Sparte: Sachbuch

Gabriele Goettle
Experten

Buchbesprechung

Seit vielen Jahren veröffentlicht Gabriele Goettle in der deutschen „tageszeitung“ allmonatlich Porträts bemerkenswerter Zeitgenossen. In der Rubrik „Freibank – Kultur minderer Güte, amtlich geprüft“ stellt sie Menschen vor, die sich in besonderer Weise für eine Idee oder ein Projekt engagieren, die reflektieren, was sie tun, Menschen, die kennen zu lernen für den Leser unbedingt ein Gewinn ist. Schon zuvor sind Sammlungen dieser Porträts in Buchform erschienen – „Experten“ heißt die jüngste dieser Veröffentlichungen. In diesem Band stellt Gabriele Goettle zweiunddreißig Menschen vor, die in Spezialgebieten aus den verschiedensten Lebensbereichen unbestrittene Experten sind. Bei einigen von ihnen handelt es sich um bekannte Persönlichkeiten aus der Wissenschaft, andere hingegen sind auf ganz alltäglich-praktischen Gebieten aktiv.

Alle Porträts gemeinsam ist eine Darstellungsweise, die sich stets vom Allgemeinen zum Besonderen, zum Persönlichen bewegt. Ein im Rahmen der Begegnung mit der jeweiligen Person aufgenommenes Foto steht am Beginn jedes Abschnitts, zusammen mit einer stichwortartigen Kurzbiografie, die die nackten Lebensdaten auflistet. Das eigentliche Porträt beginnt dann mit einer kurzen Einführung in das jeweilige Fachgebiet und bereitet so das Verständnis der im Anschluss präsentierten detaillierteren Ausführungen vor. In einigen Fällen wird in diesem einleitenden Teil der historische Hintergrund skizziert, in anderen Porträts erläutert die Autorin den Stellenwert des vorzustellenden Forschungs- oder Arbeitsgebiets im Gesamtzusammenhang der wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Diskussion.

Dann folgt die erste Begegnung mit dem Gesprächspartner, meist am Arbeitsplatz oder in einer eher öffentlichen Umgebung. Goettle beginnt mit dem ersten Eindruck und gibt dem Leser so das Gefühl, selbst anwesend zu sein. Sie referiert nicht, was gesagt wird, sondern sie beschreibt den Gesprächspartner, wie er sich in seinem beruflichen Umfeld bewegt und wie er über dieses spricht. Auf diese Weise vermittelt Goettle ein anschauliches Bild vom Sprecher und seinem Verhältnis zu seinem Arbeitsgegenstand.

Im Anschluss an dieses erste, eher formelle Kennenlernen findet dann bei einem zweiten Treffen das eigentliche Interview statt, in privaterer Umgebung entweder im Hause des Porträtierten oder auch in einem Café seiner Wahl. Hier lässt Goettle ihrem Gegenüber „freie Bahn“, stellt nur hin und wieder kleine Fragen oder platziert kurze Bemerkungen, mit denen sie häufig erstaunlich leidenschaftliche Plädoyers aus ihren Gesprächspartnern herauslockt. Überhaupt schafft Goettle es bei den meisten ihrer Gesprächspartner immer wieder und wie nebenbei, das leidenschaftliche Engagement erkennbar werden zu lassen, das diese zu Experten “gemacht“ hat.

Wer sind nun die „Experten“, die in diesem Buch zu Wort kommen? Etwa die Hälfte der Befragten sind Wissenschaftler der unterschiedlichsten Disziplinen. Neben einigen Naturwissenschaftlern, die sich in der Forschung mit Problemen der theoretischen und experimentellen Physik oder der reinen Mathematik befassen, finden sich Vertreter stärker praxisbezogener Berufe wie ein Kriminalbiologe oder eine Schlachthofveterinärin. Als Vertreter der Geisteswissenschaften begegnen dem Leser der Kulturkritiker Ivan Illich oder der Ethnopsychoanalytiker Paul Parin.

Die andere Hälfte machen die ganz und gar praktischen Berufe, wie Hebamme, Bombenentschärfer oder Prominentenschneider aus. Darunter gibt auch eine kleine Gruppe von wirklich exotischen Berufen, zum Beispiel den der Hochseilartistin. Allen Porträtierten gemeinsam ist nicht nur das ungemein profunde Wissen in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich, sondern, mit wenigen Ausnahmen, vor allem der Enthusiasmus, mit dem sie über ihre Arbeit sprechen.

Gabriele Goettles Fragetechnik bleibt so dezent im Hintergrund, dass man häufig vergisst, dass sie überhaupt anwesend ist. Mit geübtem Blick für das Detail beschreibt sie die jeweiligen Umgebung, die Büros und Labore, die Wohn- und Arbeitszimmer, in denen die Begegnungen stattfinden. So unterschiedlich ihr Einrichtungsstil und die ästhetischen Vorlieben der Bewohner auch sein mögen, Goettles Beschreibungen wahren stets eine – manchmal verschmitzte – Distanz und sind niemals wertend. Ob ihr Gesprächspartner Kanalarbeiter oder theoretischer Physiker ist, Hure oder Schneekugelfabrikant: durch den unverstellt-sympathischen Blick einer höchst einfühlsamen Gesprächspartnerin erschließen sich einem hier die unterschiedlichsten Lebensweisen und Arbeitsbereiche, von deren Existenz mancher Leser bislang nichts wusste.

Gabriele Goettles Expertenporträts sind „Home-Stories“ im besten Sinne und laufen dabei nie Gefahr, indiskret zu sein.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.05.2005