Sparte: Roman

Martin Kluger
Die Gehilfin

Roman

Buchbesprechung

Was müssen das für turbulente Zeiten gewesen sein. Berlin im Taumel der Gründerzeit, kurz nach Gründung des deutschen Kaiserreichs. Die Gesellschaft in einem Aufbruch bis dahin nie gekannten Ausmaßes, ein wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Furor, an dem man sich regelrecht besaufen konnte. In der Frauenabteilung der Berliner Charité, einem damals schon international renommierten Klinikum, an dem Geistesgrößen wie Rudolf Virchow, Emil von Behring, Paul Ehrlich oder Rudolf Koch wirkten, kommt ein Kind zur Welt, dessen Mutter bei der Geburt stirbt: Henrietta Mahlow. Ihr Vater Paul, ein Tischler, der nach dem Tod seiner Frau auch seine Werkstatt verliert, verdingt sich zwischen immer neuen Alkoholexzessen als Krankenpfleger in der Charité. Ihm gelingt es, seine Tochter in den Alltag der Klinik einzuschleusen. Zwischen Reagenzgläsern und Seziertischen wächst das wissensdurstige Mädchen heran und entwickelt einen unbändigen Forscherdrang.

Das Milieu, das sich der 1948 geborene Berliner Autor Martin Kluger für seinen Roman Die Gehilfin um seine fiktive Heldin wählt, könnte faszinierender kaum sein. Die Charité wurde in den erfolgstrunkenen Gründerjahren zum Zentrum der medizinischen Welt. Virchow, der Ordinarius der Pathologie, und Rudolf Koch, der Bakteriologe, der den Beweis zu erbringen versucht, daß Bazillen für den Ausbruch von Infektionskrankheiten verantwortlich sind, beharken sich. Illegal werden nachts Leichen seziert, das junge Mädchen ist als begabte Assistentin mit dabei, als 1882 das Tuberkulose-Bazillus entdeckt wird.

Kluger zeigt uns das kaiserzeitliche Berlin vor allem in seinen Hinterhöfen und fauligen Wohnküchen, evoziert übel dunstige Milieus, in denen die Tuberkulose wütet: „Der Himmel sieht aus wie ein umgemachtes rosa Bett, in dem wilde, dreckige Schlafburschen sich gewälzt haben, die Zeitungsjungen fuchteln mit ihren feuchten Blättern vor unseren Nasen herum. Aus der offenen Tür eines Cafés tönt das Gelächter einer Frau von tiefer Stimme. Die Maulwürfe und Eintagsfliegen und toten Motten kehren rußgeschwärzt von der Schicht heim, aus dem klaffenden Loch im Gesicht rinnt der Speichel, sie stolpern in die nächste Destille, die Tür fällt zu und geht wieder auf und fällt zu.“

Henrietta erweist sich als ebenso intelligent wie ehrgeizig, und doch schlägt sie sich an den sozialen Schranken, die ihr gesetzt werden, ein ums andere Mal den Kopf blutig. Sie möchte Medizin studieren und selbst forschen, doch man läßt sie nicht. Bei einem großen Kongreß mischt sich Henrietta in Männerkleidern unter die Besucher und beschließt, in dieser Verkleidung auch die Universität zu besuchen. Kluger folgt den Auf- und Abschwüngen dieser Versuche, einen gesellschaftlichen Platz zu finden, der nicht dem Geschlecht, sondern den Neigungen und Fähigkeiten der jungen Frau entspricht. Gebannt hastet der Leser hinterher durch die verborgenen Gänge der Charité, entlang der Seziertische, der Gruselkabinette voller anatomischer und biologischer Präparate, der Laborfluchten. Doch der Schwindel fliegt am Ende auf, Henrietta ist ihrer Zeit voraus und scheitert in ihrer Karriere ebenso wie in ihrer allein dem sozialen Aufstieg geschuldeten Ehe.

Mit gut gesetzten Strichen gelingen Kluger dabei auch Porträts der historischen Forscher-Koryphäen, die in ihrer wissenschaftlichen Neugier einem unaufhaltsamen Fortschrittsglauben huldigen und gleichzeitig unverbrüchlich an den Rollenvorstellungen der wilhelminischen Gesellschaft festhalten. Auf den ersten Blick präsentiert sich Klugers Geschichte in ihrem historischen Gewand als sozialkritischer Roman, erinnert in der Schilderung der Abenteuer seiner Heldin bisweilen an die panoramatischen Gesellschaftsromane von Dickens, Zola oder Balzac. Aber wir haben es nicht einfach mit einem weiblichen David Copperfield zu tun, der an den unüberwindlichen Standesgrenzen und Rollenmustern der Gründerjahre scheitert. Kluger ist ein auch erzähltechnisch äußerst raffinierter Autor, der sein formales Können schon in seinem umfangreichen Zooroman „Abwesende Tiere“ auf 1000 Seiten vorgeführt hat.

Er entfacht eben nicht einfach ein Kostümfestival, sondern spielt mit Perspektivwechseln, Zeitüberblendungen und sogar phantastischen Elementen, schaltet sich einmal in das Erleben der Figuren ein, um sich dann wieder auf die Außenansicht zurückzuziehen. Und der erfahrene Drehbuchautor, der er ist, erzeugt damit ein ungeheures Tempo. So wird Klugers überzeugender Roman selbst zu einem Mikroskop, unter dem im Gewimmel der Figuren plötzlich Sozialtypen, Sprachmilieus, gesellschaftliche Gepflogenheiten und Körperwahrnehmungen verschiedenster Art Kontur gewinnen – eine ganze Welt wird sichtbar, eine die untergegangen ist, und in deren fiebrigem Vorwärtsdrang wir uns heute doch wiedererkennen können. „Nie gesehene Wesen, beschwanzte und unbeschwanzte, dreihändige und hunderthändige, vieläugige und einäugige Wesen und solche, die überhaupt nur aus einem Auge bestanden, sie wimmelten miteinander, durchdrangen einander, flüchteten voreinander, sie strampelten und bissen um sich, sie lebten, sie waren gemein und pflanzten sich ungemein schnell fort, sie waren häßlich, sie waren schön.“
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Von Oliver Jahn, 19.09.2006