Sparte: Sachbuch

Götz Aly
Hitlers Volksstaat

Buchbesprechung

Als Alys Buch "Hitlers Volksstaat" vor einem Jahr in Deutschland erschien, traf es offenbar den Nerv sowohl der deutschen Historiker, als auch des allgemeinen Lesepublikums. Anders, als es damals in Kinofilmen wie "Der Untergang" oder Fernsehfilmen über Albert Speer gerade populär war, konzentriert sich Alys Untersuchung jedoch nicht auf einzelne Täterpersönlichkeiten der Nazidiktatur. Ihr Augenmerk gilt vielmehr den Vorteilen, in deren Genuss ein durchschnittlich verdienender, nichtjüdischer Deutscher durch die Politik des NS-Regimes kam. Inwieweit die Nutznießer der räuberischen Ausplünderung der deportierten und ermordeten Juden und der besetzten Länder sich des Ursprungs ihres relativen Wohlergehens bewusst waren, kommt in Alys Untersuchung nur am Rande zur Sprache. Der Autor überlässt es dem Leser, seine eigenen Schlüsse aus dem Dargestellten zu ziehen.

Götz Aly hat sich in die Archive begeben und die Unterlagen zur Steuer- und Finanzgesetzgebung gesichtet. Wie sah die Steuerpolitik der Nazis in den verschiedenen Phasen ihrer Herrschaft im Detail aus? Zu welchem Zeitpunkt wurden welche Einkommensgruppen verstärkt zur Finanzierung der Sozialpolitik einerseits und der Kriegspolitik andererseits herangezogen? Wie gelang es den Finanzpolitikern Hitlers, die Inflation aus dem eigenen Lande herauszuhalten und sie auf die besetzten Länder abzuwälzen?

Aly geht diesen vermeintlich trockenen finanzpolitischen Fragestellungen auf höchst spannende Weise nach. Er untersucht die populistischen Sozialreformen der Nazis in den ersten Jahren ihrer Herrschaft und belegt, dass die breit angelegte soziale Sicherung der Bevölkerung die Finanzmittel des Regimes bei weitem überforderte und somit schon bald zu einer übermäßigen Verschuldung führte. Die Suche nach neuen Geldquellen im eigenen Land mündete in die verstärkte finanzielle Repression der jüdischen Bevölkerung und gipfelte zunächst in der Zahlungsauflage von 1 Milliarde Reichsmark, die als "Sühneleistung" nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 von der jüdischen Bevölkerung verlangt wurde. Aber bereits im Dezember desselben Jahres formulierte Göring ganz konkret, wie das Vermögen der deutschen Juden, dass man auf ca. 8 Milliarden Reichsmark berechnet hatte, in Reichsanleihen umgewandelt werden konnte. Das Ausmaß dieses Plans wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass 1 Milliarde Reichsmark die Einnahmen des Reiches um bereits 6 Prozent erhöhen würden.

Aly zeigt, wie mit Hilfe ausgeklügelter Systeme die Kosten für die Besatzung und z. T. auch für die Versorgung der deutschen Bevölkerung "im Reich" den besetzten Ländern aufgebürdet wurden und so deren Volkswirtschaften ruiniert wurden. Die Soldaten wurden mit einer Art Kunstgeld ausgestattet, mit dem sie z.B. in französischen oder belgischen Geschäften bezahlen konnten. Diese Kreditscheine wurden dann bis zur jeweiligen nationalen Zentralbank weitergereicht um anschließend in Deutschland eingelöst zu werden. In Berlin wurden spezielle Clearing-Stellen eingerichtet, die - nach dem Sieg der Deutschen - den besetzten Ländern diese Kosten gutschreiben würden. Dass dieses System der Verschleierung selbst moralisch eher integre junge Soldaten in ihrem Rechtsempfinden verunsicherte und auch korrumpierte, dokumentiert Aly mit den Briefen, in denen der junge Heinrich Böll seiner Familie aus Frankreich von seinen Hamsterkäufen berichtete.

Aly untersucht die verschiedenen Wege, die während der gesamten der Naziherrschaft beschritten wurden, um den Staatshaushalt zu finanzieren. Neben der bereits erwähnten Steuerpolitik befasst er sich mit der schrittweise erfolgten Enteignung und anschließenden Deportation und Ermordung der Juden sowie mit der Ausplünderung der besetzten Länder. Er weist nach, dass es eben nicht nur die bekannten Namen Hitler, Goebbels, Göring oder Himmler waren, die die Vernichtung der europäischen Juden planten und durchführen ließen, sondern dass die Finanzpolitiker des Regimes ebenso kaltblütig kalkulierend den Tod von Millionen Menschen nicht nur in Kauf nahmen, sondern ihn als legitime Maßnahme zur Erlangung weiterer finanzieller Mittel ansahen.

Wenn kurz nach schweren Bombenangriffen auf Hamburg verstärkt Juden nach Polen deportiert wurden, so ist der Zusammenhang zwischen ausgebombten nichtjüdischen Bürgern und den "freigewordenen" komplett möblierten Wohnungen der Juden offensichtlich. Dass sich da niemand gefragt haben soll, woher all diese schönen Dinge kommen, erscheint kaum glaubhaft. Glaubhafter erscheint dagegen, dass sich der Durchschnittsbürger nicht gefragt hat, woher all die Mittel für den Ausbau des Sozialsystems wohl stammten, wenn doch gleichzeitig die Steuerbelastung nicht stieg.

Man hat an Alys Buch und seiner zentralen These, der allergrößte Anteil der deutschen Durchschnittsbevölkerung habe von den Verbrechen der Nazis persönlich profitiert, kritisiert, dass Aly die Habgier als treibende Kraft für den Völkermord überbewerte und dadurch die Rolle des Rassenhasses als Motiv zu sehr in den Hintergrund treten lasse. Es ist dies aber nicht das erste Buch über den Nationalsozialismus von diesem Historiker, der seine Thesen gern in provozierender Weise zuspitzt: Schon seit den frühen neunziger Jahren veröffentlichte Aly Arbeiten über die verschiedensten Aspekte des NS-Regimes, der Ermordung der europäischen Juden oder der Kontinuität bestimmter gesellschaftlicher Eliten in der deutschen Geschichte. Dass Geschichte niemals eindimensional zu erklären ist, muss man nicht mehr erklären. Dass Geschichte aber - und gerade Finanzgeschichte - so spannend dargestellt werden kann, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 08.03.2006