Sparte: Belletristik

Uwe Timm
Am Beispiel meines Bruders

Buchbesprechung

Ein Tagebuch, ein paar Feldpostbriefe, ein Kamm, eine Tube Zahnpasta, ein Päckchen Tabak und das Eiserne Kreuz – das ist alles, worin sein sechzehn Jahre älterer Bruder Karl-Heinz für Uwe Timm jahrzehntelang greifbar war. Diese banalen Gegenstände bilden für den erfolgreichen Autor und leidenschaftlichen Erzähler Timm den Ausgangspunkt einer Recherche nach dem verlorenen Bruder.

Freiwillig hatte sich Timms Bruder im Dezember 1942 zur SS-Totenkopfdivision gemeldet. Er hatte an der deutschen Offensive bei Kursk in der Ukraine teilgenommen und war dort im Oktober 1943 im Alter von neunzehn Jahren gestorben, nachdem ihm zuvor bereits beide Beine amputiert worden waren. Von diesem viel zu kurzen Leben und dem entsprechend langen Fortleben des Bruders im verklärenden Familiengedenken erzählt Timm in seinem jüngsten Buch Am Beispiel meines Bruders. Er fragt nach den Motiven des Bruders, sich zu dieser Eliteeinheit der Nazis zu melden und nach den Familienwerten und -strukturen, die diesen Schritt wenn nicht befördert so doch möglich gemacht haben.

Am Beispiel seines Bruders spürt Timm damit Fragen nach, die für viele deutsche Familien seit dem Zweiten Weltkrieg zentral sind und gerade deswegen so oft totgeschwiegen werden. Oder aber – und das stellt Timm zurecht als ebenso gängige Gegenstrategie heraus – die unfassbaren Ereignisse und Verstrickungen der eigenen Familienmitglieder wurden immer und immer wieder erzählt, „was das ursprüngliche Entsetzen langsam abschliff, das Erlebte fassbar und schließlich unterhaltend machte“.

Die deutsche Vergangenheit ist für Timm nichts Abstraktes, sondern Teil der eigenen Geschichte, nämlich der Familiengeschichte, und damit auch der eigenen Gegenwart: Sich ihr „schreibend anzunähern, ist der Versuch, das bloß Behaltene in Erinnerung aufzulösen, sich neu zu finden.“ Familienrecherche und Selbstbegegnung verschmelzen also in Timms genau sezierender Rekonstruktion der Bruderfigur.

Schon mehrfach hat Timm versucht, über seinen Bruder zu schreiben, hat immer wieder angefangen, dessen Briefe und Tagebuchnotizen zu lesen, und jedes Mal die Lektüre abbrechen müssen. Ein „ängstliches Zurückweichen“ wie er es als Kind gegenüber dem Märchen von König Blaubart empfunden hatte, das er erst als Erwachsener zu Ende lesen konnte. Möglich wurde diese schreibende Annäherung an den blinden Fleck in der innerfamiliären Überlieferung jedoch erst nach dem Tod der Eltern und der Schwester. Da erst war er „frei, über ihn zu schreiben, und frei meint, alle Fragen stellen zu können, auf nichts, auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen“.

Der große Bruder, der nie da, „in seiner Abwesenheit aber immer präsent war“ und dem kleinen Uwe stets als „das Vorbild“ vorgehalten wurde, gewinnt im Prozeß des Schreibens Konturen. Ausgehend von den wenigen erhaltenen Briefen und dem Tagebuch, den wenigen Stellen also, aus denen Karl-Heinz in erschreckend knapper, emotionsloser Form selbst spricht, setzt Timm nach und nach ein Psychogramm des großen Bruders zusammen. Ein sensibler, verträumter Junge muß er gewesen sein, der voller Idealismus in den Krieg gezogen ist. Zugleich ist er aber auch der Verfasser der leitmotivisch wiederkehrenden, vollkommen inhuman erscheinenden Tagebuchnotiz: „Brückenkopf über den Donez. 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein MG.“

Ein große Qualität von Timms kurzem Prosastück liegt genau darin, dass er derartige Widersprüche und Unfassbarkeiten nicht auflöst oder nachträglich harmonisiert. Im Gegenteil zeugt der collageartige Text aus Erinnerungsbildern, Träumen, Kindheitsanekdoten, Gehörtem und Erlebten und Meta-Reflexionen über den Prozeß des Erinnerns und des Schreibens von dem Ringen des Erzählers mit seinem Stoff. Auf diese Weise enthüllt bereits die Textur des Erinnerungsbuches die Widersprüche und Diskontinuitäten dieses schmerzhaften Heranschreibens an den zwar zeitlich fernen, aber emotional sehr nahe gehenden Erzählgegenstand. Denn hinter allem steht unausgesprochen immer auch die Frage, was das Erzählte mit dem Erzähler selbst zu tun hat.

In den Mittelpunkt der Recherche rückt daher immer mehr der Vater, der bereits im Ersten Weltkrieg gekämpft hat und bis zu seinem frühen Tod von soldatischem Denken geprägt bleibt. Es geht dabei jedoch nicht um die Abrechnung mit der Vätergeneration, sondern um eine möglichst vorurteilsfreie Annäherung an diese in vielen Punkten fremd gebliebene Vaterfigur. Die bloße Anklage wird hier durch das Bemühen um Verständnis ersetzt, was aber nicht heißt, dass Timm die Frage nach Schuld und Verantwortung nicht stellen würde.

Im Gegenteil richtet er einen schonungslosen Blick auf die Verdrängungsmechanismen innerhalb der eigenen Familie. Auf diese Weise demontiert er auch die sorgsam gepflegte Familienlegende, jedoch – und das ist die große Leistung dieses durch und durch humanen Buches – ohne zu einer gnadenlosen Abrechnung mit der Elterngeneration zu werden. Timm entschuldigt nichts, aber er verurteilt den Vater auch nicht, ebenso wenig wie den Bruder. Vielmehr versucht er zu zeigen, wie bei beiden „aus dem Alltäglichen […] das Schreckliche erwachsen“ ist.

Gerade durch Timms radikal persönliche Sichtweise wird auch der Leser in diese individuelle Auseinandersetzung mit der historischen Verantwortung hineingezogen. Timm wird so nicht nur zum Chronisten der eigenen Familientragödie, sondern die vielen kleinen Momentaufnahmen seines weitgehend dokumentarischen Berichts liefern zugleich eine Gefühlsgeschichte des ganzen deutschen 20. Jahrhunderts. Am Beispiel meines Bruders ist ein bewegendes Dokument, das sich mit äußerster Konsequenz der Erkenntnis stellt, dass man seiner Geschichte nicht entkommen kann, sondern sie annehmen muß.

Selten ist das immer noch heikelste aller deutschen Themen – die Frage nach der Verstrickung von Angehörigen der eigenen Familie in den Nationalsozialismus – so persönlich und doch diskret, so lakonisch und zugleich anrührend behandelt worden. Der Verzicht des Erzählers auf alles Manifesthafte oder Sensationelle beeindruckt ebenso wie seine Courage, Verschwiegenes einzukreisen und ans Licht zu holen, aus einer Haltung heraus, die weder anklagt noch beschönigt. Am Beispiel meines Bruders ist ein Exempel dafür, wie die sogenannte Vergangenheitsbewältigung aus dem Klischee heraustreten und zur literarischen Kunstform werden kann.
Anne-Bitt Gerecke

Von Anne-Bitt Gerecke, 19.01.2004