Sparte: Sachbuch

Rainer-K. Langner
Das Geheimnis der großen Wüste. Auf den Spuren des Saharaforschers Gerhard Rohlfs

Buchbesprechung

Insgesamt zehn Reisen unternahm der Afrikaforscher Gerhard Rohlfs in den Jahren von 1861 bis 1885. Zwar ist sein Name heute nicht mehr so geläufig wie die seiner berühmteren Kollegen Mungo Park, David Livingstone oder Heinrich Barth und Gustav Nachtigal. In seinem Jahrhundert aber kannte man Gerhard Rohlfs als Abenteurer, Forscher und schließlich als Gesandten des deutschen Kaisers auf Sansibar.

Rainer-K. Langner gelingt es in seinem Buch auf fesselnde Weise, das Leben Rohlfs’ mit der Beschreibung der wissenschaftlichen Praxis und der europäischen Sicht auf den afrikanischen Kontinent zu verbinden. Damals gab es noch weiße Flecken auf der Karte Afrikas, und viele Teile der Sahara waren für die Europäer unbekannt und geheimnisvoll. Dass die nordafrikanischen Völker wie die Tuareg, die Berber oder die zahlreichen arabischen Stämme diese Geheimnisse schon Jahrhunderte vorher gelüftet haben könnten, kam den selbstbewussten und fortschrittsgläubigen Europäern erst gar nicht in den Sinn. Von einem ungetrübten Gefühl der Überlegenheit getragen, konnte ein unternehmungsbereiter und mit entsprechenden finanziellen Mitteln ausgestatteter Expeditionsleiter wie Gerhard Rohlfs auch ohne jede geografische oder geologische Ausbildung zum „Afrikaforscher“ werden.

Rohlfs, immer schon mit einem Hang zum Militärischen, hat bereits mehrere Einsätze als Soldat verschiedener Armeen hinter und ein abgebrochenes Medizinstudium hinter sich, als er sich dreißigjährig zu seiner ersten Reise in die Wüste aufmacht. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe reist er durch Marokko und überquert das Atlas-Gebirge. Da er damit rechnen musste, als christlicher Europäer auf Ablehnung und Feindseligkeit zu stoßen, verkleidet sich Rohlfs als gläubiger Muslim. Eher zufällig entdeckt er die geografische Eigenständigkeit des Anti-Atlas. Als er wegen seiner Verkleidung bei einem Überfall fast umgebracht wird, überlebt er nur mit Hilfe freundlich gesonnener Wüstenbewohner, die ihn finden und retten. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland übergibt er seine Aufzeichnungen an einen der wichtigsten Geographen des Landes, Heinrich Petermann, der den Stellenwert von Rohlfs Aufzeichnungen erkennt und ihm erste größere Anerkennung verschafft.

Anstatt den Leser aber chronologisch von den zahlreichen Abenteuerreisen zu berichten, befasst sich Langner in seinem Buch mit zwei weiteren großen Themen, der Wüste Sahara und der Haltung Europas gegenüber dem afrikanischen Kontinent und seinen Bewohnern. Das Leben Gerhard Rohlfs’ wird vor diesem Hintergrund erst wirklich verständlich, und auch die außerordentliche Faszination, die die Sahara, diese in jeder Hinsicht extreme Landschaft, zeitlebens auf ihn ausgeübt hat.

In einzelnen, wie eingestreut wirkenden Abschnitten geht Langner auf verschiedene Aspekte wie Entstehung und geologische Formationen der Wüste, meteorologische Besonderheiten wie Winde und deren Auswirkungen auf das Landschaftsbild oder die Überlebensstrategien von Flora und Fauna unter diesen schwierigen klimatischen Bedingungen ein. Heute gehört es fast zum Allgemeinwissen, dass unter der Sahara ein gewaltiges Reservoir an fossilem Grundwasser liegt, moderne Mess- und Bohrmethoden haben diese Erkenntnis ermöglicht. Dass aber schon im 14. Jahrhundert fünfzig Meter tiefe artesische Brunnen unter Ausnutzung von Sklavenarbeit zu einem regelrechten Wasserversorgungsystem ausgebaut worden waren, geriet schnell in Vergessenheit, als die französische Kolonialmacht die Sklaverei abschaffte und die Brunnen verfielen.

An diesem Beispiel wird eine der herausragenden Eigenschaften dieses vielschichtigen Buches deutlich: Langner beschreibt ohne zu werten. Gerhard Rohlfs, sein „Gegenstand“, ist ein widersprüchlicher Mensch, zum einen durch und durch den Werten seines Kontinents, seiner Religion und seines Jahrhunderts verhaftet. Er hält sich für klüger und zivilisierter als die Menschen, die er in Afrika trifft. Er nimmt als „Herr“ für sich das Recht in Anspruch, einen schwarzen Jungen, dem er das Leben rettet, als Sklaven zu behalten, ihn nach Europa zu bringen und dort dem König zu schenken. Zum anderen ist er oft den Lebensbedingungen der Wüste nicht gewachsen, muss Expeditionen vorzeitig abbrechen, scheitert an Stellen, die von den Bewohnern der Wüste ohne Weiteres überwunden werden konnten. Auch auf politischem Gebiet fehlt ihm mitunter der Weitblick und er tappt in manche Falle, die ihm von lokalen Machthabern gestellt wird. Aber im Unterschied zu so vielen verschollenen und ermordeten Forschern kehrt Rohlfs immer wieder nach Deutschland zurück.

Auch sein Streben nach bürgerlicher Anerkennung und Arriviertheit kollidiert immer wieder mit seiner fast kindlichen Suche nach Abenteuer und Entdeckung. Von fixen Ideen geleitet lässt er diplomatische Aufträge unerledigt und reist statt ins Kongo-Becken in die libysche Wüste. Trotzdem schickt ihn Bismarck schließlich in seiner Eigenschaft als „Afrikaexperte“ als Generalkonsul nach Sansibar, um auf diplomatischem Wege die Möglichkeiten für ein deutsches Engagement in Ostafrika auszuloten. Doch inzwischen hat Rohlfs zu viel Sympathie und Verständnis für die afrikanische Bevölkerung und stellt sich daher gegen die skrupellosen Methoden eines Carl Peters, der das Deutsche Reich 1888 dazu bringt, für die von ihm zusammengeraubten Ländereien als Schutzmacht aufzutreten. Rohlfs Einsatz gegen Peters und gegen die Sklaverei führt schließlich zu seiner schnellen Abberufung.

Gerade die Verknüpfung der drei unterschiedlichen Darstellungsebenen, nämlich der biografischen, der geografisch-geologischen und der historisch-politischen Ebene macht dieses Buch so spannend und erkenntnisreich. Es ist weit mehr als die Biographie eines außergewöhnlichen Menschen. Es beschreibt die Begegnung eines Kulturraumes mit einem anderen, einen „Clash of Cultures“, eine Beschreibung, die manchmal durchaus Assoziationen zur heutigen Situation weckt.
Heike Friesel

Von Heike Friesel, 27.12.2004