Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Ingke Brodersen
Carola Stern
Eine Erdbeere für Hitler

„Geschichte in Geschichten“

„Hitler-Erdbeere“ – so wollte ein Nazi-begeisterter Gärtner aus Norddeutschland im Sommer 1933 seine neueste, erfolgreiche Züchtung nennen. Als Beispiel für die Skurrilität und die Grenzenlosigkeit der Hitler-Verehrung nach dem Aufstieg der NSDAP zur Regierungs- und dann zur einzigen Partei illustriert diese Randnotiz sehr deutlich die allgemeine Verblendung, die den heutigen Jugendlichen und Erwachsenen oft so unverständlich und auch lächerlich erscheint. Ingke Brodersen und Carola Stern ist es mit ihrem Buch gelungen, das Heraufkommen des Nationalsozialismus, vor allem aber das Alltagsleben und die sozialen Mechanismen im Deutschland „unterm Hakenkreuz“ näher zu bringen. In sechs Kapiteln befassen sich sechs Autoren mit verschiedenen Aspekten des Lebens zwischen 1933 und 1945, einige der Texte sind autobiografisch, andere fiktiv, der einleitende Text „Von der Entstehung einer Diktatur“ ist hingegen – als Grundlage für die folgenden Abschnitte – ein reiner Sachtext.

In den erzählenden Teilen des Buches dienen Informationskästchen zur Erklärung zeitspezifischer Begriffe und Institutionen und bilden auf diese Weise ein über das gesamte Buch verteiltes Glossar.

Drei der sechs Texte erzählen vom Alltagsleben in den dreißiger und vierziger Jahren, allerdings aus sehr unterschiedlichen Perspektiven. Im Kapitel „Mit dem Führer auf Fahrt“, dessen zentrales Thema die NS-Jugendorganisationen sind, stehen drei Kinder im Mittelpunkt, die diese organisierte Kindheit und Jugend ganz verschieden erleben. Für den Sohn einer von Arbeitslosigkeit und Scheitern geprägten Familie bietet die Hitlerjugend zum ersten Mal die Möglichkeit, erfolgreicher als andere zu sein, Abenteuer zu erleben und Macht zu empfinden. Die Tochter eines eher skeptischen Elternpaares hingegen nutzt die Vereinnahmung durch die Organisation, um sich von den Eltern und deren Ansichten zu distanzieren. Für das christliche Mädchen aus evangelischem Hause ist vor allem der Spagat zwischen den Werten zu Hause und jenen in der Schule und der Jugendorganisation gefährlich.

Im Abschnitt „Warum muss ein Soldat töten“ erzählt Ursula Wölfel, selbst Jahrgang 1922 und eine bekannte deutsche Kinderbuchautorin, die Geschichte eines Mietshauses im Ruhrgebiet. Die Bewohner des Hauses verändern sich im Laufe der Zeit, Jungen werden zu Wehrmachtssoldaten und schreiben Briefe von der Front, Freunde werden wegen politischer Differenzen zu Feinden, Fremde zu Vertrauten. Je weiter der Krieg fortschreitet, desto mehr verhärten sich die Menschen und die Fronten, und die Erlebnisse im Luftschutzkeller prägen ihr weiteres Leben.

Doch nicht nur der Alltag der Mehrheit der Deutschen wird in diesem Buch geschildert, auch das Schicksal der jüdischen Bevölkerung Deutschlands ist Thema. Im Kapitel „Himmel und Hölle“ berichtet Mirjam Pressler vom Leidensweg des jüdischen Mädchens Hannelore aus Leipzig, das sich in einer zionistischen Jugendgruppe auf die Ausreise nach Palästina vorbereitet. Als 1939 der zweite Weltkrieg beginnt, werden die Jugendlichen nach Dänemark gebracht und leben dort in relativer Sicherheit bei dänischen Familien, bis sie von den Nazis ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt werden. Nur die Tatsache, dass sie aus Dänemark kamen, rettet ihnen das Leben, als sie kurz vor Kriegsende vom dänischen Roten Kreuz aus dem KZ herausgeholt und vor der Deportation bewahrt werden.

Die Möglichkeiten, auch unter dem brutalsten Regime Widerstand zu leisten, beschreibt das Kapitel „Sag nicht, es ist fürs Vaterland“. Nicht nur so bekannte Widerstandsgruppen wie die „Weiße Rose“, sondern auch weniger bekannte Organisationen wie die so genannte „Rote Kapelle“ sind Gegenstand der umfangreichen Darstellung von Hermann Vinke. Ihm geht es vor allem darum zu zeigen, dass es trotz der großen Bedrohung viele Menschen gab, deren moralische Überzeugungen stärker waren als die Angst vor dem Regime. Einzelgänger wie Georg Elser oder Symbolfiguren wie der evangelische Pfarrer Heinrich Niemöller stehen hier neben der vordergründig „unpolitischen“ Swing-Jugend aus Hamburg und den meist adligen Wehrmachtsoffizieren, die das fehlgeschlagene Attentat vom 20. Juli 1944 planten und ausführten. Da im Rahmen eines solchen Kapitels aber nur ein erster Eindruck dieser vielschichtigen Persönlichkeiten und Bewegungen vermittelt werden kann, regt dieser Text besonders zum Weiterforschen an.

Im abschließenden Kapitel berichtet der Pädagoge Hartmut von Hentig, wie er das Kriegsende und die Entwicklungen in Deutschland im Jahr 1945 erlebt hat. Er schreibt von den Gerüchten über Hitlers Ende, vom Einsatz der Kinder und der alten Männer im Volkssturm, von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen und den Verhandlungen der alliierten Siegermächte über die Zukunft Deutschlands, das in jeder Hinsicht vor dem Nichts stand.

Die beiden Herausgeberinnen verstehen ihr Buch als Warnung und Hilfe vor allem für junge Leser, totalitäre Strukturen frühzeitig zu erkennen und sich gegen diese zu stellen. Die Schilderung des Alltagslebens junger Leute erleichtert es den Lesern sich in deren Situation hinein zu versetzen, die Beispiele regimekritischen Verhaltens zeigen, dass es für den Einzelnen immer den Moment der Entscheidung gibt, auch wenn diese Entscheidungen oft lebensbedrohlich sein konnten. Vor allem Carola Stern geht in ihrem Nachwort auf die Schwierigkeit ein, sich als Individuum gegen die herrschende Meinung zu entscheiden. Auch ihre eigenen Erfahrungen wertet sie als erschreckendes Beispiel für jugendliche Verblendung und späte Einsicht.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.01.2006