Sparte: Sachbuch

Herfried Münkler
Imperien. Die Logik der Weltherrschaft

Buchbesprechung

Herfried Münkler befasst sich in seinem Buch mit dem Wesen und der Bedeutung von Imperien, ein Forschungsfeld, zu dem es seit langem keine Untersuchungen gegeben habe. Zahlreiche Veröffentlichungen haben sich zwar in den letzten Jahren mit der weltpolitischen Rolle der USA auseinandergesetzt, doch die meisten dieser Titel nehmen laut Münkler eine „normativ-wertende Perspektive“ ein, die die eigenen, „längst zuvor bezogenen Positionen stützen“ solle.

Münklers Untersuchung hingegen nähert sich ihrem Gegenstand auf „deskriptiv-analytische“ Weise. Indem Münkler die Weltreiche der Geschichte beschreibt, vergleicht und in ihrem Handeln sowohl in ihrem Zentrum als auch in der Peripherie untersucht, ermöglicht er Schlüsse über die Möglichkeiten und Risiken von Imperien generell. Viele dieser Schlussfolgerungen lassen sich auf die aktuelle Weltlage anwenden, so dass sich ein erhellender Blick auf die Rolle und das Verhalten der USA ergibt. Münkler ergreift nicht Partei, er nimmt nur die zentrale Frage auf, die hinter vielen der akuten USA-Debatten steht: „Ist die Weltgemeinschaft zu ihrer eigenen Sicherheit auf eine imperiale Vormacht angewiesen? Oder stellt diese imperiale Vormacht eine gravierende Störung der Weltordnung dar […]?“

Ob es schon eine „macchiavellistische“ Sicht der Dinge ist, die Handlungsmuster einer imperialen Macht aus deren eigener Perspektive und inneren Logik zu betrachten, wie es Münkler mitunter vorgeworfen wird, sei einmal dahingestellt. Als Gegenentwurf wird dabei oft die Kant’sche Vorstellung von der friedlichen und gleichberechtigten Existenz der Staaten angeführt. Eine solche Polarisierung der Perspektiven will Münkler mit seinem Buch gerade nicht unterstützen, denn es liegt ihm natürlich fern, das Ideal des friedlichen Zusammenlebens der Völker gering zu schätzen oder gar für naiv zu halten. Er gibt aber zu bedenken, dass sich die europäischen Erfahrungen nicht ohne weiteres auf alle Regionen der Welt übertragen lassen. In Europa konnte sich seit dem Niedergang des Römischen Reiches keine imperiale Macht von Bedeutung mehr entwickeln: alle europäischen Weltreiche wie das spanische, portugiesische oder britische Imperium hatten zwar ihr Zentrum in Europa, die ausgedehnte Peripherien aber befanden sich in Afrika, Asien und Amerika. Innerhalb Europas hingegen entwickelte sich das Modell völkerrechtlich gleichgestellter Staaten. Die politischen Strukturen in den meisten Regionen außerhalb Europas gründen aber auf gegensätzlichen Erfahrungen, die möglicherweise andere politische Wege sinnvoller erscheinen lassen.

Münkler unterteilt sein Buch in sechs Kapitel, die Schritt für Schritt von einer Definition des Begriffes „Imperium“ in Abgrenzung zu „Imperialismus“ und „Hegemonie“ über eine Typologie der Weltreiche bis hin zu Handlungsmustern imperialer Mächte führen und schließlich eine Analyse der heutigen Weltsituation und einen Ausblick in zukünftige Möglichkeiten der europäischen Staatengemeinschaft bieten. Ergänzend finden sich im Anhang Karten zu historischen Imperien von den Athenern über die Reiche der Mongolen und Chinesen, Spanier und Briten bis hin zur aktuellen Stationierung von US-Streitkräften in der ganzen Welt, außerdem Anmerkungen und ausführliche Literaturhinweise.

Zunächst entwickelt Münkler eine Definition des Imperiumsbegriffs, zum einen, indem er zeitliche und räumliche Merkmale beschreibt, die erfüllt sein müssen, damit überhaupt von einem Imperium gesprochen werden kann. Zum anderen stellt er den Begriff des Imperiums jenen des Staates und des Hegemonialstaates gegenüber. Welche Bedingungen begünstigen die Entstehung eines Imperiums? Im dritten Abschnitt widmet sich Münkler einer Typologie historischer Imperien: Während die Steppenimperien wie die der Mongolen jeweils nur dann vom Zentrum in die Gebiete der Peripherie vorstießen, um Beute zu machen, kontrollierten die klassischen See-Imperien wie Portugal oder England die Handelsrouten und Warenströme und integrierten auch die weit vom imperialen Zentrum entfernten Gebiete in ihre Handelsbeziehungen. Große Landimperien schließlich benötigten große Militärapparate, um die riesigen Territorien zu sichern.

Um das Imperium auch auf Dauer zu sichern, ist es unverzichtbar, seine Ränder zu integrieren und an den Gewinnen materiell und ideell teilhaben zu lassen. Ohne den Ausbau der Infrastruktur in der Peripherie kann sich kein Imperium dauerhaft etablieren. Gleichzeitig entsteht auf diese Weise aber ein „Sog der Ränder“, Randregionen drängen in den Einflussbereich des Imperiums, um an den Vorteilen zu partizipieren. Gelingt es der imperialen Macht, die „augusteische Schwelle“ zu überwinden und die Peripherie infrastrukturell, ökonomisch und möglicherweise auch politisch einzubinden, so steigt damit die Wahrscheinlichkeit der Konsolidierung des Imperiums.

Langfristig hohe militärische Kosten und aufwändige Infrastrukturinvestitionen ohne entsprechenden Nutzen für das Zentrum hingegen bergen die Gefahr einer „Überdehnung“ und damit der Instabilität des imperialen Akteurs, der sein Handeln im Zentrum ideell und in noch stärkerer Weise materiell rechtfertigen muss. Vor allem in so genannten „demokratischen Imperien“, die ihre Entscheidungen von den Wählern legitimieren lassen müssen, ist die Notwendigkeit einer ausgewogenen Kosten-Nutzen-Relation besonders groß.

Um seine Handlungen zu rechtfertigen und die generelle Notwendigkeit imperialen Handelns zu belegen, braucht das Imperium eine Mission. Im Falle des spanischen Imperiums in Lateinamerika bestand diese in der Verbreitung des christlichen Glaubens, das Britische Imperium setzte vielerorts Grundsätze der Demokratie und der Menschenrechte durch, und auch die Vereinigten Staaten haben heute diesen missionarischen Anspruch.

Im sechsten und letzten Kapitel befasst sich Münkler mit der aktuellen Situation und den Handlungsmöglichkeiten der europäischen Staaten. Will Europa sich nicht darauf beschränken lassen, sich an den Kosten des imperialen Handelns der Vereinigten Staaten zu beteiligen, ohne dabei in Entscheidungsprozesse eingreifen zu können, so muss es, so Münklers These, selbst zumindest teilweise als Imperium agieren und sich aktiv mit den Krisengebieten an seinen Rändern auseinandersetzen.

Münklers Arbeit stützt sich in beispielhafter Weise auf die vorhandene Forschungslage und zieht alle maßgeblichen Arbeiten zum Thema Imperium, Imperialismustheorien und der Rolle Hegemonialmächte heran. Entsprechend umfänglich ist die Literaturliste im Anhang, so dass man – durch die Lektüre dieses höchst aufschlussreichen Buches angeregt – noch vieles zu diesem Thema entdecken kann. Münklers Stil ist sachlich, ohne trocken zu sein. Er veranschaulicht seine Aussagen stets durch historische Beispiele, die man sich im Kartenteil noch einmal vor Augen führen kann.

Es ist die genaue Analyse imperialer Strukturen, die konkrete politische Schlussfolgerungen ermöglicht und dieses Buch aus der Menge der Titel heraushebt, die sich in den letzten Jahren mit Rolle der USA in der Welt befasst haben. Dabei bietet Münklers Analyse der europäischen Situation eine Reihe neuer Ansätze und Ideen für die Positionierung der Europäischen Union im globalen Kräftespiel.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 18.05.2006