Sparte: Sachbuch

Stefan Weidner
Mohammedanische Versuchungen

Buchbesprechung

Eine Beschreibung des Buches von Stefan Weidner fällt deshalb schwer, weil es sich in keines der gewohnten Genres einordnen lässt. Es ist von vielem etwas und dazu ein höchst subjektives Buch über Kulturen und Religionen, dessen Subjektivität aber auf dem breiten Fundament einer profunden Kenntnis desjenigen kulturellen und religiösen Raumes ruht, der im Westen oft grob vereinfachend als “arabische Welt” bezeichnet wird.

Weidner lässt den Leser an seinen vielfältigen Erkundungen islamischer Lebenswelten teilhaben, die er als Siebzehnjähriger mit einer Rucksackreise nach Algerien und Tunesien begonnen und später in unterschiedlichsten Formen zu seinem Beruf gemacht hat. Der in großen Teilen der arabischen Welt sehr anerkannte Arabist und Übersetzer verwendet in seinem “erzählten Essay”, wie er selbst es nennt, ganz unterschiedliche literarische Formen. Weidner gelingt es, für die verschiedenen Stoffe, Szenen, Situationen und Stimmungen, die er beschreibt, die jeweils passende Erzählform zu finden. Jede dieser Erzählformen gestaltet er individuell und passt sie ganz dem jeweiligen Inhalt an. So beschreibt er beispielsweise den Besuch der „Toten Städte“ in Syrien zunächst ganz nüchtern und berichtet von den “Styliten”, den “Säulenheiligen“, einer frühchristlichen Sekte, die ihr Leben in Askese auf hohen Säulen hockend verbrachten. Doch dann nimmt der Text an Intensität zu, es wird im Präsens erzählt und die Gedanken und wütenden Predigten des Heiligen Simeon vermitteln sich dem Leser unmittelbar, ganz so, als sei der Erzähler selbst dabei gewesen.

Kernthema des Buches ist nicht das Verhältnis des Westens zur islamischen Welt, sondern das Wesen des Religiösen an sich und wie diese beiden so verschiedenen Kulturen mit ihrer eigenen und anderen Religionen umgehen. In dem Wissen, dass die Kenntnisse des Islam in der westlichen Welt weder besonders groß noch besonders differenziert sind, nimmt Weidner seine Leser bei der Hand und lässt sie entscheidende Erfahrungsmomente seines eigenen Islam-Entdeckens miterleben. So ist denn auch der Autor selbst die Klammer, die diese, was Schauplatz, Form und Zeit angeht so unterschiedlichen fünf “Kapitel” zusammen hält. Anfang und Ende bilden zwei kürzere Teile, die die erste intensive Begegnung mit dem Koran schildern. Dieses Buch, das der siebzehnjährige Weidner am Schluss der eingangs erwähnten Reise trotz finanzieller Bedenken in einer zweisprachigen Ausgabe erwirbt, fasziniert ihn nach anfänglichen Schwierigkeiten derart, dass ihm die religiösen Texte nicht nur auf der stürmischen Schiffspassage nach Europa geistigen Halt bieten, sondern auch die Möglichkeit eröffnen, eine Alternative zur eigenen, mit kritischem Abstand wahrgenommenen Heimat zu finden.

Die drei zentralen Kapitel führen an Schauplätze in Algerien, Syrien, Libanon und Ägypten, wo Stefan Weidner meist zu Vorträgen eingeladen ist. Er schildert Unterhaltungen, Diskussionen und auch Streits über historische und aktuelle Themen und berichtet von schillernden und provokativen Persönlichkeiten: Da ist zum Beispiel die libanesische Tänzerin Ariane, die als Kind nach Deutschland geschickt wurde und nun den Koran nach den Regeln der Eurythmie tanzen möchte. Da ist auch der syrische Wirtschaftswissenschaftler, der in Köln studiert hat und den Deutschen mit dem Sinnspruch “Arbeit macht das Leben süß” in einen Strudel widerstreitender ethischer Überlegungen stürzt. Und da ist schließlich der verwandlungsfähige Vertreter eines fundamentalistischen Islam, der die Überlegenheit der eigenen Religion unter anderem damit begründet, dass diese nicht wie der Westen, in Jahren, sondern in Jahrhunderten denke.

Weidners theoretische Reflexionen werden dem Leser in Form von Vorträgen präsentiert, die der Autor jeweils mit einer formelhaften Einleitung versieht und mit einer Diskussion mit dem Publikum abschließt. Diese essayhaften Texte bilden das theoretische Kernstück des Buches, hier entwickelt der Wissenschaftler Weidner Fragestellungen zu ganz unterschiedlichen Themen.

So setzt er sich in einem dieser Vorträge mit Samuel Huntingtons Arbeit über den Zusammenprall der Kulturen auseinander. Im gleichen Vortrag entwickelt er ein Bild, das den Islam analog zur Computerwelt als “Hardware” (als Matrix, an die sich die Welt anpassen muss) oder als “Software” darstellt, die ihrerseits an die Gegebenheiten angepasst werden kann. Entscheidend für das zukünftige Zusammenleben der Kulturen und Religionen auf der Erde ist, welches Verständnis des Islam (und auch anderer Religionen) sich letztlich durchsetzen kann.

In einem weiteren Vortrag geht er der Möglichkeit nach, religiöse Texte mit modernen Methoden der Diskursanalyse zu dekonstruieren und weist auf die Gefahr hin, sie auf diese Weise zu entwerten. Vor Studenten der Al Azhar Universität Kairo schließlich spricht er über die gegensätzlichen Realitätsbegriffe der westlichen und der islamischen Kultur, indem er einen Satz des “Großmeisters der arabischen Mystik”, Ibn Arabi, analysiert: “Das Mögliche hat einen Geschmack im Sein.” Seine Erläuterungen und Überlegungen zu diesem Satz verknüpft er mit der Frage “Was ist wirklich?” und gelangt auf diesem Weg erneut zu den Thesen Huntingtons.

Außerordentlich brisant ist Weidners Buch dort, wo er Diskussionen - seien sie nun fiktiv oder tatsächlich erlebt – wiedergibt und mit der eigenen westlichen und der fremden islamischen Stimme spricht. Die an seinen Vortrag anschließende Diskussion mit den islamischen Theologie-Studenten bricht ein Tabu, weil diese die Vergöttlichung Mohammeds ablehnen. Sie wollen Mohammed wieder zu einem Sterblichen machen, indem sie einen Hollywood-Film über sein Leben fordern, der das Bilderverbot durchbräche. Dadurch würde erreicht, dass ausschließlich der Koran selbst Gottes Wort wäre und damit absolut Gültigkeit hätte, große Teile der islamischen Gesetze aber menschlichen Ursprungs wären und damit den Status der Unfehlbarkeit verlören. Der Muslim könne erst dann wieder ein wahrer Muslim sein und wäre nicht länger ein “Mohammedaner”.

Mit seinem Titel “Mohammedanische Versuchungen” ist Weidner in mehrfacher Hinsicht ein Coup gelungen. Zum einen teilt er seine persönlichen Erfahrungen und Überlegungen bei der Erforschung des Religiösen und der Mystik im Allgemeinen und des Islam im Besonderen mit dem Leser. Seine kenntnis- und facettenreichen Darstellungen bieten gleichzeitig eine Einführung in den Aufbau des Koran sowie zu verschiedenen Grundsatzfragen, wie sie in der arabischen Welt diskutiert werden. Schließlich gewährt er durch seinen subjektiv-geprägten Erzählstil einen Einblick in die Befindlichkeit seiner Generation und deren mitunter ungeklärt scheinendes Verhältnis zum eigenen Land. Weidners Buch wird sowohl im Westen wie auch in arabischen Ländern Anlass für eine angeregte Diskussion sein und einen - so wäre es zu wünschen - Beitrag zum besseren gegenseitigen Verständnis der Kulturen leisten.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 19.09.2005