Sparte: Belletristik

Feridun Zaimoglu
Zwölf Gramm Glück

Erzählung

Buchbesprechung

Zwölf Gramm Glück – das scheint zunächst nicht eben viel zu sein und doch reicht diese kleine Menge aus, um daraus zwölf wundervolle Geschichten über die Liebe zu gewinnen, über ihr Gelingen und ihr Scheitern, über ihre verschiedenen Spielarten und unterschiedliche Lebensdauer. Denn vom kleinen Glück, das oft so schwer zu erhaschen ist, so flüchtig und leicht und doch so groß, wenn man es denn endlich findet, handeln die zwölf Erzählungen, die Feridun Zaimoglu in seinem neuesten Buch Zwölf Gramm Glück versammelt.

Die ersten sieben Erzählungen sind im „Diesseits“ angesiedelt, die letzten fünf im „Jenseits“, wobei diese Einteilung weniger transzendental zu verstehen ist als räumlich: Die Geschichten des ersten Teils spielen sich in der Alltagswirklichkeit deutscher Großstädte wie Hamburg und Berlin ab; die des zweiten Teils an namenlosen meist dörflich-archaisch wirkenden Orten in Anatolien, von wo Zaimoglu vor mehr als dreißig Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland ausgewandert ist. In den Geschichten selbst ist eine so klare Unterscheidung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Okzident und Orient jedoch keineswegs gegeben.

Im Gegenteil: Weder die moderne kapitalisierte Welt des Westens noch die traditionsgesättigte und elementare Welt im Osten mit ihren Riten und religiösen Bindungen vermag noch Erlösung zu versprechen. Und auch das Personal der Geschichten lässt sich diesen beiden Welten nicht mehr eindeutig zuordnen, vielmehr geht es gerade um die Überschreitung der Grenze, die die Zweiteilung des Buches an der Oberfläche markiert: In vielen der ‚diesseitigen’ Geschichten stehen türkische Einwanderer im Zentrum; und andersherum wird im ‚jenseitigen’ Teil gerade das für alle Beteiligten Verwirrung stiftende Eintreffen von westlichen Eindringlingen, von „Auswärtigen“, in der geschlossenen Welt ungebrochener religiöser und sozialer Strukturen thematisiert.

Alle sind sie Glückssucher, mehr oder weniger erfolgreiche Liebes- und Lebenskünstler auf der Jagd nach dem erfüllten Augenblick – der Unterschied ist nur, dass sie diesen an verschiedenen Orten und auf verschiedenen Wegen zu finden suchen: in der religiösen Entsagung, in gewalttätigen Phantasien, im Sex oder in der schicksalhaften Begegnung mit einer verwandten Seele.

Der fremde und verfremdende Blick des Erzählers, der zu keiner der Welten auf beiden Seiten der Grenze ganz zu gehören scheint, verleiht all diesen Geschichten ihre besondere Sogwirkung, ihre Intensität und elementare Kraft. Durch detailgenaue Beobachtung gepaart mit ungewöhnlichen, den Blick schärfenden Bildern entwirft Zaimoglu ein teils heiteres und unterhaltsames, teils beklemmendes und aufwühlendes, stets jedoch sehr wieder erkennbares Bild von unserer heutigen Welt: Er erzählt von religiösen Heilssuchern und muslimischen Kopftuchträgerinnen ebenso wie von vergewaltigten Frauen, verhinderten Künstlern und geretteten Selbstmordkandidaten.

Das zentrale Thema dieses Bandes aber ist und bleibt die Liebe – und diese ist ein seltsames Spiel, bei dem man aber durchaus ein bisschen nachhelfen kann. Auf sehr vergnügliche Weise demonstriert das zum Beispiel die im deutsch-türkischen Milieu Kreuzbergs angesiedelte Erzählung „Gottesanrufung I“, in der der Erzähler sich erfolglos dagegen sträubt, als Liebesbrief-Ghostwriter – und das auch noch im Namen einer mit den Männern spielenden Frau – angeheuert zu werden.

Die Liebe kann aber auch eine Handelsware sein wie in der letzten Erzählung „Ein Liebesdienst“. Ein Strichjunge in einem heruntergekommenen Touristennest bietet sich einer deutschen Urlauberin an, die ihn zunächst abweist, am Abend dann aber doch zu ihm kommt. Sie will jedoch keinen Sex. Der Liebesdienst, für den sie ihn gegen seinen Willen bezahlt, besteht vielmehr darin, dass er ihr, die „ein Schlafproblem“ hat, die Nacht über eine Geschichte erzählt, und zwar eine unglückliche Liebesgeschichte, die ihrer eigenen, ohne dass sie dies bemerkt, erstaunlich ähnelt…

Mit dieser sehr passenden selbstreflexiven Wendung also endet dieses Buch, das selbst jene illusionsstiftende Kraft besitzt, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aufzuheben und den Leser in eine seltsam fremd-vertraute Welt zu entführen. Wie Zaimoglus frühere Bücher zeichnet sich auch Zwölf Gramm Glück durch ein sehr sinnliches Verhältnis zur Sprache aus, die mal heftig und wortgewaltig, mal zart und tastend die erzählten Welten und ihre Figuren plastisch werden lässt. So fügen sich diese zwölf Geschichten zu einer ganz eigenen Melodie aus Sprache und erzählerischem Rhythmus zusammen, die einem nach der Lektüre noch lange im Ohr bleibt – ein literarischer Glücksfall!
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 19.04.2004