland Koberg wissen jedoch eine Menge über Elfriede Jelinek und stellen dieses Wissen den Lesern auf einfühlsame Weise zur Verfügung. Ohne je voyeuristisch zu sein, berichten sie von Jelineks Kindheit im Wien der vierziger und fünfziger Jahre. Nicht nur der dominanten Mutter, die aus dem hochbegabten Kind ein Wunderkind machen wollte, sondern auch dem nach außen eher unscheinbaren Vater, der aber von der Tochter als humorvoll und sprachmächtig beschrieben wird, widmen die Autoren ausführliche Darstellungen. Hin und her gerissen zwischen den übermäßigen Ansprüchen der Mutter Ilona und dem freundlichen, aber hilflosen Wesen des Vaters, den die Erfahrungen als "Halbjude" während der NS-Herrschaft in Österreich zu einem psychischen Wrack gemacht hatten, wächst "Elfi" ohne die Erlebnisse eines normalen Teenagers auf. Während ihre Altersgenossen feierten und tanzten, studierte sie Bratsche, Flöte, Klavier und Orgel, bis sie schließlich nach Abschluss der Matura nervlich unter dieser Last zusammenbrach. Es folgte ein Jahr der Rekonvaleszenz in häuslicher Zurückgezogenheit, da sie nicht mehr in der Lage war, die Gesellschaft anderer Menschen zu ertragen, ohne Angstzustände zu erleiden. Das Schreiben wird für sie in der Folgezeit zu einem Ventil und gibt ihr schließlich die Möglichkeit, sich wenigstens zum Teil von ihren Ängsten zu befreien und ein eigenes, selbstbestimmtes Leben zu führen.

Dieses "neue" Leben beginnt mit einem Paukenschlag: 1969 gewannen ihre anonym eingereichten Arbeiten bei der "Innsbrucker Jugendkulturwoche" unabhängig voneinander sowohl den Preis für Lyrik als auch den für Prosa. Zugleich bedeutete die Teilnahme an dieser Tagung für sie den Beginn literarischer Kontakte mit anderen jungen Autoren. Mit "wir sind lockvögel, baby!" veröffentlichte sie 1970 ihren ersten Roman bei Rowohlt.
Mayer und Koberg folgen Elfriede Jelineks Weg geografisch und literarisch, sie skizzieren künstlerische wie private Freundschaften in Wien, dann in Berlin und schließlich die Rückkehr nach Wien, wo sie bis heute wohnt. 1974 heiratet sie den Münchner Gottfried Hüngsberg (Einer Freundin teilt sie dies eher lakonisch in einem Brief mit: "Ich habe geheiratet und auch sonst geht's mir gut. […] gottseidank kein künstler!"), und pendelt seitdem zwischen beiden Städten. Im selben Jahr tritt sie der KPÖ bei, ein Schritt, den sie später als einen großen Fehler bezeichnen wird, und bleibt siebzehn Jahre deren prominentes Mitglied.

Parallel zu Jelineks gesellschaftlichem Engagement entstehen ihre zahlreichen literarischen Veröffentlichungen. Mayer und Koberg zeichnen nach, unter welchen Lebensumständen die Romane, Dramen und publizistischen Arbeiten entstanden und wie sie vom Publikum und der Kritik aufgenommen wurden. Vor allem in ihrer österreichischen Heimat hatte Elfriede Jelinek seit jeher eine polarisierende Wirkung, was sicher nicht zuletzt daran liegt, dass sie sich zu politischen und gesellschaftlichen Fragen ihres Landes oft und meistens kritisch geäußert hat. Viele ihrer Arbeiten hatten zunächst in Deutschland Erfolg und erst danach in Österreich. Einige ihrer Stücke, wie "Burgtheater", das um die in Österreich äußerst populäre Schauspieler-Dynastie Wessely-Hörbiger und deren Haltung während der NS-Zeit kreist, konnten bis heute nicht in Jelineks Heimat aufgeführt werden.
Doch nicht nur die Themen, auch die Verwendung (und Verfremdung) der Sprache erschweren die Rezeption von Jelineks Texten (nicht nur in Österreich). Jelinek selbst verwendet häufig das Bild von der "Sprache, die sie wie ein schnüffelnder Hund seinen Besitzer an der Leine hinter sich her zerrt", doch in Wirklichkeit ist es natürlich sie, die die Sprache ganz und gar beherrscht.

Mayer und Koberg denken in ihrer Darstellung - zum Glück! - immer auch an ihre nicht-österreichischen Leser, wenn sie besonders typische Wiener Eigenschaften wie die "Kulturtechnik des Schmäh" beschreiben und erklären, wie auf diese Weise Angriffe des Gegners unterlaufen werden und man sich so unangreifbar machen kann. Als die deutsche BILD-Zeitung ihr empfahl, das Preisgeld für den Nobelpreis in Psychotherapien zu investieren, konterte die Preisträgerin ganz trocken: "Also eine Million Euro gebe ich bestimmt nicht für den Therapeuten aus. Da kauf ich mir lieber ein japanisches Kleid."

Elfriede Jelineks Texte sind selten leicht und auch nicht leicht verdaulich. Verena Mayer und Roland Koberg "warnen" mögliche Jelinek-"Neulinge" zwar nicht explizit vor der Massivität des Originals. Das ist aber gar nicht nötig, so viel Lust macht dieses Buch auf weitere Jelinek-Lektüre
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 11.10.2006