Sparte: Belletristik

Navid Kermani
Vierzig Leben

Buchbesprechung

Ein Buch über die Gott und die Welt – nicht mehr und nicht weniger als das hat der bekannte Islamwissenschaftler Navid Kermani mit seinen Vierzig Leben, einem Band von Kurz- und Kürzestgeschichten vorgelegt. Denn hier geht es nicht nur um die „Königsworte“ abendländischer Kultur und Religion, um zeitlose Werte wie Liebe und Vernunft, Glauben und Pflicht, Schönheit und Glück, Dichtung und Wahrheit, sondern ebenso sehr um orientalische Lebensweisheit und persische Mystik – und noch vieles mehr zwischen Himmel und Erde.

Kermanis Feuilletons, ursprünglich in der Frankfurter Rundschau erschienen und nun gesammelt veröffentlicht, verbinden Orient und Okzident ebenso selbstverständlich wie Komik und Verzweiflung, Menschliches und Heiliges. Der aus dem Iran stammende und in Deutschland aufgewachsene Autor stellt Korrespondenzen her zwischen Alltagsgeschichten, Allerweltsorten und Durchschnittsmenschen einerseits und Begriffen des Heiligen wie Demut, Güte, Trost und Offenbarung andererseits.

Solche Wörter nimmt Kermani beim Wort und befragt sie nach ihrem heute mehr denn je verborgenen Sinn. Jedem von ihnen widmet er einen eigenen Exempeltext, und alle tragen sie Überschriften nach dem Muster „Von der Hoffnung“, „ Von der Freiheit“ etc. Doch entgegen der damit aufgerufenen Traditionserwartung folgt dem kein philosophischer Diskurs, sondern Literatur en miniature von hohem poetischen Reiz. Kermani erkundet in seinen Miniaturen den Klangraum dieser ‚heiligen’ Worte inmitten kleiner, oft skurriler Alltagsgeschichten.

Seine Protagonisten glauben wir aus unserer multikulturellen Alltagswirklichkeit zu kennen: So begegnen wir hier der Nachbarin aus dem Vorderhaus und der Chatbekanntschaft LadyLilith, der jungen Frau aus Isfahan und dem Professor Ioannis Rigas, „der bekanntlich Philosophie in Berlin lehrt, jedoch wie alle Gerechten seine Heimatstadt Köln nicht verlassen mag und also das immer schwerere Los eines Bahn-Pendlers trägt“.

Kermanis Figuren bevölkern Allerweltsorte wie Köln-Nippes oder das „Belgische Viertel“ der Domstadt, sie tummeln sich als treue Fans des ewig abstiegsgefährdeten 1. FC Köln im Müngersdorfer Stadion oder verdingen sich sufische Literatur studierend in einem Hamburger Kiosk. Und genau an solchen Orten der Alltäglichkeit wie dem Elektromarkt, der Eckkneipe oder dem heimischen Eßtisch wird in Kermanis Geschichten auf einmal ein Hauch von Ewigkeit spürbar. In den unscheinbarsten und nebensächlichsten Begebenheiten und Ereignissen vermag Kermani plötzlich die wahre „Schönheit“ aufscheinen zu lassen, die große „Weisheit“ zu offenbaren oder aber die Kunst der „Versenkung“ anschaulich zu machen.

Das alles geschieht hier mit beiläufigem Witz , wenn beispielsweise in der Geschichte „Von der Neugier“ geschildert wird, wie ein gewisser Heiko Taylor „Stunden, nein Tage, ganze Wochen damit verbringen [kann], für sich oder einen beliebigen Bekannten einen Flug zu buchen“, was ihn schließlich eine enzyklopädische Abhandlung über die Geheimnisse der Flugbuchung verfassen lässt, unter dem Motto „Der Mensch ist ein Mensch, weil er anders ist als andere Menschen“ – und das natürlich, nachdem alle Reisen längst gemacht sind.

Verschrobene Schwärmer und suchende Zweifler, zögernde Idealisten und zupackende Sportsfreunde: Sie alle verbindet die Sehnsucht nach Glaube, Liebe, Hoffnung. Stets geht es irgendwie auch um Leben und Tod, aber in gänzlich undramatischer Form und denkbar lakonisch erzählt. Auf diese Weise werden die jeweils nur wenige Seiten langen Lebensausschnitte zum Exempel, stellen sie eines von Vierzig Leben wie unter dem Vergrößerungsglas dar, wird jede einzelne kleine Erzählung zu einer Art säkularisierter Heiligen-Vita, indem sie im Alltäglichen und Profanen unverhofft die letzten Dinge streift, das Heilige aufblitzen läßt.

Kermani ist mit seinen Vierzig Leben ein Buch gelungen, das klug und versponnen ist, traurig und komisch, leichtgewichtig, leicht und gewichtig. Zusammen gelesen ergeben diese selbständigen, nur lose verbundenen Erzählungen das Bild einer Welt, wie sie jeder von uns kennt und doch noch nie so gesehen hat – Erleuchtung garantiert!
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 19.04.2004