Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Anne C. Voorhoeve
Lilly unter den Linden

Buchbesprechung

„Wer den Frieden will erhalten, muss kämpfen gegen im-pe-ri-a-listische Gewalten. –Verstehst du das?“ – „Klar,“, sagte Till frohgemut. „Die Imperialisten seid ihr.“

Mit solch verwirrenden Parolen im Straßenbild und zahlreichen weiteren, ihr zunächst unverständlichen Situationen im Alltagsleben der DDR sieht sich die dreizehnjährige Lilly konfrontiert, als sie nach dem Tod ihrer Mutter heimlich Hamburg verlässt, um bei der Familie ihrer Tante in Jena zu leben. Anne Voorhoeve gelingt es in ihrem Jugendroman Lilly unter den Linden in außergewöhnlicher Weise, so unterschiedliche Themen wie den Verlust der Mutter und die abenteuerliche und illegale Reise in die DDR mit altersgerecht dargestellten Informationen über den Alltag und die Probleme im sozialistischen Teil Deutschlands kurz vor dem Fall der Mauer zu verbinden. Sie erzählt die Geschichte aus der Perspektive der Protagonistin Lilly, die inzwischen zehn Jahre älter, also dreiundzwanzig, ist und sich an diese entscheidende Zeit zurückerinnert.

Anne C. Voorhoeve scheut sich nicht, auch jene Gefühle zu thematisieren, die sich einer nüchternen Betrachtung entziehen. Es ist ein emotionsgeladenes Buch, jedoch weit davon entfernt, gefühlsseelig zu sein. Immer wieder geht es um Trennung, um Verlust, um Eifersucht und die Angst, verlassen zu werden. Das eine, zentrale Thema des Buches aber ist die Einsicht, dass es im Leben darauf ankommt, eigene Entscheidungen zu treffen, auch unter extremen persönlichen oder politischen Bedingungen.

Hamburg, 1988. Lilly ist dreizehn, als ihre erst 34-jährige Mutter an Krebs stirbt. Den Vater hat sie bereits vor Jahren bei einem Bergunfall verloren und so bleibt ihr nur der Freund der Mutter, der sich jedoch der Situation nicht gewachsen fühlt und sich ihr entzieht, wann immer es geht.

Auf der Beerdigung der Mutter lernt sie Lena, die ältere Schwester ihrer Mutter, kennen und fühlt sich ihr sofort stark verbunden. Doch als diese nach zwei Tagen wieder zu ihrer Familie nach Jena in der DDR zurückfahren muss und Lilly die Unterbringung in einer Pflegefamilie droht, fühlt sie sich noch verzweifelter als zuvor.

In zahlreichen Rückblicken erinnert sich Lilly an die Erzählungen ihrer Mutter, die mit neunzehn Jahren „Republikflucht“ beging, um mit Lillys späterem Vater in Westdeutschland leben zu können. Erst viel später versteht die Tochter, auf welch komplizierte und auch tragische Weise das Leben der Mutter mit dem Schicksal der Tante verknüpft ist. Dies zeigt sich, als Lilly, für alle überraschend, am Weihnachtsabend in Jena auftaucht: Ihre fünfzehnjährige Cousine schlägt ihr die Tür vor der Nase zu, die Tante und der Onkel befürchten große Schwierigkeiten mit der Polizei und nur der jüngere Cousin Till ist begeistert von der neuen West-Verwandtschaft. Gezwungenermaßen wendet sich der Onkel an einen früheren Bekannten bei der Stasi (Staatsicherheit), um Lillys Aufenthalt in der DDR zu legalisieren.

Nach und nach erfährt Lilly Dinge über die Vergangenheit ihrer Mutter und Tante, die sie tief bestürzen. Nicht nur, dass die Tante wegen der Republikflucht ihrer Schwester ihren Beruf als Lehrerin nicht mehr ausüben durfte, sondern wegen Beihilfe zur Flucht musste sie sogar drei Jahre ins Gefängnis. Hochschwanger brachte sie dort Lillys Cousine zur Welt, die ihr gleich nach der Geburt weggenommen und in ein Kinderheim gesteckt wurde. Nur durch die Hilfe des – verhassten – Bekannten bei der Stasi konnte das Kind nach Ablauf der Haft wieder zu seinen Eltern zurück. Was es für Lena und ihren Mann Rolf bedeutet, Lillys wegen noch einmal auf die Hilfe des Stasi-Beamten angewiesen zu sein, kann Lilly nur ansatzweise verstehen.

Nach einer komplizierten Einbürgerungsprozedur darf Lilly im Sommer vor der Wende endgültig nach Jena übersiedeln.

Neben großen Gefühlen lässt Anne Voorhoeve in ihrem dichten Roman aber auch Platz für amüsante Szenen, die deutlich machen, wie unterschiedlich der Alltag in Ost- und Westdeutschland war. So beschwert sich Lilly, als die Verkäuferin im Konsum-Geschäft eine verdorbene Orange in ihren Beutel legt, und verlangt eine einwandfreie Frucht – ein Verhalten, dass bei einigen Belustigung, bei anderen Empörung auslöst. So sehr Naivität und Unwissenheit Lillys Umgang mit der DDR charakterisieren, so sehr ist sie doch auch ein selbstbewusstes Kind des Westens, das schockiert ist über die Propagandalügen über das Leben in der Bundesrepublik. Sie versucht diese gegenüber ihrer Cousine und deren Freundinnen richtig zu stellen:

„…und selbst wenn die hiesige Bevölkerung durch Straßenschilder zum Kampf gegen uns aufgerufen wurde, könnte ich ihnen versichern: Auch wir Impirrealisten wollten den Frieden.“ Die drei gaben sich große Mühe, nicht zu lachen. „Kein Mensch guckt nach den Spruchbändern, Lilly“, beruhigten sie mich. „Mach dir keine Sorgen.“

Das Buch wendet sich an jugendliche Leser und Leserinnen ab etwa zwölf Jahren, eine Generation also, für die die DDR nur mehr als ein historisches Phänomen existiert. Anne Voorhoeve bringt ihnen den Alltag eines unbekannten Systems nahe, wie sie es wohl selbst auch erlebt hätten. Da ist die Verwunderung über die skurrile Propagandamaschine und komplizierte Einkaufspraktiken, die Empörung über das Überwachungssystem, der Schock über die Reichweite der staatlichen Repression. Trotzdem steht in jedem System das Handeln des Individuums im Zentrum, das Abwägen des jeweiligen persönlichen Könnens und Wollens unter den gegebenen Bedingungen. Man kann sagen, dass Anne Voorhoeve ein Buch über die DDR, über Moral und über tiefe Gefühle geschrieben hat, ohne kitschig oder einseitig zu sein. Die Lektüre dieses Romans wird hoffentlich viele jugendliche Leser veranlassen, ihre Eltern und Lehrer über diesen Abschnitt deutscher Geschichte zu befragen und so zu gemeinsamem Nachdenken anregen.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 27.01.2005