Sparte: Belletristik

Wulf Kirsten
Erdlebenbilder. Gedichte aus fünfzig Jahren 1954-2004. Mit einem Nachwort von Eberhard Haufe

Buchbesprechung

Walter Benjamin unterscheidet zwei Idealtypen von Erzählern: Einmal die seßhaften Ackerbauern, welche die Nähe verkörpern; und einmal die weit reisenden Seeleute, die für die Ferne stehen. Ein echter Erzähler – so Benjamin weiter – sei einer, der diese beiden Idealtypen in sich vereine. Und Wulf Kirsten ist ein solcher, auch wenn sein Metier nicht die Erzählung ist, sondern die Lyrik. Denn seine Dichtung wird vom Erfahrungsschatz der Nähe ebenso geprägt wie von dem der Ferne.

Was die Ferne angeht, so hat der 1934 in Klipphausen geborene Sachse schon immer gerne Reisen unternommen, naturgemäß vor allem in die östlichen Nachbarländer wie Tschechien, Polen und Rumänien. Dort hat er nicht nur die Landschaft erkundet, sondern auch die Menschen und ihre Geschichten kennengelernt. Aus solchen Reisen sind Bilder und Erinnerungen entstanden, die im Laufe der Zeit immer wieder Eingang in seine poetische Welt gefunden haben.

„der traurige schlossermeister. Lorica. Saftas blühendes leben. die verlassene herberge. der friedhofspfad. der ochsenwagen. aus dem brunnen von Brebu getrunken. die wie strohbündel auf den berg hingestreuten häuser von Moineşti koloriert. der aufstand, im blute von elftausend niedergemetzelten bauern erstickt. der wäscherin bleischweres weiß. flauschige blumensträuße, glänzend wie email, in rumänischen krügen“, heißt es in Luchian (1973), einem Prosagedicht, das Landschaften und Ereignisse in Rumänien zum Thema hat. Angeregt wurde Kirsten wohl von entsprechenden Gemälden des rumänischen Malers Stefan Luchian (1868 – 1916), dessen Namen dieses Gedicht trägt.

Interessanterweise geht es hier nicht allein um die Landschaft und historische Ereignisse aus dem fernen Land, sondern auch um die Maltechnik der beschriebenen Gemälde, welche die Stimmung im Detail zu erfassen sucht: „der pastellmaler hält den silbergrauen dunst fest, der im dämmerlicht aus den weiden von Chiajna aufsteigt. vibrierende farbflecke, in sonne getaucht. grüne nuancen. glühende sternbilder, die aufschrein vor qual. die leidfärbung im kalligraphisch gespachtelten farbregister wie ein unbändig aufzuckender laubrausch, der alles mit sich reißt und unter sich begräbt.“ Das Ich im Text betrachtet also Luchians Gemälde, die die Landschaft in Rumänien ebenso wie beeindruckende aber auch erschütternde historische Ereignisse abbilden, und gibt diese wieder, indem es die Technik des Malers übernimmt und statt mit Farben mit sprachlichen Mitteln umsetzt.

Was der Seemann Kirsten bei der Maltechnik des Pastellmalers Luchian vorfindet, ist in der Tat dasselbe Verfahren, dessen sich auch der seßhafte Ackerbauer Kirsten bei den lyrischen Darstellungen seiner Heimat bedient. Wenn er die Lebenswelt der Bauern und Handwerker seiner ostelbischen Heimat zur poetischen Welt macht, dann sucht er in seinen Gedichten nichts anderes, als sie durch Worte entstehen zu lassen, wie es in den letzten beiden Strophen seines als programmatisch anzusehenden Gedichts satzanfang (1967) heißt:

[...]
inständig benennen: die leute vom dorf,
ihre ausdauer, ihre werktagsgeduld.
aus wortfiguren standbilder setzen
einer dynastie von feldbestellern
ohne resonanznamen.

den redefluß hinab im widerschein
die hafergelben flanken
meines gelobten lands.
seine rauhe, rissige erde
nehme ich ins wort.

Das Benennen, das Ins-Wort-Nehmen, ist somit ein zentrales poetologisches Anliegen dieses Dichters. Beim Lesen von Kirstens Gedichten entsteht zudem der Eindruck, daß nicht nur das zuvor beschriebene Verfahren der Wirklichkeitserfassung, sondern auch die Sichtweise des Dichters jener eines Malers sehr ähnlich ist, denn das lyrische Ich in Kirstens Gedichten geht oft vom optischen Eindruck aus. Man lese etwa mietshaus am sonntag (1977) oder die schaukel (1990). Was Kirstens Gedichte auszeichnet, ist vor allem die Genauigkeit der Anschauung, die – wie er selbst sagt – „eine entscheidende Voraussetzung für eine möglichst konkrete, naturgetreue Wiedergabe einer Landschaft“ darstellt.

Daß der Sammelband seiner Gedichte aus den letzten fünfzig Jahren, der in diesem Jahr zu seinem 70. Geburtstag beim Züricher Ammann Verlag erschienen ist, den Titel erdlebenbilder trägt, ist daher durchaus programmatisch zu verstehen. Denn Wulf Kirsten ist eben auch ein Maler, nur malt er eben mit Worten, und zwar häufig mit solchen, die aus einer längst vergangenen oder vergessenen Welt zu stammen scheinen, wie „hundskamille und gundermann“, „spelzige spreu“ und „kombinefahrer“. Insofern haben auch die sprachlichen Gemälde Kirstens eine Funktion ähnlich der Malerei: nämlich das Konservieren. In seinen Gedichten werden Wörter aber nicht nur bewahrt, sondern in ihren einzigartigen Konstellationen sogar wieder zum Leben erweckt.

Die Landschaft seiner Heimat sowie deren Menschen sind Ausgangs- und Mittelpunkt des literarischen Schaffens dieses Heimat-Dichters. Gedichte wie die erde bei Meißen oder sieben sätze über meine dörfer bezeugen dies. Allerdings ist das idyllische Besingen oder Bedichten seine Sache nicht. Das Stilmittel der Benennung und der Reihung hat insofern nicht die magische Beschwörung der Landschaft zum Ziel, sondern die möglichst genaue Bezeichnung von Inhalten. Denn sein „gelobtes Land“ ist eine „rauhe, rissige erde“ und ein „ödland“ geworden, „wo nichts wächst, was der landwirtschaft nutzen abwirft“, und das zudem voll von „stillgelegte[n] kiesgruben“ ist, „in denen die natur freie hand hat“, und wo statt des einst „fruchtbaren ackerland[s]“ nur noch „das wüste riff“ zu sehen ist.

Kirstens Landschaftslyrik beschwört also keine heile Welt jenseits des Zivilisatorisch-Geschichtlichen und ist alles andere als eskapistisch. Vielmehr reiht er sich ein in die Tradition jener kritischen Naturlyriker wie Peter Huchel, Günter Eich und Johannes Bobrowski, die das traditionelle Konzept von Naturpoesie in Frage stellen und das Schuldig-Werden an der Natur zum Thema machen, indem sie gerade die Zerstörung der Natur in ihre Gedichte einbeziehen. Ebenso wie diese Vorbilder und Weggefährten präsentiert sich Kirsten als Chronist, der nicht nur die langsam aussterbende Welt seiner Kindheit zu erinnern und in der Poesie zu bewahren sucht, sondern zugleich deren Verlust beklagt.

Fünfzig Jahre sind eine lange Zeit, auch und gerade für das Entstehen eines literarischen Œuvres. Der Sammelband erdlebenbilder, der gut 250 ausgewählte Gedichte aus dieser Zeitspanne umfaßt, dokumentiert auf der einen Seite die formale und thematische Entwicklung dieses Dichters, belegt auf der anderen Seite aber auch seine Konstanz und Entschlossenheit, sich selbst treu zu bleiben. Und auf diese Weise hat Kirsten nicht nur seine heimische ebenso wie manche ferne Landschaft dichtend ermalt und ihr damit ein Denkmal gesetzt, sondern auch sich selbst.
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Von Chalit Durongphan, 19.10.2004