Sparte: Belletristik

Michael Kleeberg
Das Tier, das weint. Libanesisches Reisetagebuch

Buchbesprechung

Das Tier, das weint: Damit sind zum einen die vielen Katzen mit den traurigen, weil entzündeten Augen gemeint, die der für sein bildkräftiges und genau beobachtendes Erzählen bekannte Autor Michael Kleeberg – einmal durch seine kleine Tochter dafür sensibilisiert – auf den Straßen Beiruts sieht. Zum anderen spielt der Titel von Kleebergs „libanesischem Reisetagebuch“ aber auch auf Plinius’ gleichlautende Charakterisierung des Menschen als gefühlsbegabtes Wesen an.

Und dem entsprechend erfahren wir in diesem Buch nicht nur eine Menge über das Leben in Beirut, „der weißen Stadt“, und über die Menschen und Tiere, die sie bevölkern. Kleebergs Tagebuch über die vierwöchige Reise in den Libanon, die er im Frühjahr 2003 im Rahmen des literarischen Begegnungsprogramms West-östlicher Diwan unternommen hat, ist vielmehr eine sehr persönliche und zugleich sehr nachvollziehbare Reflexion über die gegenwärtige condition humaine im allgemeinen und über die des Schriftstellers im besonderen.

Die Grundlage der in diesem sehr anregenden, sich wunderbar leicht lesenden Reise-Buch versammelten Beobachtungen, Erinnerungen, Reflexionen, Abschweifungen und Anekdoten bildet die außergewöhnliche Bekanntschaft mit Abbas Beydoun (geb. 1945). Beydoun ist einer der bedeutendsten arabischen Dichter seiner Generation und als Feuilletonchef der libanesischen Tageszeitung As-Safir zugleich eine der wichtigen kritischen Stimmen unter den arabischen Journalisten. Ende 2002 war Beydoun für mehrere Wochen als „orientalischer Teil“ dieses westöstlichen Dichtertreffens auf Einladung des Wissenschaftskollegs in Berlin zu Gast und erlebte an der Seite von Michael Kleeberg als seinem Partner aus dem Okzident den Alltag, das Leben und das Denken deutscher Intellektueller.

Von der Fortführung dieser Freundschaft, von der Begegnung mit dem Anderen, der fremden Beiruter Welt, die zugleich einen offeneren Blick auf das Eigene ermöglicht und die Kleeberg auch einen veränderten Zugang zu sich selbst eröffnet, handelt dieses lebendige und facettenreiche Reise- und Erfahrungsdokument. Es enthält ungeheuer anschauliche und einfühlsame Porträts von Kleebergs Beiruter Gefährten und vermittelt einen lebhaften Eindruck von den Gesprächen in dieser faszinierenden „république des lettres“. Als Leser hat man das Gefühl, unmittelbar dabei zu sein, wenn der deutsche und die arabischen Autoren einander ohne jegliche Verständigungsschwierigkeiten auf dem gemeinsamen Terrain abendländischer Philosophie, Literatur und Musik begegnen.

Sehr persönliche Gedanken, mit dem Blick für das signifikante Detail erzählte Alltagserfahrungen und kleine familiäre Impressionen stehen hier gleichberechtigt neben Kleebergs Auseinandersetzung mit seinem Selbstverständnis als Autor und den großen Fragen – den poetologischen wie den ethischen. Kaleidoskopartig setzt sich daraus ein Bild von der ästhetischen Produktivität der sowohl geographischen als auch kulturellen Grenzüberschreitung des Reisenden Kleeberg zusammen.

Eine Vielzahl von wunderbaren Szenen, von denen viele selbst schon wieder Stoff für einen neuen literarischen Text zu bergen scheinen, lässt Kleeberg in dieser häufig assoziativ gereihten Sammlung von Notizen, Überlegungen und Erinnerungen wiedererstehen: Besonders im Gedächtnis bleibt die Geschichte des deutsch-libanesischen Ehepaars Ursula und Jussuf Assaf, das während des viele Jahre andauernden Bürgerkriegs Tag für Tag sein Leben riskiert hat, nur um die Pforten des verwaisten Beiruter Goethe Instituts für einige unverdrossene Deutsch-Studierende zu öffnen. Es ist die Geschichte einer „in den Bränden des Krieges geschmiedeten Liebe“.

Immer wieder sind es die Menschen, denen er begegnet, und ihre je eigenen Erfahrungen in den Zeiten des Krieges, die Kleeberg beeindrucken und die er mit großer Sensibilität erzählend zu eigenem Leben erweckt. Und es sind wiederum diese mal heiteren, mal traurigen, immer aber lebensweisen Anekdoten, die den Leser mitnehmen auf diese Reise auf dem „über die Kulturen und Sprachen fliegenden Teppich“ hinein in die fremd-vertraute Welt des Nahen Ostens.

Kleeberg selbst lauscht all jenen Lebens-Geschichten, die ihm während seiner Beiruter Wochen berichtet werden, begierig und immer mit einem feinen, „jagdhundhaften“ Gespür für den „Stoff“, den er schon bei seinem „Zuhören auf mehreren Ebenen“ auf „Bilder, Handlungsstränge, Erzählkonzepte, Perspektiven, Plots, Tonarten“ hin befragt.

Doch wenn die Mythenbildung und die unwillkürliche Suche nach mythologischen Vorbildern ihn beim erinnernden Erzählen allzu sehr mitzureißen drohen, ist es der Rat Elias Canettis, eines der großen Reisenden und Schreibenden vor ihm, mit dem er sich selbst auf den Boden der erlebten oder gehörten Realität zurückholt: „Am besten bricht man die Niederschrift der Reiseaufzeichnungen dort ab, wo ihre Verlockung zu einem neuen Werk dringlich zu werden beginnt.“ Man darf also gespannt sein auf die Werke, zu denen die west-östlichen Erlebnisse und Erfahrungen den Autor in Zukunft noch verlocken werden!
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 27.07.2004