Sparte: Sachbuch

Peter Wien
René Wildangel
Gerhard Höpp
Blind für die Geschichte? Arabische Begegnungen mit dem Nationalsozialismus

Buchbesprechung

Der Sammelband des Zentrums Moderner Orient (ZMO) umfasst zehn Beiträge, die von unterschiedlichen Fragestellungen ausgehend das komplizierte aber oft vereinfacht dargestellte Verhältnis arabischer Länder zum Nationalsozialismus diskutieren. Die Mehrzahl der Arbeiten richtet ihr Augenmerk auf die Haltung der Öffentlichkeit verschiedener arabischer Länder zur Nazi-Ideologie und zum Faschismus während der dreißiger und vierziger Jahre und auf deren aktive Rolle während der Kriegshandlungen. Aber auch die nach wie vor aktuelle Instrumentalisierung historischer Erfahrungen in der palästinensisch-israelischen Auseinandersetzung und in einzelnen Ländern der arabischen Welt ist Gegenstand einiger Arbeiten.

Im Nachwort, das zugleich ein Nachruf auf Gerhard Höpp ist, wird dieser mit dem folgenden Satz zitiert: “Wir wissen längst, dass das Leben reichhaltiger und komplizierter war und ist - was uns den Umgang mit ihm keineswegs leichter macht.” Genau dieser Erkenntnis trägt der Band “Blind für die Geschichte?” Rechnung, indem er deutlich macht , dass es die Haltung “der Araber” nicht gab und gibt, sondern dass in den verschiedenen Ländern ganz unterschiedliche Reaktionen auf die Ideologie und den Krieg der Nationalsozialisten zu finden sind. Die weit verbreitete Überzeugung, die Araber hätten gemäß dem Prinzip “Der Feind meines Feindes ist mein Freund” mit den Nazis sympathisiert, lässt sich bei genauerer Betrachtung nicht bestätigen.

Der israelische Nahost-Historiker Israel Gershoni untersucht in seinem Beitrag die Situation in Ägypten zu Beginn der dreißiger Jahre: Insbesondere die auflagenstarke Zeitschrift “Al-Hilal”, ein Organ der Intellektuellen und städtischen gebildeten Mittelschicht, wies schon früh und äußerst besorgt auf die totalitären Strukturen in Deutschland hin und lehnte jede Art rassischer Diskriminierung entschieden ab.

Selbst in Palästina lassen sich kritische Stimmen finden, wenn auch nicht in der überzeugenden Lautstärke Al-Hilals. Peter Wien zeigt, dass es auch in Palästinas Öffentlichkeit nazikritische Haltungen gab. Allerdings wurden diese bislang kaum hinter dem Schatten von Amin Al-Husaini, dem Großmufti von Jerusalem und Freund der Nationalsozialisten, wahrgenommen.

Die Wissenschaftler aus Deutschland, Israel und Marokko, deren Arbeiten das Buch enthält, haben in ihren Einzelstudien die Vielfalt der arabischen Welt herausgearbeitet. Nicht nur lassen sich nationale Unterschiede feststellen, sondern selbstverständlich wurden auch innerhalb der jeweiligen nationalen Gemeinschaft der Antisemitismus und die Kriegshaltung gegen die Alliierten unterschiedlich beurteilt. Da solche Analysen nur auf der Grundlage intensiven Quellenstudiums möglich sind, die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus wegen seiner unmittelbaren Verbindung mit der Ermordung der europäischen Juden in der arabischen Welt aber nie im Zentrum der Aufmerksamkeit stand, sind solche Untersuchungen bislang kaum zu finden.

Gerhard Höpp belegt in seiner Untersuchung zudem detailgenau, dass in den Lagern der Nazis auch Araber gefangen und getötet wurden. Zwar ist die Zahl dieser Opfer vergleichsweise niedrig, aber jedes einzelne, namentlich genannte Opfer dementiert nachdrücklich die in arabischen Ländern nicht selten gehörte Holocaust-Leugnung. Von der rassistischen Behandlung in deutschen Kriegsgefangenenlagern konnten auch die maghrebinischen Soldaten berichten, die in der französischen Armee gekämpft hatten und in Gefangenschaft geraten waren.

Nur zwei der Arbeiten untersuchen die Auswirkungen von Krieg und Judenvernichtung und deren unmittelbarer Folgen auf identitätsstiftende Merkmale in der Region und ihre ideologische Instrumentalisierbarkeit im israelisch-arabischen Konflikt hin. Karin Joggerst geht der Bedeutung von Shoa und Nakba als nationale Katastrophen für jüdische Israelis und Palästinenser nach und zeigt, wie die gezielte Erinnerungspolitik beider Seiten die Grundlage für den fortwährenden Konflikt bildet. Und auch die Arbeit von Götz Nordbruch über die aktuellen Debatten zum Nationalsozialismus in Ägypten lässt die Hoffnung auf eine friedliche Lösung nicht gerade steigen.

Dieser Band ist eine gut lesbare Sammlung wichtiger Aufsätze zu einem Thema, das in der arabischen Welt viel zu lange als Tabu galt oder aber für ideologische Zwecke missbraucht wurde. Die Nutzung arabischer Originalquellen ermöglicht erstmals einen authentischen Zugang zu historischen Fakten und fordert zu weiteren Forschungen und Debatten auf.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.12.2005