Sparte: Kinder- und Jugendbuch

Jens Soentgen
Nadia Budde (Illustrator)

Selbstdenken! 20 Praktiken der Philosophie

Buchbesprechung

Jens Soentgen macht Philosophie anschaulich und verständlich und präsentiert sie unterhaltsam und witzig. Dieses Buch, als im Umfang reduzierte Nachfolge von Aristoteles' Topik geschrieben und in moderner, unkomplizierter Sprache abgefasst, stellt zwanzig philosophische Praktiken vor und zeigt, wie man sie sinnvoll anwenden kann.

Es bietet zahlreiche Anregungen zum eigenständigen Nachdenken, nicht nur durch die amüsanten Beispiele (die ganz nebenbei zeigen, dass auch Philosophen nur Menschen sind), sondern durch praktische Übungen oder Vorschläge für Spiele, an Hand derer das Gelesene unmittelbar ausprobiert und überprüft werden kann.
Soentgen scheut sich nicht, Unterhaltungskultur neben deutlich komplexere Aussagen berühmter Denker zu stellen, wenn er im Abschnitt "Präzisieren und Definieren" zwei Beispiele für das Verfahren der Präzisierung gibt. Beispiel eins stammt aus Loriots Kinofilm "Pappa ante portas":

HERR LOHSE Ich werde von nun an meine Arbeitskraft äh – ganz – äh - der Familie zur Verfügung stellen.
LOHSE JUNIOR Soll das heißen, du bist pensioniert?
HERR LOHSE Äh, ja! – sozusagen.

Das zweite Beispiel ist einer Diskussion zwischen Jürgen Habermas und Karl Popper entnommen:

Habermas: "Theorien erweisen sich für einen speziellen Gegenstandsbereich dann als brauchbar, wenn sich ihnen die reale Mannigfaltigkeit fügt."

Popper: "Theorien sind auf ein spezielles Gebiet dann anwendbar, wenn sie anwendbar sind."

Die Gestaltung des Buches zeichnet sich durch seine geschmackvollen und originellen Illustrationen ebenso aus wie durch eine klare Gliederung. Die Kapitel sind verhältnismäßig kurz, damit auch ungeübtere Leser philosophischer Themen nicht gleich aufgeben, aber doch lang genug, um jedes Verfahren anhand von Beispielen und Erläuterungen vorzustellen. Einige Themen beanspruchen naturgemäß etwas mehr Raum: So nimmt der Abschnitt über die Logik, die mit Hilfe grafischer Darstellungen anschaulich gemacht wird, als längstes Kapitel zwanzig Seiten ein, hingegen braucht Soentgen für "Warten" nur ganze vier Seiten.

Die einzelnen Kapitel werden, wenn die Materie gar zu kompliziert zu werden droht, wiederum untergliedert und das bessere Verständnis durch sprechende Überschriften unterstützt.
Soentgen nimmt sich in der Behandlung seiner Themen die Freiheit, die Form immer dem jeweiligen Inhalt anzupassen. Ihm geht es nicht um eine einheitliche Darstellung ganz unterschiedlicher Verfahren, im Gegenteil, gerade die Vielfältigkeit seiner Beispiele, seien es Anekdoten aus der Antike, argumentative Duelle aus der Physik, Dialoge zwischen Durchschnittsbürgern – Soentgen nennt sie Herr und Frau Meier - oder die visuelle Verdeutlichung der aristotelischen Syllogismen in Anlehnung an die Erläuterungen des Mathematikers Leonhard Euler: Alles ist möglich, wenn es der Klärung des jeweiligen Gegenstands dient.

Nie gibt Soentgen den allwissenden Lehrmeister, vielmehr hat man bei der Lektüre das angenehme Gefühl, keine Frage sei zu dumm, sie zu stellen. Obwohl man ahnt, dass auch der Autor einige seiner historischen und "Kollegen" nicht ganz so gern hat wie andere, drückt sich in seinen Texten eine große, manchmal augenzwinkernde Sympathie mit den hier vorgestellten Denkern und ihrem Denken aus.

Die wichtigsten Themen und Beispiele der einzelnen Kapitel finden Sie im folgenden schlaglichtartig aufgeführt:

1. Provozieren
Sokrates und das Hinterfragen der Normen
Diogenes’ Vorschläge und die Schule der Kyniker
Die „Kommune 1“ und die Umkehrung der Werte

2. Fakten, Zitate, Wabuwabu
Über die Nicht-Objektivität von Fakten und die Perspektivität der Dinge
Der philosophische Trost: unangenehme Fakten in neuem Zusammenhang sehen
Die Möglichkeiten des Zitierens: neue Kontexte schaffen, Verdrehungen oder dem Gegenüber Nicht-Verstehen unterstellen.

3. Indizien
Über die Kunst des philosophischen Spurenlesens
Physiognomik und die Köpfe großer Denker
Goethe und die Götterzeichen

4. Autoritäten
Die drei Wahrheiten von Leonhard Euler
Überschätzte Klassiker?
Argumente durch „schlechte Gesellschaft“ abwerten
Der Wille zum Selbst-Denken als Konsequenz der Hexenverfolgung
Die Theorie des Vorurteils von Thomasius

5. Hinsehen
Die Philosophie braucht frische Beispiele
Husserl und die Phänomenologie
Man sieht meist, was man schon kennt

6. Beispiele
Beispiele dienen der Verdeutlichung, nicht dem Beweis
Vorhersagen sind „Beweise in der Zukunft“
Der Unterschied zwischen Beispiel und Begründung: eine Zahlenreihe

7. Präzisieren und Definieren
Präzision des Ausdrucks: Synonymik als Suche nach der treffenden Unterscheidung
Über die Schwierigkeiten allumfassender und den Nutzen zielgerichteter Definition
Stolpersteine beim Definieren

8. Bilder
Metapher, Allegorie, Analogie, Gleichnis
Der Bundestagswahlkampf als Fußballspiel
Risiken bei Bildvergleichen: Umbesetzungen und Weiterführung
Die Pointe durch unerwartete Zusammenhänge

9. Sammeln
Zwei Zettelkasten-Varianten: Luhmann und Bacon
Exkurs: Welcher Lesetyp bin ich?

10. Logik
Das aristotelische System logischer Schlüsse und seine zeichnerische Darstellung durch den Mathematiker Leonhard Euler
Fünf Regeln für das Ziehen logischer Schlüsse
Über Kurzschlüsse und kurze Schlüsse

11. Demontage
Wie man durch Lächerlichmachen und Unterstellung einen Gegner demontieren kann: Mobbing in der Philosophie

12. Gedankenexperimente
Der Wunsch nach ewigem Leben oder die Wiederkehr des ewig Gleichen: Jonathan Swift und Friedrich Nietzsche
Die theoretische Suche nach dem richtigen Gesellschaftszustand: John Rawls und der Schleier des Nichtwissens
Über Kreativität und Originalität: Eco, Borges, Lewis Carroll und die Landkarte im Maßstab 1:1

13. Warten
Über das produktive Warten beim Denken

14. Umkehren
Argumentativ „den Spieß umdrehen“
Durch Umsortieren zu neuen Sinnzusammenhängen finden
Die Widerlegung großer Theoretiker durch ihre eigene Argumentation: Kant, Carnap, Einstein

15. Parodieren
Wie funktionieren Parodien?
Lichtenbergs Parodie auf den Physiognomiker Lavater
Fritz Heidegger plays Martin Heidegger
Parodien in philosophischen Enzyklopädien: Das X-Kriterium

16. Serienschaltung
Die „reine Wiederholung“ als Mittel von Werbern und Politikern
Über das wiederkehrende „Ende der Physik“
Beliebigkeit als „chaotische Serienschaltung“: Kakophonie der Gegenargumente

17. Orakel
Die berauschten Priesterinnen von Delphi und ihre erstaunlichen Prophezeiungen
Exkurs: Über die eingeschränkten geistigen Hilfsmittel der alten Griechen

18. Kombinieren
Die Kombinatorik von Llull: mit Hilfe von zwei Drehscheiben zu neuen Ideen
Die Kreuztabellen von Aristoteles und Habermas
Wann wird alles gesagt sein? Leibniz’ Zahl aller denkbaren Aussagen

19. Ursachen
Der Satz vom zureichenden Grund und das Prinzip des mehrfachen Grundes
Aristoteles’ System von den vier Arten der Ursache
Be- und Entschuldigungen: die Suche nach den unterschiedlichen Ursachen

20. Große Gesten
Seinen Worten Taten folgen lassen
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.01.2004