Sparte: Sachbuch

Tilman Allert
Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste

Buchbesprechung

Mit seinem mikrosoziologischen Essay zur Funktion und Wirkung des so genannten "deutschen Grußes" ist dem Frankfurter Soziologen Tilman Allert ein großer Wurf gelungen. Indem er das "Vergrößerungsglas der Soziologie" über ein bislang in seiner Bedeutung unterschätztes Phänomen hält, erkennt er in der "unheilvollen Geste" weit mehr als die oberflächliche Funktion eines öffentliches Loyalitätsbekenntnisses. Allert legt in seiner Fallstudie Schritt für Schritt dar, wie die öffentliche Abschaffung herkömmlicher Grußformen und Grußfunktionen zum einen den Verfall der Sittlichkeit in der Gesellschaft beförderten und zum anderen die tägliche Huldigung und Sakralisierung Hitlers erzwangen.

Allert beginnt damit, dass er den Akt des Grüßens in seiner Funktion als Eröffnung einer möglichen Kommunikation erklärt: Der Gruß signalisiert dem Empfänger, dass er wahrgenommen wurde und der Grüßende grundsätzlich zu einem Austausch bereit ist. Oft besteht der Gruß aus guten Wünschen oder einer Frage nach dem Befinden. Er ist regional zwar unterschiedlich formuliert, der Funktion nach jedoch ähnlich.

Durch die verpflichtende Einführung des "Deutschen Grußes" mit der Formel "Heil Hitler" im öffentlichen Leben - dies umfasste die direkte Begegnung im öffentlichen Raum ebenso wie den Schriftverkehr - sollten u.a. die regionalen Eigenheiten abgeschafft werden. Allert zeigt, dass die Ersetzung herkömmlicher Gruß-Rituale darüber hinaus eine weitere Funktion erfüllte: Die Möglichkeit des Individuums zur eigenen Gestaltung seiner Beziehungen wurde schon in der kleinsten sozialen Einheit erschüttert und trug so subtil dazu bei, die spätere Erosion des moralischen Empfindens, eben den "Verfall der Sittlichkeit", vorzubereiten. Gleichzeitig wird "deutsches" Grüßen zum öffentlichen Bekenntnis, denn wer den Gruß nicht anwendet, gerät in Verdacht, dem Regime kritisch gegenüber zu stehen.

Indem Allert die Semantik und die gestische Begleitung des "Deutschen Grußes" analysiert, zeigt er, dass es sich dabei eigentlich um einen - nur notdürftig - verkleideten alltäglichen Schwur handelt, der die Person Adolf Hitlers zu einer überirdischen, sakralen Figur stilisiert und so einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Verinnerlichung des Führerkults leistet. Mit Hilfe der Begrifflichkeiten, die Max Weber für charismatische Herrschaftsmodelle entwickelt hat, und unter Bezugnahme auf Rainer M. Lepsius' Anwendung dieses Modells auf den Führerkult um Hitler belegt Allert die zentrale Rolle, die der "deutsche Gruß" für den Aufbau und die Festigung der alltäglichen Machtstrukturen in der Gesellschaft gespielt hat. Diese Rolle ging weit über die bloße Kontrollfunktion hinaus.

Allerts besonderes Interesse gilt den geschlossenen Systemen innerhalb der Gesellschaft, wie dem Militär, den Kirchen und der Familie, und er stellt die Frage, wie der staatliche Anspruch auf Kontrolle innerhalb dieser Systeme gehandhabt wurde, inwieweit der kleinere Bezugsrahmen verteidigt oder aufgegeben wurde und wie verschiedene Hierarchiestrukturen innerhalb und außerhalb des Systems konkurrierten oder sich ergänzten. Auch wenn Allerts Sprache in diesem Abschnitt - im Gegensatz zum Rest des Buches - manchmal sehr zum Akademischen tendiert, ist der Erkenntnisgewinn doch Belohnung genug für die intellektuelle Anstrengung, Allerts Verweisen auf soziologische Theorien zu folgen.

Im letzten Kapitel geht Allert einerseits auf die teils schwierige, insgesamt aber doch sehr schnelle Rückkehr zu herkömmlichen Grußformen ein, andererseits aber zeigt er auch, in welchen Zusammenhängen die "unheilvolle Geste" oder ihre Abwandlungen auch nach dem Ende der nationalsozialistischen Zeit verwendet wurden. In seinem Fazit erinnert Allert an Adornos Bemerkung, Hitler habe das Lachen konfisziert und leitet daraus das Bild ab, "Hitler habe das Grüßen konfisziert und damit einer Grundlage menschlicher Geselligkeit die Grundlage entzogen" und den Weg (mit-)bereitet für die totale Aushöhlung humaner Werte.

Tilman Allerts "hermeneutisches Exerzitium", so nennt er selbst seinen Essay, ist ein Beispiel dafür, welche herausragende Rolle die historische Soziologie für das Verständnis geschichtlicher Prozesse spielen und wie angenehm und spannend eine solche Lektüre sein kann.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 14.07.2006