Sparte: Sachbuch

Michael Hagner
Geniale Gehirne. Zur Geschichte der Elitegehirnforschung

Sachbuch

Buchbesprechung

Mit seinem wissenschaftshistorischen Buch über die Erforschung von Gehirnen herausragender Persönlichkeiten legt Michael Hagner eine detailreiche und zugleich gut verständliche Studie zu diesem seit Jahrhunderten virulenten Thema vor. Mehr noch als um die bloße Darstellung der Forschungsentwicklung geht es ihm offenbar darum, die Verbindungen zwischen wissenschaftlicher Forschung und den damit verbundenen gesellschaftspolitischen Zielen aufzuzeigen.

Hagner stellt in seinem spannend geschriebenen Buch keineswegs in Frage, dass die Wissenschaftler der verschiedenen Epochen ihre Untersuchungen aus einem genuin wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse heraus durchführten. Es gelingt Hagner deutlich zu machen, in welcher Weise die Ergebnisse dieser Forschungen oft genug als wissenschaftliche Fundierung für diskriminierende Rassen- und Geschlechtertheorien missbraucht wurden, und das obwohl die meisten der dargestellten Methoden und Schlußfolgerungen aus heutiger Sicht reichlich abwegig erscheinen. Welche Forschungen zu welchem historischen Zeitpunkt und mit welcher Zielsetzung vorangetrieben wurde, ist die eigentliche Frage, die hinter diesem Buch steht.

Ihr explizites Interesse am Gehirn entfaltet die Wissenschaft zum Ende des 18. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der man den Zusammenhang zwischen Gehirn und Intelligenz genauer zu entdecken begann. Hagner beschreibt die verschiedenen Forschungsansätze seit dieser Zeit ausführlich, ohne dabei zu sehr ins wissenschaftliche Detail zu gehen und damit zu riskieren, dass Nicht-Mediziner die Lektüre aufgeben. Stets behält er den jeweiligen gesellschaftlichen Kontext im Auge und beschränkt sich dabei nicht auf Deutschland, sondern bezieht auch andere europäische Länder ein.

Wenn das besondere Augenmerk der Forscher zunächst auf den Schädel und nicht so sehr auf dessen Inhalt gerichtet ist, ist dies vor allem in dem ethischen Tabu begründet, die Köpfe Verstorbener zu öffnen und deren Hirne zu sezieren. Zudem war man damals der Überzeugung, dass sich das Gehirn ohnehin deutlich in der inneren und äußeren Form des Schädels abzeichne. Durch die genaue Vermessung und maßstabsgetreue Darstellung der Schädel meinte man belegen zu können, dass individuelle äußere Merkmale wie Kopfumfang, Stirnbreite oder -höhe Indizien für besondere Intelligenz oder gar Genialität seien.

Die Phrenologie ging noch einen Schritt weiter und legte eine ganze Liste psychischer Eigenschaften und Fähigkeiten vor, deren individuelle Ausprägung an der Ausformung bestimmter Schädelpartien abzulesen sei. Hierzu gehörten unter anderem der "Geschlechtstrieb" in der Nackenpartie, der "Tatsachensinn" hinter der Stirn oder die Fähigkeit zur "Ehrerbietung" genau in der Mitte des Oberkopfes.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlagerte sich das Interesse aber mehr und mehr auf die Untersuchung des Gehirns selbst. Allerdings waren dem medizinischen Erkenntnisdrang noch immer enge Grenzen gesetzt, denn die Sektion von Gelehrtengehirnen war weiterhin unter ethischen Gesichtspunkten nicht unproblematisch. Zwar durften die Hirne von Geisteskranken und Selbstmördern untersucht und auch seziert werden, die Köpfe berühmter Persönlichkeiten aber sollten unversehrt bestattet werden. Um dieses Hindernis zu überwinden, gründeten Wissenschaftler in Frankreich eine Forschungsvereinigung und stellten ihre eigenen Gehirne – nach ihrem Tod – der medizinischen Forschung zur Verfügung. Etwas irreführend nannten sie diesen Bund "autopsie mutuelle" – wechselseitige Autopsie.

Auf der Grundlage der exakten Kartierung der Hirnwindungen versuchte man mit Hilfe von vergleichenden Studien Merkmale zu isolieren, anhand derer man Genie, Wahnsinn oder auch einen besonderen Hang zu kriminellem Verhalten ablesen zu können meinte. Häufig brachte man dabei auch alle drei Eigenschaften miteinander in Verbindung. Die von dem Italiener Cesare Lombroso begründete Kriminalanthropologie ging nicht nur davon aus, dass man die oben genannten Eigenschaften am Gehirn eindeutig "ablesen" könne, sondern auch davon, dass bestimmte menschliche "Rassen" durch jeweils für sie charakteristische Eigenschaften zu klassifizieren seien. Nicht ohne Amusement erwähnt Hagner, dass Lombrosos eigenes Gehirn nach dessen Tod untersucht wurde und eben jene Merkmale aufwies, die seiner eigenen Theorie zufolge den Schwerverbrecher kennzeichnen.

Die Untersuchung der Hirnrinden, deren unterschiedlicher Strukturen, Zelldichten etc. waren der nächste große Schritt, mit dem man hoffte, das Gehirn und seine Funktionsweise entschlüsseln zu können. Entsprach das Gehirn eines außergewöhnlichen Menschen den Erwartungen der Forscher, so galt ihnen dies als Beweis für ihre Annahmen; war dies nicht der Fall, so war das Genie eben die berühmte Ausnahme von der Regel oder galt gar als degenerierte Form des Normalen.

Bis zur Hälfte des 20. Jahrhunderts überwog in der Gehirnforschung ein, wie Hagner es nennt, "organizistischer" Ansatz, der dann zwischen den vierziger und den achtziger Jahren von einem "technizistischen" abgelöst wurde. Als Modell für die Funktionsweise des Gehirns galt nun die neue Erfindung "Computer", und menschliches Denken wurde in schaltkreisähnlichen Schemata abgebildet. Folgt man diesem Modell konsequent, so gelangt man zwangsläufig zu der Frage, ob der Mensch ein selbstbestimmtes Wesen ist oder ob auch er seine Impulse von außen erhält wie der Computer.

Letztlich, so bemerkt der Autor resümierend, ist davon auszugehen, dass es "kein einziges Gehirn im Glas geben wird, wenn es darum geht, die Ursache für eine besondere Begabung an einer umschriebenen Stelle im Gehirn zu suchen". Und auch die fortgeschrittensten technischen Möglichkeiten, über die die Neurowissenschaften heute verfügen, können nicht nachweisen, warum besonders leistungsstarke Gehirne so besonders gut funktionieren. Wenn man heute mit Hilfe von Computertomographen erhöhte Hirnaktivitäten beim Ausführen unterschiedlicher Tätigkeiten lokalisieren kann, so bedeutet das im Prinzip nur, dass man weiß, wo das Gehirn gerade arbeitet, aber noch immer nicht, wie. Auch wenn diese Form der "Cyber-Phrenologie" höchst spannend und aufschlußreich erscheint, darf man auch dabei die entscheidende Frage nicht außer Acht lassen: Mit welchem Ziel wird hier geforscht?
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.08.2005